16.01.13

Augstein-Debatte

Dämonisierung mit dem Ziel der Delegitimierung

Samuel Salzborn ist Sozialforscher an der Uni Göttingen. Die Kolumnen des Journalisten Jakob Augstein hält er aus mehreren Gründen für antisemitisch. Er warnt davor, sie zu verharmlosen. Ein Gespräch.

Von Philip Kuhn
Foto: dpa

Die Debatte um Antisemitismus ist mit seinem Namen verbunden: Freitag-Chef Jakob Augstein
Die Debatte um Antisemitismus ist mit seinem Namen verbunden: "Freitag"-Chef Jakob Augstein

Die Welt: Herr Salzborn, seit Wochen gibt es eine Debatte um den Journalisten Jakob Augstein. Das Simon Wiesenthal Center (SWC) wirft ihm antisemitische Verunglimpfungen vor und stellt ihn aufgrund seiner Äußerungen in eine Reihe unter anderem mit dem iranischen Diktator Mahmud Ahmadinedschad. Sie haben seine Kolumnen analysiert. Zu welchem Ergebnis sind Sie gelangt?

Samuel Salzborn: Es geht um zwei sich überlappende Dimensionen: zum einen um Begriffe und Denkfiguren, die antisemitisch sind; zum anderen um das andeutungsvolle Raunen seiner Argumentation. Einige Beispiele: Augstein glaubt, Israel gefährde den Weltfrieden und suggeriert, die Gewalt in der Welt nutze "den Wahnsinnigen und den Skrupellosen" und damit auch "den US-Republikanern und der israelischen Regierung".

Ferner unterstellt er, dass, "wenn Jerusalem anruft", sich Berlin "dessen Willen" beuge und die "Regierung Netanjahu die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs" führe. Für Augstein ist Israel im NS-Jargon eine "Besatzungsmacht", Gaza ein "Lager", in dem Israel sich seine Gegner "ausbrütet". Er vergleicht islamische Fundamentalisten mit "Ultraorthodoxen oder Haredim" und behauptet, "die Juden" hätten insofern "ihre eigenen Fundamentalisten". Darin kommt vieles zusammen.

Die Welt: Was meinen Sie genau?

Salzborn: Die antisemitische Machtphantasie, Juden beziehungsweise Israel würden die Welt lenken und kontrollieren, sie würden von Kriegen profitieren und sie gar selbst zum eigenen Nutzen inszenieren. Die Analogie zu NS-Terminologie kehrt Opfer und Täter um und projiziert den Nationalsozialismus und die NS-Verbrechen auf Israel, schließlich kulminierend in dem Begriff "die Juden" – in einem Kontext, der eigentlich von Israel handelt, nun aber begrifflich "die Juden" auf- und angreift.

Augstein misst israelische Politik insofern mit doppelten Standards und dämonisiert Israel mit dem Ziel, die israelische Politik zu delegitimieren. Diese Messung mit doppelten Standards, die Dämonisierung und die Delegitimierung sind die drei wesentliche Indikatoren dafür, dass es sich nicht um Kritik, sondern um Antisemitismus handelt – in seiner antizionistischen Variante. Diese ist allerdings durch die Identifizierung der Israelis als "die Juden" noch erheblich erweitert.

Die Welt: In der Diskussion um seine Texte hatte man den Eindruck, dass viele Augstein auf dieser Liste nicht sehen wollen. Auch weil dort Personen wie Ahmadinedschad vertreten sind. Halten Sie es für vertretbar, ihn derart zu exponieren?

Salzborn: Natürlich ist die politische Gefahr, die von Augstein ausgeht, marginal – sieht man einmal von seinen expliziten Bemühungen ab, mit seinen Texten auch deutsche Waffenlieferungen an Israel in Misskredit zu bringen und insofern die israelische Möglichkeit zur Selbstverteidigung zu reduzieren.

Aber würde das Simon Wiesenthal Center nicht auf Personen wie ihn hinweisen, würde ein wesentlicher Punkt völlig aus dem Blick geraten: Antisemitismus findet sich nicht nur bei Terroristen wie der Hamas oder vom Vernichtungswahn getriebenen Politikern wie Ahmadinedschad, sondern Antisemitismus ist eine spezifische Haltung zur Welt, die sich genauso in Taten wie in Worten ausdrückt. Es geht bei der Diskussion aber nicht nur um Augstein, dafür ist er als Person zu uninteressant und unbedeutend.

Die Welt: Sondern?

Salzborn: Es geht vielmehr um die Haltung, die er repräsentiert – und um die Dramatik des Versagens von Teilen des linksintellektuellen Spektrums, sich der eigenen Vergangenheit selbstkritisch zu stellen. Einer Vergangenheit, die aus einer Melange aus dem Verkennen des antisemitischen Charakters des Nationalsozialismus und der eigenen NS-(Fehl-)Analyse, nicht aufgearbeiteten Familienbiografien und seit den 68ern entwickelten, kruden Sympathien für antisemitische Bewegungen zusammengesetzt ist – und nun nicht reflektiert, sondern auf Israel projiziert wird.

Die Welt: Augstein schreibt in einem seiner Spiegel-Online-Texte, es sei nicht bewiesen, dass Iran die Atombombe anstrebe. Laut Berichten der Internationalen Atomenergiebehörde gibt es dafür aber Beweise.

Salzborn: Ob er das vorsätzlich oder unwissend tut, müsste Augstein selbst erklären. Ich habe bei vielen Formulierungen in seinen Texten den Eindruck, dass er dem selbst gewählten Anspruch, ein kritischer Journalist zu sein, in keiner Weise gerecht wird. Denn gerade als linker Intellektueller sollte er doch wissen, dass Kritik nicht einfach nur darin besteht, etwas, das einem selbst nicht behagt, abzulehnen. Das ist keine Kritik, das ist Affekt.

Kritik ist viel mehr, sie umfasst auch Selbstkritikfähigkeit und damit zugleich die Notwendigkeit, das Kritisierte auch an Fakten zu messen. Tut man dies nicht, übt man keine Kritik, sondern äußert eine unreflektierte Meinung. Und der Übergang von Meinung zum Ressentiment, von dem sich Kritik abgrenzen müsste, ist fließend.

Die Welt: Und im Fall Augstein heißt das?

Salzborn: Wer, wie Augstein in seinen Kolumnen zu Israel, Argumente von Raunen und Fakten von Unterstellungen allein schon deshalb nicht trennen kann, weil das dafür notwendige Differenzierungsvermögen zumindest nicht erkennbar wird, demontiert sich damit im Anspruch als kritischer Journalist selbst.

Die Welt: Augstein schreibt über Gaza, es sei ein Lager, in dem sich Israelis ihre eigenen Gegner ausbrüten. Das erinnert an eine Terminologie, wie man sie mit dem Nationalsozialismus in Verbindung bringt. Was ist seine Absicht?

Salzborn: Diese Argumentation ist fatal. Was ist die erste Assoziation, die der Begriff "Lager" im deutschen Kontext auslöst? Verteidiger von Augstein würden sagen, nicht unbedingt das Konzentrationslager, ich zweifele allerdings daran, dass der Begriff des Lagers im deutschen Kontext anders konnotiert ist. Und selbst wenn: Alle Varianten, die einem zu dem Begriff Lager spontan einfallen, haben etwas mit totalitären Systemen zu tun, mit systematischer Entrechtung, mit Entmenschlichung, mit Brutalität.

Die palästinensischen Bewegungen hatten von Anfang an die Vernichtung Israels als zentrales Ziel, und Gruppen wie die Hamas sind bis heute davon nicht abgewichen. Der Kern ihrer Politik ist Antisemitismus. Was würde passieren, wenn sich Israel – als einzige Demokratie in der Region – nicht wehren würde? Dann hätten die Antisemiten erreicht, was sie wollen, der Staat Israel würde zerstört und seine Bürgerinnen und Bürger ermordet.

Insofern ist die Formulierung vom "Lager" und dem "Ausbrüten" der Gegner ohne Zweifel antisemitisch: einerseits wegen der gewählten Begriffe, die einen Vergleich zum Nationalsozialismus suchen und insofern eine Täter-Opfer-Umkehr vornehmen, andererseits wegen der Grundintention, die Israel die Rolle des mutwilligen und bösartigen Aggressors zuschreibt und dabei nicht nur doppelte Standards anlegt, sondern israelische Politik dämonisiert und nachhaltig zu delegitimieren versucht. Und schließlich wegen der kompletten Enthistorisierung zugunsten einer Weltsicht, die jenseits von kontextuellen Zusammenhängen im Sinn von Ursache und Wirkung ausschließlich subjektiv und moralisch verurteilend agiert, ohne die politische Dimension des Konflikts auch nur anzuerkennen.

Die Welt: Haben Sie den Eindruck, dass sich Augstein im Klaren darüber ist, dass er also antisemitisch argumentiert?

Salzborn: Das scheint mir von sekundärer Bedeutung, denn: Antisemitismus ist immer eine Mischung aus, wie Jean-Paul Sartre es formuliert hat, Weltanschauung und Leidenschaft. Ob jetzt bei jemandem die kognitive Haltung und damit auch das Selbstbewusstsein, antisemitisch zu argumentieren, gegenüber dem Affekt überwiegt oder ob letzterer stärker ist und damit unter Umständen das Selbstbild nicht das eines Antisemiten ist, ist im Ergebnis egal.

Interessanter finde ich in diesem Kontext eher die deutliche psychologische Abwehrreaktion, die gegenwärtig bei Augstein zu beobachten ist: statt inhaltlich zu argumentieren und – so er das denn kann – anhand seiner Texte zu begründen, warum denn die kritisierten Passagen in seinen Augen nicht antisemitisch seien, nimmt er selbst die Kritiker ist Visier: das SWC dafür, dass es jetzt kein gemeinsames Gespräch führen wolle, oder Broder mit der Unterstellung, ein "Stalker" zu sein. Was hat das mit dem Problem zu tun, außer dass es medial davon ablenkt?

Die Welt: Augstein schreibt in einer seiner Spiegel-Online-Kolumnen: "Aber wenn jede Kritik an israelischer Besatzungspolitik antisemitisch ist, hört Antisemitismus auf, etwas Verwerfliches zu sein. Das freut die echten Rassisten und Antisemiten." Will er sich damit gegen Kritik immunisieren?

Salzborn: Ja. Augstein dreht die Perspektive um. Denn es geht ja nicht um unsachliche Vorwürfe, die aus der Luft gegriffen sind. Kritik am Antisemitismus soll den "echten Rassisten und Antisemiten" nutzen? Da muss schon rückgefragt werden: Wer soll das denn sein, wenn sich alle Antisemiten selbst von ihrem Antisemitismus freisprechen und für ihn neue, scheinbar unverfängliche Begriffe erfinden? Und: Es ist eine antisemitische Fantasie, dass Kritik an Israel in Deutschland generell als antisemitisch gelten würde – über kaum ein anderes Land der Welt wird in deutschen Medien so viel, so intensiv und so kritisch berichtet, wie über Israel. Interessanterweise sind es aber vor allem Antisemiten, die schon – offenbar unbewusst ahnend oder bewusst wissend – präventiv ihre Ressentiments mit dem Deckmantel kaschieren wollen, alle "Kritik" an Israel werde als antisemitisch klassifiziert.

Das eigentliche Dilemma ist aber doch, dass die meisten Medien in Deutschland mit Blick auf das Thema Antisemitismus im Kontext des Nahost-Konfliktes völlig unfähig geworden sind, Fakten von Meinungen zu unterscheiden. Der Ausgangspunkt aller Diskussionen kann doch nur sein: Israel ist die einzige Demokratie im Nahen Osten, die seit ihrer Gründung ununterbrochen angegriffen wird und sich gegen diese Angriffe verteidigt – wie jede andere Demokratie dies auch tut oder tun würde.

Die Welt: Wo verläuft nun aber die Grenze zwischen Kritik an Israel und Antisemitismus?

Salzborn: Wer Israel kritisiert, muss das in Rechnung stellen – nur dann handelt es sich um Kritik und nicht um Ressentiment. Dass man nicht alle Reaktionen Israels für gerechtfertigt oder angemessen halten mag oder auch bestimmte innen- oder außenpolitische Entscheidungen für falsch, wären dann Möglichkeiten von Kritik, wie sie medial an allen anderen demokratischen Staaten der Welt auch geübt wird und ja oft auch an Israel.

Wenn Augstein aber zum Beispiel fordert, man müsse jetzt internationalen Druck auf Israel ausüben und dies mit den Sanktionen gegen den Iran vergleicht, dann legt er insofern doppelte Standards an, als in einem Fall mit dem Iran ein totalitäres Regime mit (bisher wenig weitreichenden) Sanktionen unter Druck gesetzt werden soll, seine antisemitischen Vernichtungsdrohungen nicht in die Tat umzusetzen und im anderen Fall mit Israel eine Demokratie fundamental in ihrem Selbstverteidigungsrecht beschnitten werden soll.

Das ist zweierlei Maß, das sind doppelte Standards, die man – außer gegenüber Israel und bisweilen auch gegenüber den USA – an keine andere Demokratie anlegen würde.

Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen und Autor des Buches "Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich" (Campus Verlag 2010).

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