15.01.13

Afrika-Experte

"Die malische Armee ist völlig überfordert"

Alex Vines, Direktor der Afrika-Abteilung des renommierten Thinktanks Chatham House, über Wüstenkrieg, Frankreichs Möglichkeiten und die Zusammenarbeit der Dschihadisten in Mali.

Foto: AFP

Soldaten aus Mali bewachen ein Ecowas-Treffen in Bamako
Soldaten aus Mali bewachen ein Ecowas-Treffen in Bamako

Alex Vines ist Direktor der Afrika-Abteilung des renommierten Thinktanks Chatham House in London und unter anderem Experte für strategische und Sicherheitsfragen.

Berliner Morgenpost: Wie beurteilen Sie das französische Engagement in Mali?

Alex Vines: Die afrikanischen Truppen sind noch nicht bereit für einen Einsatz gegen die Islamisten, deshalb war das militärische Eingreifen Frankreichs zu diesem Zeitpunkt wichtig und richtig. Die malische Armee ist mit dieser Aufgabe völlig überfordert, ohne französische Hilfe hätte es die jüngsten Erfolge nicht gegeben. Aber auch die Truppen der Ecowas (Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft, d. Red.) sind nicht ausreichend für einen Wüstenkrieg ausgebildet, das bräuchte noch Zeit.

Berliner Morgenpost: Aber sind denn ausgerechnet europäische Ausbilder die richtigen für Wüstenkampf-Training?

Vines: Die malische Armee benötigt erst einmal eine grundsätzliche Ausbildung. Die geplante 250 Mann starke Ausbildereinheit, die die Europäische Union schicken will, ist also schon hilfreich. In Somalia hat sich gezeigt, dass das Prinzip funktionieren kann.

Berliner Morgenpost: Wie geht es jetzt militärisch weiter?

Vines: Die Franzosen wollen eine Pufferzone errichten, um ein weiteres Vordringen der Islamisten gen Süden zu verhindern, das ist sinnvoll. Aber Pläne, nach Norden vorzurücken und die Aufständischen dort zu vertreiben, halte ich derzeit für keine gute Idee. Denn zum einen beginnt bald die Regensaison, und zum anderen wären die malischen und die Ecowas-Soldaten gar nicht in der Lage, die Landgewinne zu halten. Ich denke, es wäre besser, sich an den ursprünglichen Plan zu halten: die Armee in Mali aufzubauen und auszubilden und im Süden glaubhafte demokratische Wahlen abzuhalten. Gleichzeitig sollte man versuchen, die Zusammenarbeit der kämpfenden Gruppen im Norden zu stören und sie zu trennen.

Berliner Morgenpost: Was weiß man über diese Gruppen?

Vines: Die wichtigsten sind die islamistischen Tuaregs von Ansar al-Dine, al-Qaida im Islamischen Maghreb (Aqim) und die Aqim-Splittergruppe Mujao. Die Tuareg-Separatisten der MLNA hatten den Konflikt ursprünglich ausgelöst, wurden aber von den Extremisten ausgebootet. Es gibt offenbar auch ausländische Kämpfer, aber Berichte von einem panafrikanischen Dschihadismus halte ich für übertrieben. Es mögen Kämpfer von Boko Haram aus Nigeria oder al-Schabab aus Somalia beteiligt sein, aber nicht als Organisation, sondern eher als Söldner.

Berliner Morgenpost: Was bedeutet die Islamisierung in Nordmali für Europa?

Vines: Die Lage in Mali ist eine große Bedrohung für die Nachbarländer und Europa. Das ist auch der Grund dafür, dass selbst Algerien das französische Engagement in Mali unterstützt oder zumindest duldet – das hat die Regierung lange konsequent abgelehnt. Außerdem gehören die diversen Gruppen und Splittergruppen, die in Nordmali und der Region agieren, zur organisierten Kriminalität: Schmuggel von Drogen, Waffen und Menschen, zum großen Teil nach Europa, sowie eine Entführungsindustrie.

Berliner Morgenpost: Ist es eine Option, den Nachschub an Waffen für die Extremisten stoppen?

Vines: Das ist so gut wie unmöglich, schon von der Größe und Beschaffenheit der Region. Die Aufständischen sind bereits gut ausgestattet – das ist quasi das Erbe des libyschen Zusammenbruchs. Und sie sind offensichtlich auch gut ausgebildet und motiviert.

Berliner Morgenpost: Die Armee in Mali hatte 2012 den demokratisch gewählten Präsidenten Touré gestürzt. Sollte der Westen seine Hilfe an die Forderung nach einer Rückkehr Tourés koppeln?

Vines: Zum einen fand der Putsch im März 2012 nur Wochen vor der geplanten Präsidentenwahl statt, Tourés Amtszeit war also ohnehin zu Ende. Und zum anderen war er ein Teil des Problems, er hatte das Interesse am Norden und den Problemen dort verloren. Besser wäre meines Erachtens eine Wahl im Süden.

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