10.01.13

Katholische Kirche

Lammert kritisiert Scheitern der Missbrauchsstudie

Bundestagspräsident Lammert ist enttäuscht, dass die Aufarbeitung von Missbrauch in der katholischen Kirche gescheitert ist. Diese wehrt sich juristisch gegen Zensurvorwürfe des Kriminologen Pfeiffer.

Foto: dapd

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU): „Mit dem Forschungsauftrag sollten die öffentlich angemeldeten Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Aufklärungsinteresses der katholischen Kirche ausgeräumt werden“
Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU): "Mit dem Forschungsauftrag sollten die öffentlich angemeldeten Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Aufklärungsinteresses der katholischen Kirche ausgeräumt werden"

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) hat mit Kritik auf das Scheitern einer Studie zu Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche reagiert.

Lammert sagte der Berliner Morgenpost, er teile die Enttäuschung, dass die wissenschaftliche Aufklärung der Missbrauchstaten vorerst gescheitert sei. Lammert: "Dies ist umso bedauerlicher, weil mit dem Forschungsauftrag die öffentlich angemeldeten Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Aufklärungsinteresses der katholischen Kirche ausgeräumt werden sollten."

Er persönlich teile diese Zweifel nicht, "aber ich kenne weder die Vereinbarung der Kirche mit dem betreffenden Institut, noch kann ich die Streitpunkte bewerten, die zur Auflösung des Vertrages geführt haben", betonte der Bundestagspräsident.

Kirche wehrt sich juristisch gegen Vorwürfe

Im Streit um die gestoppte Studie geht die Deutsche Bischofskonferenz indes rechtlich gegen Zensurvorwürfe vor. Der Hannoveraner Kriminologe Christian Pfeiffer sei aufgefordert worden, nicht mehr von Zensur in der Kirche zu sprechen, weil dies schlichtweg falsch sei, teilte die Bischofskonferenz mit.

Der Direktor des ursprünglich mit der Studie beauftragten Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) bestätigte, er habe von der Kirche eine Unterlassungserklärung erhalten.

Pfeiffer kündigte an, er werde die Aufforderung nicht befolgen, denn die Erklärung sei rechtlich nicht gültig, sagte er dem Evangelischen Pressedienst. Dem Schreiben sei keine Vollmacht beigefügt.

Pfeiffer: Aktenvernichtung und Zensur

Die Bischöfe hatten am Mittwoch vorzeitig den Vertrag über das Projekt mit dem Institut gekündigt. Dessen Leiter Pfeiffer wirft der Kirche die Vernichtung von Missbrauchsakten und Zensur vor.

Beides wies die Bischofskonferenz am Donnerstag erneut zurück. "Es gibt keinerlei Hinweise für Aktenvernichtungen im kirchlichen Bereich", sagte DBK-Sekretär Hans Langendörfer im Deutschlandfunk. Auch habe es keine Einflussnahme gegeben. "In dem letzten Vertragsentwurf ... ist überhaupt keine Rede davon, dass es eine, wie Herr Pfeiffer gerne sagt, Kontrolle, Zensur geben solle."

Langendörfer bezeichnete Pfeiffer als renommierten Wissenschaftler, der "unseriös geworden ist". Die Bischofskonferenz will sich nun einen neuen wissenschaftlichen Partner suchen.

Justizministerin Leutheusser lobt Pfeiffer

Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) sagte hingegen, dass sie stets gute Erfahrungen mit Pfeiffers Institut gemacht habe. "Da hat Herr Pfeiffer immer auch sehr intensiv gearbeitet. ... Er gehört wirklich mit zu den ersten Adressen in Deutschland."

Es entstehe der Eindruck, dass "die Kirche am Ende die Hand drauf haben wollte, darauf, was soll wirklich veröffentlicht werden und was nicht an Erkenntnissen, die gewonnen werden", sagte Leutheusser.

Auch Ministerin Alt spricht von "Zensur"

Die Familienministerin von Rheinland-Pfalz, Irene Alt (Grüne), warf der katholischen Kirche ebenfalls Zensur vor. "Unser aller Sinn muss sein, bei diesen Sachen präventiv tätig zu werden, um den Missbrauch zu verhindern. Und natürlich muss man auch aufarbeiten, was in der Vergangenheit passiert ist." Sie könne "natürlich nicht gutheißen, dass eine solche Zensur vorgenommen wird", sagte Alt.

Der Münsteraner Theologe Klaus Müller vermutet hinter dem Streit zwischen Kirche und Pfeiffer einen Machtkampf unter den Bischöfen. Insbesondere konservative Geistliche hätten Angst vor den Ergebnissen, sagte der Wissenschaftler vom Exzellenzcluster "Religion und Politik" an der Universität Münster.

Müller: "Es kann nur daran liegen, dass die Seite der Bischöfe, die diese Form der Aufklärung für richtig halten, unter massivem Druck der konservativen Kräfte stehen."

Neue Kampagne gegen Missbrauch startet

Der unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, bedauerte den vorläufigen Stopp des Forschungsprojekts.

"Es wäre ein ganz wichtiger Baustein im Bereich der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in Deutschland gewesen", sagte Rörig im ZDF-"Morgenmagazin". "Für Betroffene ist Aufarbeitung sehr, sehr wichtig, um das Erlebte auch gut verarbeiten zu können."

In Berlin gab Rörig den Startschuss für die Kampagne "Kein Raum für Missbrauch". Fernsehspots, Infoblätter und eine Internetseite sollen Eltern und Betreuer dazu ermuntern, die Einführung von Schutzkonzepten einzufordern – sowohl in Kitas und Schulen als auch in Sportvereinen und Kirchengemeinden. Analog zur roten Aids-Schleife wird ein weißes X zum Symbol der neuen Kampagne.

Quelle: kam/dpa/epd/jw
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