10.01.13

Präsidentschaftswahl

Tschechien sucht den "Superstar"

In einer TV-Show mit "Applausometer" und wenig Politischem messen sich Tschechiens Präsidentschafts-Kandidaten – am Wochenende wird das Volk entscheiden. Zwei Ex-Premiers sind die Favoriten.

Von Hans-Jörg Schmidt
Foto: dpa

In einer TV-Diskussion messen sich die Präsidentschafts-Kandidaten Milos Zeman (l.) und Jan Fischer (r.)
Sie sollen Präsident werden: In einer TV-Diskussion messen sich die Kandidaten Milos Zeman (l.) und Jan Fischer (r.)

Wenn ein privater tschechischer Fernsehsender die beste Sendezeit für ein Politikerduell frei räumt, dann nicht für eine langweilige, am Ende vielleicht gar noch politische Abfragerei von Ansichten und Absichten der Kandidaten. Nein, der Sender TV Prima, der mit Politik ansonsten herzlich wenig am Hut hat, lässt es krachen.

Der ohrenbetäubende Lärm, den die Zuschauer im Studio schon zu Beginn veranstalten, gehört zum Konzept. Ein "Applausometer" misst bis auf zwei Stellen hinter dem Komma die Lautstärke, mit dem der Einmarsch der beiden Favoriten der anstehenden Präsidentenwahl beklatscht und begrölt wird.

Wahlkampf als TV-Show

Eine Wahl nach dem Vorbild von "Tschechien sucht den Superstar" hatte Amtsinhaber Václav Klaus misslaunig vorhergesagt, als beide Kammern des Parlaments gegen seine Empfehlung erstmals die Direktwahl des Staatsoberhauptes beschlossen hatten. "Dieser Präsident wird nicht vom Volk gewählt, sondern im Fernsehen gekürt", schwante Klaus. Er sollte recht behalten.

Zwar treten an diesem Freitag und Samstag insgesamt neun Kandidaten an, Klaus nach zehn Jahren im Amt abzulösen. Der zweifellos Schillerndste unter den Protagonisten ist der Jurist, Maler und Musikprofessor Vladimir Franz, der weit über das Land hinaus mit seiner Ganzkörpertätowierung für Furore sorgte.

Franz schneidet bei Intellektuellen und Studenten gut ab, aber eben nur bei denen. Prominent ist auch Jiri Dienstbier jr., der Sohn des legendären Außenministers, der mit Hans-Dietrich Genscher 1989 den Grenzzaun durchschnitt. Zwei Frauen sind unter den Kandidaten. Doch TV Prima hält sich an die Umfragen. Und die sehen für einen zweiten Wahlgang in 14 Tagen zwei frühere Regierungschefs weit vorn.

Milos Zeman kehrt zurück

Der eine ist Milos Zeman. Er hatte nach 1989 die lange verbotenen Sozialdemokraten wieder aufgebaut und nach ein paar mageren Jahren bis in den Regierungspalast an der Moldau geführt. Zeman war nicht nur Premier und Parlamentspräsident, sondern schon einmal Kandidat für das höchste Staatsamt. Vor zehn Jahren scheiterte er gegen Klaus, weil die eigenen Genossen ihn nicht wollten. Zeman trat danach verbittert aus der Partei aus und verzog sich auf sein Landhaus. Nun hat er doch wieder Appetit bekommen.

Zeman war neben Klaus und Václav Havel eines der ganz wenigen politischen Schwergewichte in Prag nach 1989. Zeman und Klaus schätzen sich bis heute. Der Respekt füreinander rührt aus der Zeit her, da Klaus Ende der 90er-Jahre die sozialdemokratische Minderheitsregierung Zemans tolerierte, er selbst dafür den Posten des Parlamentspräsidenten abfasste, und beide so ziemlich alle Pfründe des Landes unter sich aufteilten. Damit brachten sie große Teile der Öffentlichkeit gegen sich auf, die nicht mehr von Demokratie sprachen, sondern von "Demokratur".

Der Favorit von Klaus

Zeman ist Klaus' Favorit, weil er aus seiner Sicht am ehesten die "nationalen tschechischen Interessen" verteidigen könnte. Wie gut Zeman das kann, hatte er als Regierungschef bewiesen, als er die Sudetendeutschen als "5. Kolonne" Hitlers verunglimpfte, die sich glücklich hätten schätzen können, dass sie nach dem Krieg "Heim ins Reich" gedurft hätten, statt alle an die Wand gestellt zu werden. Das war seinerzeit selbst Zemans Berliner Genossen Gerhard Schröder zu viel: der sagte damals demonstrativ einen Besuch in Prag ab.

Der andere Favorit ist Jan Fischer. Der hat einst Tschechiens EU-Ratspräsidentschaft gerettet. Mitten in dieser Präsidentschaft hatten die damals oppositionellen Sozialdemokraten den bürgerlichen Premier Mirek Topolanek aus nichtigen Gründen gestürzt. Fischer, seinerzeit Chef des Statistischen Amtes, wurde zum Premier einer Beamtenregierung auserkoren und hielt fortan den katastrophalen Imageverlust für Tschechien in Grenzen. Nach seinem Ausscheiden wurde er mit dem Posten eines Vizechefs der in London ansässigen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung belohnt.

Alle Kandidaten stehen fest an der Seite Israels

Dass Fischer Jude ist, sein Vater für die Nazis Angaben über die tschechischen Juden sammeln musste und Auschwitz nur überlebte, weil er ein begnadeter Mathematiker war, spielt in der Show keine Rolle. Zu politisch. Es steht aber außer Frage, dass alle Kandidaten für das tschechische Präsidentenamt fest an der Seite Israels stehen.

Das hängt mit den speziellen tschechoslowakischen Erfahrungen zusammen: Schließlich wurde das Land 1938 Hitler geopfert, um – vermeintlich – den Frieden in Europa zu retten. Diese Erfahrung führte Tschechien jüngst dazu, als einziges Land der EU in der UN-Vollversammlung gegen die diplomatische Aufwertung Palästinas zu stimmen. Eine Linie, die jeder der Kandidaten für das Präsidentenamt weiterverfolgen würde. Und in außenpolitischen Fragen hat der Prager Burgherr durchaus richtungsweisende Kompetenz.

Politik nur am Rande

Aber mit Politik wurde die tosende Menge in der TV-Show bewusst nicht allzu sehr behelligt. Zeman musste sich für seinen Hang zu häufig falsch ankommenden Bonmots und für seine Schwäche für Schnäpse auch schon früh am Morgen rechtfertigen. Es sei besser, einen Präsidenten zu haben, der mal einen Witz macht, als einen, der ständig "wie chronisch magenkrank" herumlaufe, konterte er.

Mit seiner möglichen Präsidentschaft drohe zudem kein "Jelzin" auf der Prager Burg: "Ein Alkoholiker ist nicht der, der regelmäßig trinkt, sondern der, der nicht richtig trinken kann."

"Applausometer" entscheidet

Am Ende schlug das "Applausometer" mehr für Fischer aus. Bei den Politologen und Journalisten lag dagegen Zeman vorn. Geht man nach der Zahl der Fans im Internet, dann hieße der neue Präsident mit großem Abstand Karel Schwarzenberg. Doch bei Facebook tummeln sich deutlich besser Gebildete als der Durchschnitt der Wähler. Und so hat Havels ehemaliger Kanzler und jetziger weltweit renommierter Außenminister maximal Außenseiterchancen.

Dem Chefredakteur des Politmagazins "Respekt" übrigens kam beim Ansehen der TV-Show die Erleuchtung, weshalb Klaus gerade eine großzügige Amnestie erlassen hat: "Offenbar sind das alles frisch entlassene Häftlinge, die da im Fernsehstudio rumkrakelen. Woanders findet man kaum derart viele primitive Menschen am gleichen Ort."

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