08.01.13

Nach Newtown

Waffenfans wollen Moderator aus den USA werfen

Der britische CNN-Moderator Piers Morgan macht Verschwörungstheoretiker wütend: Er fordert eine Verschärfung des Waffenrechts. Schon 100.000 haben darum eine Petition unterschrieben, ihn auszuweisen.

Von Ansgar Graw
Quelle: dapd
17.12.2012 1:12 min.
Schon im Dezember lieferte sich Piers Morgan einen heftigen Schlagabtausch mit der Waffenlobby.

Mitunter muss man, um eine Sache zu diskreditieren, nur deren Anwälte reden lassen. Im Streit über das Waffenrecht, das die Amerikaner seit dem vorweihnachtlichen Massaker in Newtown stärker als wohl je zuvor emotionalisiert, bestätigte das ein aufgebrachter Gast in der Sendung des CNN-Startalkers Piers Morgan.

Da rief, schimpfte, wütete der Studiogast und hauptberufliche Radiomoderator Alex Jones seine polemisch-atemlose Verteidigung des Rechts auf privaten Waffenbesitz einem Millionenpublikum in die Wohnzimmer. "Das zweite Zusatzartikel ist nicht für die Entenjagd da!", dröhnte Jones. "Er ist da, um uns zu schützen vor tyrannischen Regierungen und Gangstern auf der Straße."

Morgan, der britische Gastarbeiter beim amerikanischen Nachrichtensender, fordert insbesondere seit dem Mord an 20 Kindern und sieben Erwachsenen in Newtown eine Verschärfung des laxen Waffenrechts der USA. Und der stimmgewaltige Jones, ein texanischer Verschwörungstheoretiker, der "9/11" für ein Komplott des "militärisch-industriellen Komplexes" hält, will den 47-jährigen Morgan daher aus dem Land der Freien deportieren lassen. Eine entsprechende Petition, zu deren Initiatoren Jones gehört, wurde inzwischen von über 100.000 Amerikanern unterzeichnet. Ab 25.000 Unterschriften ist das Weiße Haus verpflichtet, zu Forderungen Stellung zu nehmen.

"Die Gewehre haben das nicht getan"

Bei dem aktuellen Vergewaltigungsfall in Indien sei die junge Frau mit einer Eisenstange tödlich verletzt worden, argumentierte Jones. Aber "die Gewehre, die Eisenstange haben das nicht getan, die Gewaltherrscher taten das. Hitler nahm die Gewehre weg, Stalin nahm die Gewehre, Mao nahm die Gewehre, Castro nahm die Gewehre, Hugo Chávez nahm die Gewehre, und ich bin hier, um Ihnen zu sagen, ein neues 1776 wird beginnen, wenn Sie versuchen, uns die Schusswaffen wegzunehmen", drohte der 38-jährige Texaner dem Journalisten unter Verweis auf das Jahr der amerikanischen Unabhängigkeit.

Zwischendurch grapschte Jones gar vergeblich nach den Notizzetteln, mit denen Morgan sich bewaffnet hatte, und warf dem einstigen Boulevardjournalisten des "Daily Mirror" vor, er sei ein "gedungener Mörder der Neuen Weltordnung", was in diesen Kreisen wohl ein Synonym ist für die große Konspiration von Bilderbergern, Freimaurern und Wall-Street-Bankern.

"Und Sie glauben, Sie sind ein harter Bursche? Lassen Sie uns nochmals treffen im Boxring, und ich werde Rot, Weiß und Blau tragen, und Sie den Jolly Roger!" Das wäre die Piratenflagge, aber vielleicht meinte der zwischendurch Morgans heimatlichen Akzent nachäffende Jones auch den britischen Union Jack, während er selbst, natürlich, in den Nationalfarben der USA kämpfen möchte.

"Sie haben einen totalen Polizeistaat"

Morgan reagierte gelassen und ruhig und wollte immer wieder von Jones wissen, wie wenige Schusswaffentote es denn wohl im Vereinigten Königreich gebe. Der Gesprächspartner explodierte wunschgemäß. "England hat eine viel geringere Zahl an Schusswaffenverbrechen, weil Sie den Leuten alle Schusswaffen weggenommen haben", räumte Jones nach ratlosen Gegenfragen ein, um dann zu erklären: "Aber Sie haben Horden von Leuten, die Städte niederbrennen und jeden Tag alten Damen das Hirn herausprügeln ... Mein Gott, Sie haben einen totalen Polizeistaat!"

In früheren Diskussionen über das Waffenrecht war Morgan selbst oft unfair aufgetreten, er ließ Gesprächspartner kaum zu Wort kommen und beschimpfte durchaus zivilisiert argumentierende Vertreter der These, mehr Waffen würden zu weniger Verbrechen führen, als "dumm". Diesmal musste er nur einem Freak das Forum geben, um jedes ernst zu nehmende Argument von dessen Tobsucht weghecheln zu lassen.

Seriöse Einwände gegen die These, allein der leichte Zugang zu Waffen sei ausschlaggebend für die hohe Verbrechensquote in den USA, gibt es ja durchaus. Wie etwa ist zu erklären, dass in der Schweiz kaum weniger Waffen im Verhältnis zur Bevölkerung im Umlauf sind, aber in dieser Relation dort nur etwa ein Drittel der Schusswaffentoten zu beklagen sind?

In den USA ist, zumindest bis Newtown, die Ablehnung schärferer Waffengesetze gewachsen, und die Zahl legal erworbener Schusswaffen hat zugenommen. Doch die Rate der Tötungsdelikte mit ihnen nimmt seit Jahren ab. Jones wies in seinen wütenden Bemerkungen darauf hin, ließ aber so viel Polemik folgen, dass Morgan darauf nicht eingehen musste. Dass die Zahl der Schusswaffentoten in den USA trotz dieses Rückgangs immer noch astronomisch hoch ist im Vergleich zu allen anderen entwickelten Staaten, blieb ebenso ausgespart.

Die Talk-Schrei-Show geriet zum klaren Sieg für Morgan. Jones mag sich immerhin darüber freuen, dass die USA den Briten zwar nicht deportieren werden – aber dieser vielleicht trotzdem das Land verlässt. Sollte es Barack Obama nicht gelingen, das Waffenrecht einzuschränken, so ließ Piers Morgan dieser Tage im "Guardian" wissen, werde er möglicherweise freiwillig zurück nach Großbritannien gehen. Zwar liebe er die USA als seine zweite Heimat. Aber ihm sei nach Newtown nicht wohl bei dem Gedanken, dass seine einjährige Tochter demnächst eine amerikanische Grundschule besuchen müsse.

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