08.01.13

Ausland über den BER

Der pharaonische Machbarkeitswahn aus Deutschland

Ganz Deutschland schäme sich für die Pannen am Flughafen BER, der Ruf der deutschen Pünktlichkeit ist in Gefahr, schreiben französische Zeitungen. So sieht das Ausland das Berliner Flughafen-Desaster.

Von G. Gnauck, G. Wüpper, C. Bomsdorf und S. Bolzen
Foto: dapd

Blick von oben: das neue Terminalgebäude des zukünftigen Flughafens Berlin-Brandenburg (BER)
Blick von oben: das neue Terminalgebäude des zukünftigen Flughafens Berlin-Brandenburg (BER)

Polen: 1,5 Millionen Passagiere

Polens Presse berichtet über die Berliner Schwierigkeiten besonders ausführlich. Aus mehreren Gründen: Über Berlin, so schreibt am Dienstag die "Gazeta Wyborcza", fliegen jährlich 1,5 Millionen polnische Passagiere.

Bereits im vorigen Frühjahr hatte die Lufthansa in Polen mit Rabatten und attraktiven Destinationen des neuen Flughafens geworben. Die Verwaltung des Flughafens BER hoffe, so die Zeitung, auf eine Verdoppelung der polnischen Passagierzahlen in Berlin.

Die Luftfahrt in Polen erlebt generell einen Aufschwung, die Zahl der Reisenden wächst jedes Jahr zweistellig, vor allem auf den zehn Flughäfen außerhalb Warschaus.

Ein besonderer Erfolg war die Eröffnung eines zweiten, kleinen Hauptstadtflughafens bei Modlin nördlich von Warschau zur Fußball-EM 2012. Aber hier haben sich Probleme eingestellt: Ein Abschnitt der Startbahn zerbröselte im Winter und wird jetzt repariert.

Niederlande, Belgien und Luxemburg

Auch in anderen Nachbarländern wird das BER-Desaster aufmerksam verfolgt. Gemeinsam mit deutschen Medien macht sich der niederländische "Volksgrant" darüber lustig, dass "der neue Berliner Flughafen schon jetzt zu klein ist". Die Korrespondentin des öffentlichen Rundfunks Nos beschreibt, wie "satt die Deutschen diese Geschichte ohne Ende haben" – und dass der Stuhl von Wowereit wackelt.

"Baustelle ohne Ende", meint der belgische "Standaard" nur lakonisch. Selbst das "Luxemburger Wort" berichtet ausführlich und kontinuierlich über die peinliche Bauposse in der deutschen Hauptstadt – von den fehlenden Gepäckbändern bis zu den immer neuen Daten und folgenden Absagen.

Frankreich: Deutsche Pünktlichkeit in Gefahr

In Frankreich ist das Berliner Flughafendesaster jedoch kein besonders großes Thema. "Der Flughafen von Berlin wird zum Politikskandal", urteilt die Wirtschaftszeitung "Les Echos" auf ihrer Internetseite. In einem längeren Bericht erläutert der Berliner Korrespondent des Blattes den Hintergrund des Desasters und die Folgen. Das Fiasko fordere nun die ersten politischen Opfer, schreibt er.

Die angehäuften Verspätungen des Flughafens seien zum Symbol des Scheiterns großer Bauprojekte in Deutschland geworden. In der Printausgabe am Dienstag ist "Les Echos" das Thema aber nur eine kleine Kurzmeldung wert.

"Die Flughafenbaustelle wird in Berlin zum Fiasko", titelt die konservative Tageszeitung "Le Figaro" auf ihrer Internetseite. Bürgermeister Klaus Wowereit befinde sich nun auf der Anklagebank. Es sei eine Farce, über die die Deutschen langsam nicht mehr lachen könnten, berichtet das Blatt. Nach viermaligen Aufschub verzögere sich die Eröffnung des Flughafens erneut, sodass ganz Deutschland anfange, sich zu schämen. Denn der geplante Flughafen sei eines der Vorzeigeprojekte der Wiedervereinigung.

Obwohl die Planungen dafür bereits 1996 begonnen hätten, sei es zu einer Serie von Pannen gekommen, erklärt der "Figaro". Das schade dem Ruf der Pünktlichkeit, der für die Zuverlässigkeit der Industrienation Deutschland stehe.

"Der deutsche Staat wird von Großbaustellen gelähmt", titelt ihrerseits die linksliberale Tageszeitung "Libération". "Misswirtschaft: Der künftige Flughafen von Berlin erlebt eine fünfte Verspätung, genau wie andere große Baustellen", lautet die Unterzeile.

Skandinavien: Berlin ist beliebtes Ferienziel

Die nordeuropäischen Medien haben das Thema sehr schnell aufgegriffen. Berlin ist bei Skandinaviern ein sehr beliebtes Ferienziel, und etliche haben sich in der deutschen Hauptstadt eine vergleichsweise billige Zweitwohnung zugelegt.

Berlin ist für Nordeuropäer die am leichtesten zu erreichende Großstadt. Entsprechend groß ist das Interesse, wenn einmal wieder beim neuen Flughafen etwas nicht klappt. Überwiegend taucht das Thema BER auf den Nachrichtenseiten auf, doch schon die Überschriften zeigen, was man von der erneuten Verzögerung hält.

So schreibt Sveriges Radio auf seiner Website: "Der Flugplatzskandal setzt den Berliner Bürgermeister unter Druck." Bei "Aftonbladet", ebenfalls aus Schweden, heißt es: "Flugplatz und Berlinboss im Gegenwind."

Noch deutlicher wird Ingrid Brekke, ehemalige Deutschlandkorrespondentin und Berlin-Kennerin, in "Aftenposten" aus Norwegen: "Der peinliche Flugplatzskandal in Berlin wird immer schlimmer."

Österreich: Witze über Berliner Flughafen

Helmar Dumbs kommentiert in der österreichischen Tageszeitung "Die Presse": "Kennen Sie den? Wird in Berlin ein Flughafen eröffnet ... Das Lachen ist vielen im Zusammenhang mit dem Problem-Airport Berlin-Brandenburg (BER) freilich längst vergangen: Den Steuerzahlern wegen explodierender Kosten, ebenso Airlines und Bahn, die bereits Schadensummen berechnen. Erfahrene Bauingenieure kommen ob der Unprofessionalität bei Planung und Abwicklung aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr raus." Klaus Wowereit habe sich – ergriffen von "pharaonischem Machbarkeitswahn" – ein Denkmal setzen wollen.

Er führt fort: "Das konnte nur schiefgehen und beantwortet gleich auch die Frage, warum die öffentliche Hand oft ein so miserabler Bauherr ist. 'Ohne meine Tätigkeit als Aufsichtsratschefvorsitzender wären wir nicht an dem Punkt, an den wir heute gekommen sind', sagte Wowereit 2005. Noch vor dem Spatenstich. Das gilt heute mehr denn je. Wowereit hat nun immerhin eine erste Konsequenz gezogen und als Vertreter des größten Gesellschafters den Aufsichtsratschef Wowereit entlassen. Vielleicht nimmt sich der Bürgermeister gleichen Namens ja ein Beispiel."

Schweiz: Tipps für Deutschland

Unter dem Titel "Peinliche Pannenserie beim Bau des Berliner Flughafens" empfehlen die Schweizer mal wieder ihre direkte Demokratie. So analysiert die "Neue Zürcher Zeitung" das Problem folgendermaßen:

"Das Grundproblem beim Bau des neuen Hauptstadt-Airports liegt weiterhin in Fehlplanungen in der Vergangenheit, die sich nur mühsam und zeitraubend korrigieren lassen. Vor allem beim Brandschutz und bei anderen Elementen der Gebäudetechnik, die schon frühere Verschiebungen verursacht hatten, kommt man nur schleppend voran. Der Airport mit dem Beinamen 'Willy Brandt' stellt allerdings keineswegs das einzige Problemprojekt in Deutschland dar. Zu grossen Verzögerungen und Kostenüberschreitungen ist es zuletzt bei einer ganzen Reihe von Infrastrukturvorhaben gekommen, etwa beim Stuttgarter Bahnhof S 21 oder bei der Elbphilharmonie in Hamburg."

Kommentator Matthias Benz führt fort: "Die auffällige Häufung verweist auf grundlegende Probleme bei grossen öffentlichen Bauvorhaben. Zum einen haben Politiker keine besonderen Anreize, eine korrekte Planung solcher Projekte voranzutreiben. Eher liegt es in ihrem Interesse, die Kosten zunächst zu tief darzustellen, damit den imageträchtigen Vorhaben wenig politischer Widerstand erwächst. Im deutschen Kontext gilt dies besonders, weil es – anders als in der Schweiz – üblicherweise keine Volksabstimmungen gibt, bei denen sich Politiker kritischen Bürgerfragen zu den Kosten und der Sinnhaftigkeit von Grossprojekten stellen müssen."

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Flughafen Berlin-Brandenburg
  • Passagiere

    Der Flughafen Berlin Brandenburg, der den Beinamen Willy Brandt trägt, soll die Nummer drei in Deutschland hinter Frankfurt und München werden. Er ist anfangs für bis zu 27 Millionen Fluggäste jährlich ausgelegt, ein Ausbau auf bis zu 45 Millionen ist genehmigt.

  • Termine

    Der 27. Oktober 2013 ist bereits der vierte Eröffnungstermin, der nicht eingehalten wird. Es gibt Planungsfehler und Baumängel vor allem bei der Brandschutzanlage.

  • Alternativen

    Der Neubau im brandenburgischen Schönefeld nahe der Berliner Stadtgrenze soll die bestehenden Flughäfen Tegel und Schönefeld sowie den bereits geschlossenen Flughafen Tempelhof ersetzen.

  • Kosten

    Bauherren sind die Länder Berlin und Brandenburg sowie der Bund. Die kalkulierten Kosten stiegen seit Baubeginn im Jahr 2006 von 2,0 Milliarden auf zuletzt 4,3 Milliarden Euro. dpa

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