06.01.13

Naguib Sawiris

Ägyptens Kopten verlieren ihren Hoffnungsträger

Er ist der einflussreichste Kopte in Ägypten. Doch die politische Lage veranlasst Naguib Sawiris dazu, sein Heimatland zu verlassen. Das macht das Leben seiner Glaubensbrüder nicht einfacher.

Von Birgit Svensson
Foto: picture alliance / dpa

Naguib Sawiris (M.) ist der einflussreichste Kopte in Ägypten. Doch er plant, seine Heimat zu verlassen
Naguib Sawiris (M.) ist der einflussreichste Kopte in Ägypten. Doch er plant, seine Heimat zu verlassen

Er stand nicht auf der Kabinettsliste, als Ägyptens Staatspräsident Mohammed Mursi am Sonntag seine Mannschaft umbildete. Aber damit hatte Naguib Sawiris ohnehin nicht gerechnet, denn die neuen Minister sind entweder Muslimbrüder oder deren Sympathisanten. Zwar wurde der Kopte für die beiden Übergangsregierungen nach dem Sturz Husni Mubaraks einmal als Finanz- und dann als Wirtschaftsminister gehandelt, doch damals regierte der Militärrat.

Im Wirtschaftsrat, den noch der letzte Premier Mubaraks einsetzte, um wirtschaftliche Reformen einzuleiten, entwickelte der Multimilliardär Sawiris zusammen mit zwölf Industriellen und Wirtschaftslenkern Konzepte, um vor allem junge Leute in Lohn und Brot zu bringen.

Doch die Revolutionslawine überrollte dieses Gremium. Sawiris trat zurück und gründete die Partei Freie Ägypter. Damit war der 58-Jährige damals einer der Ersten, der davon Gebrauch machte, dass Parteien einfacher zu gründen waren.

Liberal gesinnte Ägypter vereinen

"Wir vermissen ihn sehr", sagt Colette Frege Haggar, ebenfalls 58 Jahre alt und koptische Christin. Die zierliche Frau ist Mitglied der Freien Ägypter in Alexandria. Gründervater Sawiris habe nie nur eine christliche Partei gewollt, sondern wollte alle liberal gesinnten Ägypter vereinen.

Schon früh erkannte der Geschäftsmann die Gefahr, dass Muslimbrüder und Salafisten in Ägypten das Sagen haben könnten. Da wollte er gegensteuern. "Doch jetzt geht er ins Ausland", weiß Colette. Seitdem Mursi bei den Stichwahlen zum Präsidentenamt gewann und nun auch die von den Islamisten geprägte Verfassung mit Mehrheit angenommen wurde, macht sich bei den Freien Ägyptern Resignation breit.

Colettes Frauenkomitee ist von ehemals 23 Mitgliedern auf drei geschrumpft. Trotzdem hat sie es geschafft, in Alexandria eine Frauenkette gegen das Diktat der Islamisten zu organisieren, um auf die Unzulänglichkeiten der Verfassung für die Rechte der Frauen aufmerksam zu machen. Und sie will weitermachen.

Tagsüber organisiert sie die Kunstschule der Alexandrinischen Bibliothek, die nach dem antiken Vorbild vor zehn Jahren wieder aufgebaut und zum weltweiten Anziehungspunkt interkulturellen Austauschs wurde. "Wir müssen den Islamisten eine Lektion erteilen", sagt Haggar entschlossen. "Die Stadt war immer ein Kosmopolit, das muss sie auch wieder werden."

Bikinis sind tabu

Im Moment allerdings sieht man mehr und mehr voll verschleierte Frauen und Männer mit langen Bärten an der Corniche, der berühmten Uferpromenade am Mittelmeer. Frauen in Badeanzügen und Bikinis sind im Sommer tabu, und die hervorragenden Fischrestaurants im alten Hafen von Alexandria schenken keinen Alkohol mehr aus.

Ein von einem deutsch-ägyptischen Ehepaar über Jahre geführtes Restaurant ist kürzlich niedergebrannt. Es gibt Vermutungen, dass Brandstiftung dahintersteckt. "Dort gab es Alkohol", sagt ein Händler, der versteckt hinter dem Kassentresen einen kleinen Kühlschrank mit Bier hat. Früher habe er explizit Alkohol verkauft, seinen Laden jetzt aber als Supermarkt umgestaltet. Seine Kunden würden verstärkt Hauslieferungen anfordern.

Den verstohlenen Blicken, wenn man mit einer Tüte Weinflaschen die Straße entlanggeht, wollen sich viele nicht mehr aussetzen. Die Salafisten würden Stimmung gegen Alkohol machen, sagt Youssef, sowohl gegen den Verkauf als auch den Genuss. "Aber heute ist Weihnachten, und da brummt das Geschäft." Die Kopten begehen das Fest der Geburt Jesu nach ihrem Kalender am 7. Januar. Für einen Tag sind alle Ägypter Kopten, denn es ist ein gesetzlicher Feiertag am Nil.

Schwerer Weihrauchgeruch

Im Wadi Natrun, rund 100 Kilometer südwestlich von Alexandria, bereitet man sich schon seit Tagen auf das nach Ostern wichtigste Fest der Kopten vor. Schwerer Weihrauchgeruch hängt in der aus dem 6. Jahrhundert stammenden Kirche. Das Kloster Bishoy ist eines von drei ursprünglichen Eremitenklöstern in der Wüste Ägyptens.

Abuna Anthony, der aus der bedeutenden koptischen Gemeinde in den USA nach Ägypten gekommen ist, führt die Festtagsbesucher durch die Klostergebäude. Aus verschiedenen Gründen wandern immer mehr Mitglieder koptischer Volksgruppen aus, weswegen Kopten gegenwärtig in zahlreichen Ländern der Welt beheimatet sind.

Trotzdem seien derzeit 200 Mönche und 25 Novizen in Bishoy, sagt Anthony. Die Verbundenheit der Kopten weltweit mit dem Mutterland Ägypten sei ungebrochen. Unter Tränen schreibt Miriam einen Zettel am Sarg des verstorbenen Papstes Shenouda und legt ihn auf ein verziertes Kissen. Sein Grabmal im Kloster ist festlich geschmückt und enthält viele seiner Insignien, die ihn als Oberhaupt der koptischen Kirche charakterisierten: lange weiße, bestickte Gewänder, Schuhe, Siegelringe und die an einen Zwiebelturm erinnernde schwarze Kopfbedeckung.

Der 117. Nachfolger auf dem Stuhl des Apostels Markus, der im Nahen Osten missionierte, Kirchen und Klöster in der Region begründete, war ein regelmäßiger Besucher des Klosters Bishoy. Zweimal wöchentlich kam er hierher, um zu beten, und wollte hier begraben werden. Für die Kopten Ägyptens ist sein Sarg zur Pilgerstätte geworden.

"Seit er nicht mehr da ist, geht es uns schlecht", sagt Miriam. Sie habe Stabilität, Einheit und Frieden auf ihren Wunschzettel geschrieben. Über 40 Jahre hatte Shenouda die Kopten angeführt, war stets auf Ausgleich mit den Muslimen bedacht. "Das fehlt uns jetzt", sagt Miriam und kritisiert damit Nachfolger Tawadros, der einst Mönch in Bishoy war. Er müsse sich doch erst einarbeiten, entgegnet Anthony versöhnlich. Erst im November wurde der neue Koptenpapst gewählt.

Politisch positioniert

Allerdings hat er sich schnell politisch positioniert. Die koptischen Mitglieder des Verfassungsrats hatten das Gremium unter Protest verlassen. Die Kirche distanzierte sich von dem Entwurf, der dann Mitte Dezember zur Volksabstimmung gebracht wurde. Größter Stein des koptischen Anstoßes ist Artikel 2, in dem die Scharia, das islamische Recht, als Quelle des Rechtssystems festgelegt ist, und die höchste islamische Instanz der Sunniten, die Al-Azhar-Universität. als Wächterin für die rechtmäßige Umsetzung.

Problematisch für die Christen in Ägypten ist auch, dass der Staat und nicht die Kirche Hüter über Moral, Anstand und Ethik sein soll. Der Beschwerdebrief, den die koptische Kirche an Präsident Mursi schrieb, blieb weitgehend unbeachtet. Trotzdem wollen die Christen nun konstruktiv an der Ausgestaltung der Verfassung mitarbeiten und Einfluss auf diverse Gesetze nehmen, welche die einzelnen Artikel klarer definieren müssen.

Der Sprecher der koptischen Kirche, Bruder Rafik Gerish, erhofft sich von dem im nächsten Monat zu wählenden Parlament eine ausgewogenere Machtverteilung zugunsten von Christen und Liberalen. Die Kopten machen nach unterschiedlichen Schätzungen nur etwa zehn Prozent der rund 82 Millionen Einwohner Ägyptens aus.

Telefongesellschaft verkauft

Ob Sawiris den Wahlkampf seiner Freien Ägypter mitbestimmen wird, bleibt indes fraglich. Der reichste und einflussreichste Kopte Ägyptens hat inzwischen seine Telefongesellschaft Mobinil an eine französische Firma verkauft und sich in Italien engagiert.

Sein ambitionierter Oppositionssender ON-TV ist in tunesische Hände gegangen. In einem Interview mit der BBC klagte er frustriert die westlichen Länder an, ein Stillschweigeabkommen mit den Islamisten getroffen zu haben und dadurch die Werte der ägyptischen Revolution – Demokratie und Freiheit –, die auch die Werte des Westens seien, zu verraten. Weihnachten feiert Sawiris noch mit seiner Familie im ägyptischen Badeort al-Gouna. Danach wird er Ägypten den Rücken kehren – auf unbestimmte Zeit.

Quelle: Reuters
23.12.12 1:58 min.
Die Ägypter billigen die neue islamistisch geprägte Verfassung. Die Opposition wirft Mohammed Mursi vor, damit Islamisten entgegenzukommen – christliche Minderheiten und Frauen aber zu benachteiligen.
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