05.01.13

Indiens Gesellschaft

"Eva necken" – Aggressionen überschüssiger Männer

Fast jede Inderin weiß, was es bedeutet, sexuell belästigt zu werden. Vergewaltigungsopfer werden von Polizisten gedemütigt. Bollywoodfilme verharmlosen die dunkle Seite der indischen Gesellschaft.

Von H. Timmons und S. Gottipati
Foto: dapd
Auf einer Kundgebung in Neu-Delhi erinnern Frauen an das Schicksal der 23-jährigen Studentin und fordern von Regierung und Polizei ein schnelleres und härteres Vorgehen bei Gewalt gegen Frauen
Auf einer Kundgebung in Neu-Delhi erinnern Frauen an das Schicksal der 23-jährigen Studentin und fordern von Regierung und Polizei ein schnelleres und härteres Vorgehen bei Gewalt gegen Frauen

Neha Kaul Mehra sagt, sie sei erst sieben Jahre alt gewesen, als die zum ersten Mal sexuell belästigt wurde. Sie war auf dem Weg zum Tanzunterricht in einem wohlhabenden Viertel von Neu-Delhi, als sich ihr ein Mann in den Weg stellte und sichtbar onanierte. Aber diese Episode war bei weitem nicht die letzte.

Nach Jahren verbaler und physischer sexueller Belästigungen sei sie, so die heute 29-jährige Mehra, "voller ohnmächtiger Wut". In der vergangenen Woche ließen Mehra und Tausende andere Inderinnen ihre Wut auf Demonstrationen heraus, in Reaktion auf die Gruppenvergewaltigung einer 23-Jährigen, die aus einem kleinen Dorf in die Hauptstadt gezogen war, mit einem neuen Leben vor sich.

Diese junge Frau, die Physiotherapie studierte, war am Samstag vor einer Woche an schweren inneren Blutungen gestorben. Die Verletzungen waren ihr zwei Wochen zuvor während einer Vergewaltigung in einem Bus zugefügt worden. In ihrer Geschichte und deren brutalen Ende finden sich viele Frauen in der größten Demokratie der Welt wieder.

"Es hätte jede von uns sein können"

"Dieses Mädchen hätte jede von uns sein können", sagt Sangeetha Saini, die ihre beiden Töchter im Teenageralter am vergangenen Sonntag zu einer Demonstration mit Kerzen in Delhi mitnahm. Frauen in Indien "sind sexueller Belästigung auf öffentlichen Plätzen ausgesetzt, auf der Straße, in Bussen", sagt die 44-Jährige. "Wir können das nur in den Griff bekommen, indem wir zur Durga werden", sagt Saini unter Hinweis auf eine Hindu-Göttin, die einen Dämon tötet.

Indische Frauen haben in den vergangenen Jahren beeindruckende Fortschritte gemacht. Die Sterblichkeitsrate von Müttern ist gefallen, die Zahl der Frauen, die lesen und schreiben können oder eine Ausbildung haben, ist gestiegen, und Millionen von Frauen sind Teil der Arbeitswelt geworden.

Aber die Frauen im Herzen der aktuellen Protestbewegung sagen, sie sei aus der Erkenntnis heraus entstanden, dass Inderinnen niemals an dem Versprechen eines neuen und wohlhabenderen Indien würden teilhaben können, solange sich die Kultur des Landes nicht grundlegend ändere – egal wie fähig sie seien oder wie hart sie arbeiteten.

Regelmäßige sexuelle Belästigung

Viele Frauen in Indien erzählen, dass sie tagsüber regelmäßig sexueller Belästigung und tätlichen Übergriffen ausgesetzt sind und sich nachts nicht aus dem Haus trauen. Nun fordern sie von der Regierung und der Polizei, die Frauen kaum oder gar keinen Schutz biete, daran etwas zu ändern.

Ankita Cheerakathil, eine Studentin am St. Stephen's College, nahm auch an einer der Protestveranstaltungen teil. Sie erinnert sich daran, dass ihr vor der täglichen Busfahrt graute, als sie in dem südlichen Bundesstaat Kerala zur Schule ging. Bevor sie das Haus verließ, habe sie sich genau im Spiegel betrachtet, um sicherzugehen, dass ihre Bluse nicht zu eng ist. An der Bushaltestelle wurden die Mädchen in ihren Schuluniformen, manche erst zehn Jahre alt, unweigerlich von Männern umringt, die sie anzüglich angrinsten und sexuelle Andeutungen machten.

Der Tod des Vergewaltigungsopfers in Delhi sei kein isolierter Einzelfall, sagt Cheerakathil, "das ist die Geschichte einer jeden Inderin". Wenngleich die Tat vom 16. Dezember vergangenen Jahres von extremer Brutalität war, so gab es in Indien in den vergangenen Monaten doch mit erschreckender Regelmäßigkeit Gruppenvergewaltigungen, vor allem im Norden.

Unzureichende Reaktionen

Kritiker bemängeln, dass die Reaktion der überwiegend männlichen Polizei oft unzureichend sei, um es vorsichtig auszudrücken. In der vergangenen Woche hat eine 18-Jährige im Bundesstaat Punjab nach einer Vergewaltigung durch zwei Männer Selbstmord begangen, indem sie Gift trank. Sie war von männlichen Polizisten erniedrigt worden, die sie immer wieder aufforderten, die Tat in allen Details zu schildern, und dann vorschlugen, dass sie einen der Vergewaltiger heiratet. Dutzende weitere Gruppenvergewaltigungen wurden in den vergangenen Monaten aus den Staaten Haryana, Bihar und Uttar Pradesch gemeldet.

In Indien gibt es keine offizielle Statistik zu diesem Phänomen, aber insgesamt stieg die Zahl der Vergewaltigungen zwischen 2006 und 2011 um 25 Prozent. Allein in Neu-Delhi wurden im vergangenen Jahr mehr als 600 Fälle gemeldet, aber nur in einem ist es bislang zu einer Verurteilung gekommen.

Nach Ansicht von Soziologen und Kriminalisten sind die Angriffe das Resultat von tief sitzenden frauenfeindlichen Einstellungen und der zunehmenden Sichtbarkeit von Frauen, verstärkt durch langfristige demografische Entwicklungen in Indien. Durch die jahrelange Praxis, weibliche Föten abzutreiben, gibt es in Indien etwa 15 Millionen "überschüssige" Männer im Alter von 15 bis 35 Jahren – die Altersspanne, in der Männer am ehesten Verbrechen begehen.

Abtreibung von Mädchen nimmt zu

Die Abtreibung von Mädchen nimmt in einigen Gegenden, in denen ausschließlich Jungs als Nachwuchs gewünscht werden, weiter zu. Bis zum Jahr 2020 wird sich die Zahl dieser "überschüssigen" Männer in Indien auf etwa 30 Millionen verdoppelt haben.

"Es gibt einen deutlichen Zusammenhang zwischen diesem von Männern dominierten Geschlechterverhältnis und der zunehmenden Zahl von Gewaltverbrechen gegen Frauen", sagt Valerie M. Hudson, Ko-Autorin des Buches "Kahle Äste: Die Auswirkungen von Asiens überschüssiger männlicher Bevölkerung auf die Sicherheit".

Männer, die keine Ehefrauen und Familien haben, täten sich oft in Gruppen zusammen, argumentiert Hudson, und begingen dann grausamere und brutalere Verbrechen, als sie es allein tun würden. Für andere sind die Fortschritte, die Frauen erzielt haben, ein Auslöser für Gewaltverbrechen. "Frauen steigen auf und kämpfen um ihren Platz in der Gesellschaft, und diese Taten sind wie eine Gegenreaktion", sagt Vijay Raghavan, Vorsitzender des Zentrums für Kriminologie und Justiz am Tata Institut für Sozialwissenschaften in Mumbai (Bombay). Wären Armut und Arbeitslosigkeit die einzigen Gründe für diese Verbrechen, wäre die Rate viel höher, sagt Raghavan, denn beide seien seit Langem Konstanten in Indien.

Aggressionen sogar Themen in Filmen

In der konservativen Gesellschaft des Landes wird sexuelle Aggression von Männern in ungewöhnlicher Weise dargestellt. In Bollywoodfilmen sind Kuss-Szenen noch immer selten, und Nacktheit ist verboten. Gleichzeitig sind Belästigungs- oder Vergewaltigungsszenen seit Jahrzehnten gängig, üblicherweise mit einer unschuldigen Frau, die sich vornehm wehrt, aber schließlich dem männlichen Helden erliegt.

Ein häufig gebrauchter Begriff für sexuelle Belästigung in Indien ist "Eva necken" ("Eve-teasing"), in den Augen vieler eine Verharmlosung, die die Vergewaltigung als zärtlich und harmlos darstellt. Das Vergewaltigungsopfer von Neu-Delhi, das am vergangenen Sonntag eingeäschert und beigesetzt und dessen Name bis heute nicht bekannt gegeben wurde, stammte aus einem kleinen Dorf in Uttar Pradesch, dem bevölkerungsreichsten Staat Indiens.

Die Reise der jungen Frau nach Delhi war die gleiche wie sie jedes Jahr Tausende junger Frauen in die großen Städte des Landes machen, auf der Suche nach besserer Bildung und mehr Möglichkeiten als ihre Eltern sie hatten. "Das ganze Gehalt meines Bruders wurde in die Ausbildung seiner Kinder gesteckt, damit sich ihre Hoffnungen erfüllen", erzählte der Onkel der Getöteten der Tageszeitung "The Hindu".

Studenten organisieren Schweigemarsch

In Süd-Delhi organisierten vergangene Woche Hunderte von Studenten der Jawaharlal Nehru Universität einen Schweigemarsch vom Campus nach Munirka, der Bushaltestelle, an der das Opfer und ihre Freund einstiegen. Die Gruppe marschierte eine belebte Straße entlang, einige trugen selbst gemachte Plakate mit Aufschriften wie "Du bist eine Inspiration für uns alle". "Es ist eine regelrechte Bewegung entstanden", sagt Ruchira Sen, eine 25-jährige Studentin der Wirtschaftswissenschaften während des Marsches nach Munirka.

"Wir werden alles tun, damit es Bestand hat." Studenten und Aktivisten haben der Regierung eine Liste mit Forderungen übergeben, einschließlich beschleunigter Verfahren gegen Vergewaltiger in den Gerichten und einer verbesserten Ausbildung der Polizei. Ein Problem sei, dass weniger als vier Prozent der indischen Polizisten Frauen sind, sagt Suman Nalwa, Chefin einer Spezialeinheit für Frauen in Delhi, in einem Interview.

Sie arbeite daran, die Reaktionen der Polizei auf Sexualstraftaten zu verbessern. "Früher haben Frauen das Haus nicht verlassen, also gab es keine (Sexual-)Verbrechen", sagt Nalwa. "Wir tun unser Bestes, aber natürlich muss noch viel mehr getan werden."

Männer stören bei Demos

Wie viele, die an den Protestmärschen teilnehmen, wurde Mehra von ihrer Mutter dazu gedrängt: Sie wolle nicht, dass ihre Enkelin mit so etwas leben müsse. Auch Männer sind in großer Zahl bei den Demonstrationen anwesend, allerdings nicht immer in positiver Weise.

Nach den Massenprotesten in Delhi am 22. und 23. Dezember habe die Polizei 42 Beschwerden von Frauen über das Benehmen von Männern aufgenommen, sagt ein hochrangiger Mitarbeiter der Polizei, der anonym bleiben möchte, weil diese Angaben nicht offiziell sind. Er sperrte sich dagegen, die Handlungen als "Bedrohung" oder "Belästigung" zu bezeichnen – das sei nur "Eva necken" gewesen.

© New York Times 2013. Aus dem Englischen von Jens Wiegmann

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