04.01.13

Vergewaltigung

Sexuelle Übergriffe sind für Frauen in Indien Alltag

In Indien gehört sexuelle Belästigung von Frauen zum Alltag - auf der Straße, im Büro, sogar beim Arzt. Eine indische Journalistin erzählt.

Von Sonia Faleiro
Foto: dpa
Frauen sind in Indien täglich Belästigungen und Gewalt ausgesetzt. Das offiziell abgeschaffte Kastenwesen hat daran noch immer großen Anteil
Frauen sind in Indien täglich Belästigungen und Gewalt ausgesetzt. Das offiziell abgeschaffte Kastenwesen hat daran noch immer großen Anteil

Ich habe 24 Jahre lang in Neu-Delhi gelebt, einer Stadt, in der sexuelle Belästigung so normal ist wie das tägliche Brot. Und immer wieder, jeden Tag und an allen möglichen und unmöglichen Orten dieser Stadt, wird dabei die Grenze zur Vergewaltigung überschritten.

Schon als Teenager lernte ich, mich selbst zu schützen. Ich stand niemals alleine irgendwo herum, wenn ich es vermeiden konnte, und stets ging ich schnellen Schrittes meiner Wege, die Arme über meiner Brust verschränkt. Ich achtete darauf, niemals Blickkontakt aufzunehmen oder gar jemanden anzulächeln. Durch Menschenmassen schob ich mich nur mit den Schultern voraus.

Nach Einbruch der Dunkelheit vermied ich es, das Haus zu verlassen, wenn kein Privatwagen zur Verfügung stand. In einem Alter, in dem andere junge Frauen an anderen Orten dieser Welt gern mit gewagten Stylings herumexperimentieren, trug ich Kleider, die mir zwei Nummern zu groß waren. Bis heute fällt es mir schwer, mich attraktiv zu kleiden, ohne das Gefühl zu bekommen, dass ich damit mein Leben gefährde.

Auch als ich erwachsen wurde, änderten sich die Dinge nicht. Pfefferspray war damals nicht zu bekommen, und meine Freundinnen, die alle wie ich der Mittelschicht oder der oberen Mittelschicht angehörten, trugen Sicherheitsnadeln oder andere behelfsmäßige Waffen auf dem Weg zur Uni oder zum Arbeitsplatz.

Eine hatte sogar immer ein Messer bei sich und bestand darauf, dass ich es ihr gleichtäte. Ich aber lehnte das ab, denn an manchen Tagen war ich so wütend, dass ich ein Messer vielleicht auch benutzt hätte. Und wer weiß, am Ende hätte dasvielleicht dazu geführt, dass ich es hinterher selbst zwischen den Rippen gehabt hätte.

Drücken der Hüfte an Passantinnen

Das ständige Begleitgeräusch von Pfiffen, Schnalzen, Zischen, sexuellen Anzüglichkeiten und offenen Drohungen sollte nicht abebben. Männergruppen zogen durch die Straße, und sie teilten sich ihrer Umgebung mit, indem sie Lieder aus Hindi-Filmen sangen, die reich an Doppeldeutigkeiten waren. Um ihr Anliegen zu unterstreichen, drückten sie ihre Hüften gegen vorbeigehende Fußgängerinnen.

Wenn es doch nur öffentliche Räume gewesen wären, in denen Frauen Belästigung ausgesetzt waren! Doch nirgendwo, weder in meinem Büro bei einem bekannten indischen Nachrichtenmagazin noch in der Arztpraxis und nicht einmal auf einer privaten Party bei Bekannten, konnte ich dieser Art der Einschüchterung entkommen.

Am 16. Dezember waren, wie die ganze Welt nun weiß, eine 23-jährige Frau und ihr Freund auf dem Heimweg, nachdem sie den Film "Life of Pi" in einem Einkaufszentrum im Südwesten Delhis angeschaut hatten. Sie stiegen in einen scheinbar regulären Omnibus ein, wo die Frau ein unsägliches Martyrium erwartete. Sechs Männer vergewaltigten und misshandelten sie so brutal, dass ihre inneren Organe zerstört wurden. Die Vergewaltiger schlugen den Freund der Frau zusammen, warfen dann beide aus dem Bus und fuhren weg. Die sterbende Frau ließen sie auf der Straße liegen.

Als ich 26 war, zog ich ins damalige Bombay, das heutige Mumbai. Als Handels- und Finanzmetropole hatte die Stadt durchaus ihre Probleme, aber in kultureller Hinsicht war Mumbai weltläufiger und liberaler als Delhi. Wie im Taumel angesichts dieser neu gewonnenen Freiheit begann ich aus den Rotlichtbezirken zu berichten und spät nachts durch raue Vorstädte zu streifen – immer ganz allein und mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Etwas Gutes schien Delhi also doch gehabt zu haben: Ich war letztlich dankbar für diesen Kontrast, denn so konnte ich die Möglichkeiten Mumbais in vollen Zügen ausschöpfen.

Frauenfeindliche Kultur

Es gibt auch in Indien Gesetze gegen Vergewaltigung. In öffentlichen Bussen sind eigene Plätze für Frauen reserviert, es gibt weibliche Polizisten und spezielle Notrufnummern. Doch all das ist nichts angesichts der patriarchalen, frauenfeindlichen Kultur in unserem Land. Es ist eine Kultur, die glaubt, das Schlimmste an einer Vergewaltigung sei es, dass das Opfer seine Unbeflecktheit verliert – und dass sich am Ende kein Mann mehr fände, der eine derart beschmutzte Frau heiraten würde. Nicht wenige sehen es deshalb als einfachste Lösung an, wenn das Opfer seinen Vergewaltiger ehelicht.

Solche Überzeugungen hört man nicht nur in irgendwelchen Wohnzimmern, sie werden auch laut und öffentlich vorgetragen. Wenige Monate vor der Vergewaltigung in dem Bus haben bekannte indische Politiker die ansteigenden Zahlen in den Vergewaltigungsstatistiken darauf zurückgeführt, dass immer mehr Frauen Mobiltelefone benutzten und sich deshalb auch trauten, abends ausgehen.

"Dass man sich in Indien nun auch um Mitternacht frei bewegen kann, bedeutet noch lange nicht, dass Frauen sich nach Einbruch der Dunkelheit aus dem Haus wagen sollten", sagte Botsa Satyanarayana, der Führer der Kongress-Partei im Bundesstaat Andhra Pradesh.

Wandel ist möglich, aber Ermittlungen müssen sofort erfolgen. Es darf nicht mehr Jahre dauern, bis ein Fall vor Gericht kommt. Von mehr als 600 Vergewaltigungen in Delhi, die im Jahr 2012 angezeigt wurden, kam es in nur einem einzigen Fall zu einer Verurteilung. Nur wenn die Opfer annehmen können, dass sie Gerechtigkeit erfahren, werden sie überhaupt bereit sein, eine Vergewaltigung anzuzeigen.

© New York Times. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Annette Prosinger.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Liebes-Nachhilfe Flirten wie ein Silberrücken
William und Kate Hip-Hop-Crashkurs für die Royals
Chaos Panik in indischer Stadt durch verirrten Leopard
Xbox-One vs PS4 Microsoft muss knappe Niederlage hinnehmen
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Reisetipps

Zehn spannende Events weltweit im Mai

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote