03.01.13

Stahlwerk Ilva

Der rosa Staub, der den Tod bringt

Die Produktion im größten Stahlwerk Italiens macht die Einwohner krank. Aber die Politik schreitet nur zögernd ein – es stehen 25.000 Jobs auf dem Spiel. Wissenschaftler beklagen "Provinzialismus".

Von Rachel Donadio
Foto: pa/dpa/LAPRESSE
Luftverschmutzung Italien - Smog im Industriegebiet von Taranto
Das Stahlwerk Ilva. Studien zufolge ist das Krebsrisiko in der Umgebung der Fabrik deutlich erhöht

Jeden Morgen wischt Graziella Lumino den schwarzen Ruß von ihrem Küchenfenster. Blickt man hindurch, sieht man das riesige Ilva-Stahlwerk, für das ihr Mann Giuseppe Corisi 30 Jahre lang gearbeitet hat. Nachdem er in diesem Jahr im Alter von 64 Jahren an aggressivem Lungenkrebs gestorben war, brachten seine Freunde am Wohnhaus der Familie ein Schild an: "Hier lebte das x-te Krebs-Opfer. Taranto, 8. März 2012."

Heute steht Ilva, das mehr als 30 Prozent des italienischen Rohstahls herstellt, im Mittelpunkt einer Auseinandersetzung um die Zukunft der Industrie des Landes. Ein Konflikt, in dem wirtschaftliche Interessen auf ökologische stoßen und die Regierung mit der Justiz um Einfluss ringt. Und das alles passiert vor dem Hintergrund einer der schwersten wirtschaftlichen Krisen, in der Italien um seine globale Wettbewerbsfähigkeit ringt.

Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte der Konflikt, als ein Gericht die Schließung einiger Werksbereiche anordnete. Die Richter verwiesen in ihrer Entscheidung auf die Verletzung von Umweltgesetzen, durch die das Unternehmen für ernst zu nehmende Gesundheitsprobleme in der Gegend gesorgt haben soll.

Aus Sorge um das wirtschaftliche Unternehmen schaltete sich die italienische Regierung ein und erließ ein Notfall-Dekret. Dieses erlaubt dem Werk, die Produktion während der Sanierung weiterzuführen – 20.000 Arbeitsplätze sollen dadurch landesweit gesichert werden. Am 20. November wurde das Notfalldekret vom italienischen Parlament in ein Gesetz umgewandelt. Der volle Name lautet: "Gesetz zum Schutz von Gesundheit, Umwelt und Beschäftigung im Falle einer Krise strategisch wichtiger, industrieller Anlagen.

Die zuständige Staatsanwaltschaft hat gleich nach Weihnachten Berufung dagegen eingereicht – das Gesetz stelle eine "gravierende Beeinträchtigung der Unabhängigkeit der Justiz dar".

Kampf gegen jahrzehntelange Vernachlässigung

In vielerlei Hinsicht steht das Ilva-Werk symbolisch für die gesamte italienische Wirtschaft, deren Sanierung sich die technokratische Regierung unter Mario Monti zur Aufgabe gemacht hat. Es ist ein Kampf gegen jahrzehntelange Vernachlässigung. Übrig geblieben ist ein gealterter industrieller Riese, der in den Boomjahren des späten 20. Jahrhunderts seine beste Zeit erlebte und nun im 21. Jahrhundert daran scheitert, überhaupt noch Schritt zu halten.

Für zusätzliche Unsicherheit sorgt nun der Umstand, dass Monti nach der Verabschiedung des Haushaltsentwurfs für 2013 seinen Rücktritt verkündet hat, und Italien vor Neuwahlen steht. Schon jetzt zeichnet sich ein harter Wahlkampf ab, dessen Sieger keineswegs feststeht.

Unabhängig davon, ob Monti selbst der nächsten Regierung wieder vorstehen wird, ist das Stahlwerk für Italiens Wirtschaft einfach zu bedeutend, um es bankrott gehen zu lassen. Hier werden mehr als acht Prozent des europäischen Stahls produziert. Und die Regierung schätzt, dass ein Produktionsstopp die italienische Wirtschaft mehr als 7,5 Milliarden Euro jährlich kosten würde.

Krebsrate 30 Mal höher als im Schnitt

Die hohe Umweltbelastung aber ist auch nicht zu vernachlässigen. Dunkle Rauchwolken steigen aus Schornsteinen auf, die die Landschaft prägen, während der Qualm der Fabrik die Grabsteine des örtlichen Friedhofs bereits in ein rostiges Rosa getaucht hat. Eine Verordnung verbietet Kindern hier sogar, auf nicht gepflasterten Grundstücken zu spielen. Und im Jahr 2008 musste ein Farmer 2000 seiner Schafe schlachten lassen, weil bei ihnen eine gefährliche Dioxinbelastung festgestellt worden war.

Einige Studien besagen, dass die Krebsrate in Taranto, rund 30 Mal höher ist als der landesweite Durchschnitt. Insbesondere Lungen-, Nieren-, Leber- und Hautkrebs treten ungewöhnlich häufig auf.

Laut Bruno Ferrante, dem Präsident von Ilva, investiert die Riva Group, der das Werk gehört, seit dem Kauf im Jahr 1995 ungefähr 247 bis 304 Millionen Euro jährlich in die Sanierung. Der Präsident weist außerdem daraufhin, dass die Krebsrate zurückgegangen sei – von der Regierung in Auftrag gegebene Studien bekräftigten dies. Aber er räumt ein, dass noch mehr getan werden müsse. "Der rote Staub ist tatsächlich ein Problem und wir sind uns dessen bewusst."

Argumente über die wirtschaftliche Bedeutung des Werks stoßen bei den Bewohnern von Taranto auf taube Ohren. "Die Gesundheit ist das wichtigste", sagt Graziella Lumino, die in ihrer Wohnung sitzt, vor sich Fotografien ihres verstorbenen Mannes Giuseppe Corisi. Ein kleines Porträt von ihm trägt sie stets bei sich in einem Medaillon um den Hals.

Corisi war einer von vielen Ilva-Mitarbeitern gewesen, die 1998 in Frührente gingen – kurz nachdem im Werk Beweise für Asbestverseuchung gefunden worden waren. "Wenn man Geld hat, aber nicht gesund ist, was hat man dann davon?", fragt seine Witwe. Sie erinnert sich noch gut an die Zeit, bevor das Werk gebaut wurde. "Es gab Bauernhöfe, saubere Luft, Oliven- und Mandelbäume."

Neues Gesetz

Auch das neue Gesetz der Regierung wird den Konflikt nicht lösen können. Es beauftragte die Riva Group damit, rund 2,9 Milliarden Euro in die Senkung der Emissionen zu investieren – so dass ihre Höhe bis 2016 den gesetzlichen Vorgaben entspricht, wie es die EU einfordert. Gelingt es dem Unternehmen nicht, dann räumt das Gesetz der Regierung mehr Einflussmöglichkeiten ein. Falls es Riva bei der Modernisierung des Werkes an Geld mangelt, könnte es die EU um Hilfsgelder bitten oder das Werk verkaufen.

Italienische Medien berichten, brasilianische Firmen interessierten sich bereits für das Stahlwerk. Ilva-Präsident Ferrante kommentierte die Gerüchte, in dem er erklärte, Riva habe keinerlei Verkaufsabsichten. Außerdem habe man eine sichere Möglichkeit aufgetan, Geld zu leihen. Und am Ende könne man immer noch auf Hilfe aus Brüssel setzen.

Carlo Mapello, Experte für Stahlindustrie an der Universität von Mailand, schätzt: "Wenn Ilva schließen würde, wäre das zu diesem Zeitpunkt ein großes Entgegenkommen für deutsche und französische Stahlproduzenten", sagt er. "Unsere internationalen Konkurrenten haben einfach ein begründetes Interesse an der Schließung des Werks."

Viele Arbeiter abhängig von Ilva

Ähnlich unbestritten wie die ökonomische Relevanz des Werks sind jedoch auch die Ergebnisse medizinischer Studien. Eine Untersuchung zur Häufigkeit von Krebserkrankungen aus diesem Jahr fand heraus, dass die Wahrscheinlichkeit in Taranto bis zu 190 Mal höher ist als im Landesdurchschnitt.

Patrizio Mazza, seit 1994 Direktor der Hämatologie-Abteilung des Krankenhauses Taranto und Mitglied der Regionalversammlung von Apulien, sagt sogar eine Verschlimmerung der Gesundheitsprobleme voraus. "Ich denke, das ist nur ein kleiner Teil dessen, was in den nächsten Jahren auftreten wird", erklärt Mazza, "denn giftige Substanzen sammeln sich an; sie haben über die Zeit einen kumulative Wirkung."

Auch wenn es keine offiziellen Statistiken dazu gibt, sagt er: "Ich persönlich beobachte viele Ilva-Arbeiter mit Krebs- und Bluterkrankungen. Und ich versichere, dass es eine auffällige Häufung gibt, vielleicht zwei oder dreimal höher als der Durchschnitt."

Das aber ist nur ein Teil der Wahrheit. Der andere beschäftigt sich mit wirtschaftlichem Überleben. In der Krise sind viele Arbeiter abhängig von Ilva. Die ersten unter ihnen sagen schon, mit dem Urteil gegen das Werk gefährdeten die Richter Arbeitsplätze.

"Es gibt hier keine anderen Jobs", sagt der 26-jährige Ivano Galasso. "Man führt einen Krieg gegen sich selbst", wenn man die Entscheidung der Richter unterstütze. Aber selbst jene Arbeiter, die wollen, dass das Werk weiterhin geöffnet bleibt, bestehen öffentlich darauf, dass die Riva Group die Arbeitsbedingungen verbessert.

"Der Provinzialismus ruiniert uns"

Analysten sagen, die Situation in Taranto habe einen kritischen Punkt erreicht, weil eine Reihe öffentlicher Institutionen mit sich überschneidenden Zuständigkeitsbereichen versäumt habe, entschiedener zu handeln. Die Regierung von Silvio Berlusconi hatte sich einst auf die Riva Group als einer der größten Investoren beim Kauf von Italiens maroder Fluglinie Alitalia gestützt und verabschiedete ein Gesetz, dass dem Werk mehr Zeit einräumte, die Umweltnormen zu erreichen. Außerdem habe Riva das Stahlwerk von nationaler, strategischer Notwendigkeit wie ein Familienunternehmen gemanagt. "Man kann ein großes Unternehmen nicht mit einer kleingeistigen Haltung führen", sagt Ruggero Ranieri, Wirtschaftsprofessor an der Universität von Padua. "Der Provinzialismus ruiniert uns."

Wohin die Reise geht in Taranto, ist indes noch nicht klar. Monti hatte erklärt, das Gesetz heiße schließlich nicht "Rettet Ilva", sondern "Rettet die Umwelt, die Gesundheit und die Arbeitsplätze". Doch die Anwohner wollen daran nicht so recht glauben. Im Wohnzimmer ihrer Mutter, zwischen all den Bildern ihres Vaters, ist auch Sabrina Corisi von den heeren Zielen der Regierung nicht überzeugt. "Das Anordnung ist Ilva zu retten, und nicht die Bevölkerung."

© New York Times 2012. Mitarbeit Gaia Pianigiani. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Sonja Gillert

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