01.01.13

Zukunftspläne

Kim Jong-un will mit Nordkorea ins irdische Weltall

Nordkoreas Diktator Kim Jong-un hat die Probleme satt. Er befiehlt: Wir werden Wirtschaftsgigant – ohne das Militär zu vergessen. In seiner Ansprache klingt Kim Jong-un fast wie Angela Merkel.

Foto: dapd

Große Pläne: Nordkoreas Diktator Kim Jong-un
Große Pläne: Nordkoreas Diktator Kim Jong-un

Gigant, Weltraum, radikaler Wandel. In kleineren Dimensionen denkt ein nordkoreanischer Diktator nicht, schon gar nicht zu Neujahr. "Lasst uns einen radikalen Wandel vollziehen und einen Wirtschaftsgiganten errichten, mit demselben Mut und Eifer wie bei der Eroberung des Weltalls!" – das ist Kim Jong-uns Leitparole für sein kleines Land im Jahre 2013.

Der nordkoreanische Kwangmyongsong-Satellit taumelt zwar in seiner Umlaufbahn vor sich hin, aber das stört nicht, denn die Nordkoreaner haben ja kein Internet, um dies nachzuprüfen. Das kleine Land soll deshalb nach dem Satellitenstart vom 12. Dezember 2012 unvorstellbar schnell und zielbewusst wachsen, so schnell wie eine Rakete eben.

Um das zu unterstreichen, hat Kim Jong-un vor Silvester schon die Raketeningenieure zwei Mal mit einem gewaltigen Staatsbankett geehrt. Zwischendurch durften sie Fabriken besichtigen und schauten dabei nicht immer glücklich drein. Das soll anders werden.

Kim sprach in seiner Neujahrsbotschaft gleich sieben Mal davon, es stehe nun eine "radikale Umkehr" oder ein "grundlegender Wandel" an, und sieben Mal benutzte er den Begriff "Wirtschaftsgigant". Die Sieben ist auch im Koreanischen eine Glückszahl. Nordkorea soll so vorzeigbar werden wie China oder Südkorea oder wenigstens wie der Mercedes S-Klasse, mit dem Kim die Raketeningenieure nach den beiden Staatsbanketten abermals heimsuchte.

"Revolutionäres Führungssystem und Militärklima"

Damit Nordkorea modern wird, sagte Kim, müssen die Staatsfunktionäre "altes Denken und alte Verhaltensweisen ablegen", und die Armee soll sich ein "revolutionäres Führungssystem und Militärklima" zulegen. Kim präzisierte das neue Denken als "Streben nach unaufhörlicher Innovation", das klingt beinahe wie Angela Merkel.

Das neue Führungssystem und Militärklima definierte er nicht näher. Aber wer die nagelneuen technischen Apparaturen im Stab der Vorzeige-Panzerdivision "Wächter von Seoul" betrachtet, die bei Kim-Besuchen dort unauffällig ins Bild gerückt werden – richtige Telefone, Flachbildschirme, keine Sandkästen für Übungszwecke mehr –, mag nicht darum herumkommen, dass Kim Jong-un gerne auch eine richtige Armee zur Verfügung hätte.

Mehr trainieren soll die Truppe, sagte er in seiner Neujahrsbotschaft, und das hat zumal die Luftwaffe nötig, die seit 20 Jahren kaum mehr vom Boden abhebt. Kim hat sie demonstrativ oft besucht und zugeschaut, wie die MiG-29-Jäger beim Start dicke Staubwolken aufwirbeln, denn diese Startbahnen haben während der Herrschaft seines Vaters Kim Jong-il nur selten ein Flugzeug gesehen. Auch das soll anders werden. Sein Luftwaffenchef reiste im Herbst nach Russland, um sich nach modernem Gerät umzuschauen. Auf ins irdische Weltall!

Persönliche Ansprache im Radio

Um den Gigantentraum noch mehr zu unterstreichen, hat Kim den zweiten Neujahrsgruß seiner (womöglich ziemlich langen) Amtszeit persönlich im Radio vorgetragen. Das hatte zuletzt vor nunmehr 19 Jahren Kim Jong-uns Großvater getan, der Staatsgründer Kim Il-sung, auch bekannt als "Polarstern der Wiedervereinigung" oder, für den Postboten leichter zu finden, "Die Sonne".

Bevor der Enkelsohn es ihm zu Neujahr 2013 nachtat, hat Enkel Kim noch rasch Ende Dezember das neu renovierte Mausoleum des Großvaters und nun auch des Vaters eingeweiht. Kim Jong-ils Salonwagen und Kim Jong-ils Yacht sind dorthin verbracht worden, dazu seine sämtlichen Orden, und allein für sie benötigte das Mausoleum eine neue Marmorhalle; doch nun ist alles in Ordnung, bis auf die Kosten.

Wirtschaftsgigant zu werden ist nicht leicht. Zunächst braucht man dafür Geld. Viel Geld. In erster Linie, sagte Kim Jong-un nun folgerichtig, will er 2013 den Bergbau modernisieren. Klar, das ist seine einzige verlässliche Devisenquelle.

Die gigantische Kohlenmine in Musan an der chinesischen Grenze hat er schon auf etliche Jahrzehnte an China verpachtet. Überall im Land entstehen aber weitere Bergwerke und Tagebaue, besonders für Seltene Erden, die ja wirklich selten und als Geldquelle für Nordkorea deshalb eine sichere Bank sind.

Vorbereitungen für Atombomben-Test

In zweiter Linie braucht ein Wirtschaftsgigant Frieden. Weshalb Kim mit Blick auf Südkorea sagte, die Vergangenheit habe gezeigt, dass "Konfrontation zu nichts anderem als Krieg führt". Ob er damit meinte, dass Südkorea dafür die Schuld trage oder Nordkorea, ließ Kim ebenso offen wie die Frage, ob er mit dieser Formulierung Seouls neuer konservativer Präsidentin Park Geun-hye die Hand reicht oder doch lieber noch rasch zum dritten Mal eine Atombombe testen will. Die Vorbereitungen im Testgebiet gehen jedenfalls wieder weiter, nachdem sie im Sommer zunächst stillgelegt waren.

Das könnte einen delikaten Grund haben: Kim Jong-un geht auf das Militär zu. "Die Militärmacht eines Landes verkörpert seine nationale Stärke", sagte Kim nämlich in der Neujahrsbotschaft ebenfalls. Er paraphrasierte damit eine sehr ähnliche Äußerung aus einem scharfen, scheinbar gegen Kim Jong-un gerichteten Leitartikel der Parteizeitung von Ende Mai.

Die Formulierungen in diesem Leitartikel wurden damals dem Generalstabschef und Atombombenverfechter Ri Yong-ho zugeschrieben. Ri rebellierte gegen Kims Ansicht, jetzt müsse erst einmal der Lebensstandard angehoben werden, wohingegen beim Militär das Erreichte nur "konsolidiert" zu werden brauche. Ri wurde im Juli gestürzt, der Verteidigungsminister folgte ihm im November.

Doch wieder auf Kurs des Militärs

Nun ist Kim Jong-un nachträglich doch lieber auf den Kurs des Militärs eingeschwenkt. Im Sommer, so hieß es seinerzeit in Seoul, habe er aus Angst vor einem Militärputsch die Bewachung der eigenen Wohnsitze drastisch verschärfen lassen.

Nach dem Sturz des Ministers und des Stabschefs appellierte er in der Neujahrsansprache wiederholt und dringlich an die "Einheit der Herzen" zwischen Partei und Armee, versprach aber zugleich, die Truppe werde alles bekommen, was sie brauche.

Es soll nun eben beides geben – eine mächtige Armee und einen Wirtschaftsgiganten. Der gestürzte Ri Yong-ho, bei der Absetzung angeblich in einem Feuergefecht angeschossen, hat es an seinem derzeitigen mutmaßlichen Aufenthaltsort, dem Luxussanatorium Onpo, sicher gern gehört.

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