01.01.13

Jahrhundert-Sätze

"Ich bin ein Berliner" und "I have a dream"

2013 begeht die Welt den 50. Jahrestag der beiden wichtigsten Sätze seit dem 2. Weltkrieg. Kurz, nachdem sie ausgesprochen wurden, begann eine Tragödie, die Europas Linke von den USA entfremdete.

Von Torsten Krauel
Foto: pa/ dpa (2)

Zwei große Männer, deren Worte in die Geschichte eingingen: John F. Kennedy vor dem Schöneberger Rathaus und Martin Luther King in Washington
Zwei große Männer, deren Worte in die Geschichte eingingen: John F. Kennedy vor dem Schöneberger Rathaus und Martin Luther King in Washington

Im neuen Jahr werden Klaus Wowereit und Kim Basinger im Abstand von zwei Monaten 60, Wowereit am 1. Oktober. Horst Köhler teilt derweil zusammen mit Sir Michael Jagger, Robert de Niro und Ben Kingsley die Freude, 70 zu werden. Es gibt noch einige andere Gedenktage, zum Beispiel den ersten Jahrestag des Rücktritts von Christian Wulff.

Aber Klaus Wowereit sei hier hervorgehoben. Zum einen wird er, dessen Haushalts- und Industriepolitik viel besser ist als derzeit unterstellt, kurz nach seinem Geburtstag womöglich doch einen Großflughafen eröffnen, wohl den letzten seiner Art in Deutschland. Zum anderen wird er knapp drei Monate vor seinem Geburtstag vermutlich Barack Obama in Berlin begrüßen können.

Dessen denkbares Kommen am 26. Juni hängt mit den großen 50-Jahr-Jubiläen zusammen, die 2013 begangen werden. In diesem Fall mit dem fünfzigsten Jahrestag des Satzes von John F. Kennedy: "Ich bin ein Berliner."

Kennedy musste zeigen, dass er zu Deutschland stand

Dieser Satz war eine Flucht nach vorn wegen eines anderen Ereignisses, dessen 50. Jahrestag Deutschland 2013 begeht. Am 22. Januar schlossen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle den Elysée-Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit – im Rückblick einer der bedeutendsten Marksteine europäischer Geschichte, der damals aber Washington in Unruhe versetzte.

De Gaulle trat in amerikanischen Augen zunehmend nationalistisch auf und bestärkte Bonn, sich aus der engen Bindung an die USA zu lösen. Kennedys Tischvorlage für den Besuch trug den Titel "Das europäische Chaos und die Bedeutung Ihrer Reise". In ihr hieß es: "Niemals seit dem Krieg – dies ist der Hauptpunkt – war Europa in größerer Gefahr, wieder in sein altes destruktives Verhalten zurückzufallen – die alte Zersplitterung, die nationalen Rivalitäten, die zwei Mal die Welt ins Desaster gestürzt haben."

Es musste etwas geschehen. Die USA mussten zeigen, dass sie fest zu Deutschland standen. Und so sagte Kennedy auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses: "Alle freien Menschen, wo immer sie leben, sind Bürger Berlins, und deshalb, als freier Mensch, bin ich stolz auf die Worte ,Ich bin ein Berliner'." Sie hallen seither durch die deutsche Seele wie die grauenvollen Schüsse von Dallas fünf Monate später.

Kennedys andere Sorgen: Vietnam und Rassismus

Berlin war bei Weitem nicht die einzige Sorge Kennedys. Am Nachmittag des Abflugtages nach Europa hatte er mit den Führern des schwarzen Bürgerrechtsbewegung die explosive Lage in Birmingham (Alabama) besprochen und mit seinem Außenpolitikteam die ebenso explosive Lage in Saigon (Südvietnam).

In Birmingham drohte wegen Kennedys Beschluss, die Apartheid in öffentlichen Einrichtungen per Bundesgesetz zu verbieten, ein Aufstand der weißen Mehrheit. Alabamas weißer Gouverneur ließ Kennedy ausrichten: "Wenn dieses Gesetz durchkommt, werden Sie die Truppen aus Berlin zurückholen müssen." Martin Luther King kündigte für August einen "Marsch auf Washington" an.

In Saigon hatte sich am 11. Juni der Mönch Thich Quang Duc auf offener Straße verbrannt. Das Foto ging um die Welt. Berlin, Saigon, Birmingham, A Tale of Three Cities: Wie fast jeder US-Präsident stand Kennedy vor einer Lage, in der das Gute selten und das Richtige kaum zu erkennen ist. In Berlin tat er das Richtige. In Washington waren ihm im Kongress die Hände gebunden; das Bundesgesetz kam erst 1964 unter Lyndon Johnson zustande.

"I have a dream", rhetorische Antithese zu Hitler

Aber am 28. August feiert die Welt den 50. Jahrestag des anderen, noch größeren Satzes von 1963 – Martin Luther Kings "I have a dream". Er war die rhetorische Begründung des modernen Amerikas und die Antithese auch zu einem Weltbild, das in Berlin vor 80 Jahren zur Regierungsübernahme Hitlers führte.

In Saigon tat Kennedy das Falsche. Mit seiner Billigung wurde Südvietnams Regierungschef Ngo Dinh Diem am 2. November vor 50 Jahren gestürzt und ohne seine Billigung ermordet. Drei Wochen später erlag Kennedy dem Attentat.

Es war der Beginn einer Tragödie, die in Deutschland und Europa die ganze politische Linke von Amerika entfremdete. Erst mit dem neuen Kennedy, Martin Luther Kings politischem Erben Barack Obama, beginnt sie sich wieder mit Washington zu versöhnen.

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