31.12.12

Krisenherde

Gefährliche, vergessene Konflikte bedrohen die Welt

Die Schlagzeilen drehen sich um Syrien und Ägypten. Dabei gibt es noch andere Krisenherde, die uns auch 2013 beschäftigen werden. Im Mittelpunkt steht oft der Kampf um Bodenschätze. Eine Auswahl.

Foto: dpa

Ein Soldat der Kachin Independence Army (KIA) posiert in Birma. Hoch im Norden an der chinesischen Grenze liegt einer der vernachlässigsten Krisenherde der Welt
Ein Soldat der Kachin Independence Army (KIA) posiert in Birma. Hoch im Norden an der chinesischen Grenze liegt einer der vernachlässigsten Krisenherde der Welt

1. Das schmelzende arktische Eis weckt Begehrlichkeiten

Im Kampf gegen den Klimawandel ist die EU an vorderster Front. Die Chancen, die eine wärmere Welt bietet, scheint sie aber zu verschlafen. So sieht es Grönlands Premier Kuupik Kleist. Jüngst wies er darauf hin, dass der Run auf die Rohstoffe seines Landes, die das schwindende arktische Eis freigibt, bereits in vollem Gange sei.

China mühe sich schon um "einen Fuß in die Tür". Seitens der EU aber gebe es nicht viel Aktivität, obwohl Brüssel stets großes Interesse äußere. Im Gegenteil: Seit sich Grönland 1985 aus der EU verabschiedete, seien deren Investitionen im Land deutlich zurückgegangen. Erkundungen ergaben, dass Grönland besonders reich ist an Seltenen Erden – Spezialmetalle, die zum Beispiel für Smartphones unerlässlich sind. Die Chinesen selbst hatten den Weltmarkt in den vergangenen Jahrzehnten damit beliefert.

Inzwischen zwingt sie jedoch der stark gestiegene Bedarf zu Importen. Immerhin: EU-Staat Dänemark, als ehemalige Kolonialmacht politisch und wirtschaftlich eng verbunden mit dem arktischen Inselstaat, hat jüngst mit Expeditionen im Norden Grönlands Ansprüche dokumentiert.

Laut Internationalem Seerecht dürfen Rohstoffe unter dem Meeresboden vom Anrainerstaat so weit ausgebeutet werden, wie sich der Kontinentalschelf ins Meer hineinzieht. Grob betrachtet bildet der sogenannte Lomonossow-Rücken die Fortsetzung Grönlands unter Wasser. Das Problem: Er reicht bis zur russischen Doppelinsel Nowaja Semlja. Weshalb Moskau von dort aus ähnliche Ambitionen hegt und buchstäblich "Entgegenkommen" signalisiert. ulk

2. Piraterie in Ostafrika ist ein Milliardengeschäft

In diesem Jahr gelang es Somalias Piraten nur, elf Schiffe vor der Küste des ostafrikanischen Landes zu kapern. Im Jahr 2011 waren es noch 24. Erst vor wenigen Tagen kamen 22 Seeleute nach drei Jahren in Geiselhaft frei. Auch wenn sich noch vier Schiffe und 114 Geiseln in der Hand von Piraten befinden, scheint der Kampf von Armeen und privaten Sicherheitsfirmen Erfolg zu haben.

An Land wurde die Terrororganisation al-Schabab, die an dem Kidnapping kräftig mitverdient, zuletzt aus mehreren Hafenstädten vertrieben. Von einem Sieg aber kann keine Rede sein. Gerade hat China angekündigt, Kriegsschiffe zum Schutz seiner Frachter vor Somalias Küste zu schicken. Denn noch immer gibt es dort regelmäßig Angriffe, allein drei auf chinesische Schiffe seit August.

Die Nato geht von einem Comeback der Piraterie aus, wenn die Präsenz reduziert würde. Derzeit patrouillieren rund um die Uhr mindestens 16 Schiffe gleichzeitig in der Region. Das kostet westliche Staaten rund eine Milliarde Euro jährlich. Und für jeden Dollar, den Piraten als Lösegeld kassieren, gibt die Industrie mindestens das Achtfache an Schutzmaßnahmen aus – einige Schätzungen gehen sogar vom 30-Fachen aus.

Längst nicht in allen Regionen Afrikas wird dieser Aufwand betrieben. Und so verlagert sich das Problem in Richtung Westen. Im Golf von Guinea stieg die Zahl der Angriffe drastisch an, besonders in Nigeria. Meistens waren Öl-Frachter betroffen, die Küstenwache ist bis auf wenige Ausnahmen (Benin) überfordert. Piraterie bleibt lukrativ – und damit auch für die Sicherheitsfirmen. pu

3. Birma macht Fortschritte, aber nicht im ganzen Land

Birma verblüfft die Welt mit einem rasanten Demokratisierungsprozess. Aber meint es die birmanische Regierung ernst? Eine wesentliche Forderung der Weltgemeinschaft war, die ethnischen Kämpfe im Osten Birmas zu beenden. Mehr als 600.000 Tote haben die Kriege dort bislang gefordert. Mit der Minderheit der Karen besteht zwar ein Waffenstillstand, doch immer wieder überfallen birmanische Soldaten Dörfer und zwingen Menschen zur Arbeit. Die Shan verhalten sich ruhig, noch. Und die Wa haben so viel Leute unter Waffen, dass sie sich keine Sorgen um ihren quasiautonomen Status machen müssen.

Das Epizentrum der Konfliktherde liegt im Kachin-Staat, hoch im Norden an der chinesischen Grenze – die einzige Minderheit, die sich bislang einem Friedensabkommen mit der neuen Regierung verweigert. Zu oft wurde die Hoffnung enttäuscht. Die Kachin Independence Army (KIA) und Regierungstruppen liefern sich Scharmützel und Gefechte. Das Militär greift KIA-Stellungen mit Granaten, Mörsern, Kampfjets und Hubschraubern an. Beide Seiten melden hohe Verluste. Tausende Zivilisten entkamen in die Flüchtlingslager entlang der chinesischen Grenze.

Der Konflikt droht weiter zu eskalieren. Und im Westen brennt es, weil ein buddhistischer Mob auf die Minderheit der Rohingyas, muslimische Einwanderer und Flüchtlinge aus Bangladesch, losgeht. Bekommt die Regierung die Lage nicht unter Kontrolle, droht Birma im schlimmsten Fall ein jahrelanger Bürgerkrieg. Die Gefahr eines Verfalls in Kleinstaaten ist real. cs

4. Rohstoffhunger heizt den Konflikt im Kongo an

Die Rebellen, die im November die Stadt Goma im Osten der Demokratischen Republik Kongo eroberten, sind abgezogen. Die Friedensgespräche laufen, aber die Skepsis bleibt. Zu tief liegen die Ursachen für den Konflikt, der die Region seit Jahrzehnten beherrscht. Denn der Osten ist sehr reich: Diamanten, Gold, Kupfer, Kobalt und Coltan – unerlässlich für Handys und andere Hightechgeräte. Das lockt Milizen und Warlords an, skrupellose Unternehmer, gierige Militärs und korrupte Politiker.

Wer den Rohstoffabbau kontrolliert, wird reich, kann Waffen kaufen und sich die Minen sichern. UN-Truppen, zeitweise bis zu 20.000 Mann, können das nicht verhindern. Hinzu kommt ein ethnischer Konflikt: Nachdem die Hutu, die 1994 in Ruanda für den Genozid an den Tutsi verantwortlich waren, ins Nachbarland flohen, bekämpften sich die Gruppen dort weiter. Die UN gehen davon aus, dass die Regierung in Ruanda die Tutsi-Rebellen im Kongo mit Waffen ausstattet.

Diverse Milizen beider Seiten ziehen plündernd und mordend umher. Die kongolesische Armee, schlecht ausgerüstet und unterbezahlt, ist machtlos und zum Teil selbst an der Gewalt beteiligt. Vergewaltigungen von Frauen und Männern zerstören Menschen, Ehen und gesellschaftliche Strukturen. Mehrere Hunderttausend Menschen sind derzeit im Ostkongo auf der Flucht und verlieren damit ihre Lebensgrundlage sowie die Fähigkeit, sich selbst zu versorgen. Aber solange die entwickelten Länder die geplünderten Rohstoffe bedingungslos abnehmen, wird der Konflikt weitergehen. jay

5. Rebellen des Leuchtenden Pfades terrorisieren Peru

Wenn Florindo Eleuterio Flores Hal in diesen Tagen ins Plaudern kommen sollte, werden viele Peruaner genau zuhören. Der Ex-Militärchef der Rebellenorganisation Leuchtender Pfad soll in einer Anhörung über seinen Kampf für die Errichtung einer maoistischen Staates Auskunft geben.

Der Leuchtende Pfad ist im Rest der Welt längst vergessen. Doch immer noch sterben in Peru Menschen bei Attentaten der zersplitterten Guerilla. Richtig aufgearbeitet hat Peru die Gewalt der Rebellen nie, genauso wenig wie die schreiende soziale Ungerechtigkeit, die in den 60er-Jahren zur Gründung der Bewegung führte.

Mittlerweile meldet sich der Leuchtende Pfad wieder lautstark zu Wort. Er beansprucht seinen Platz in der politischen Landschaft und lässt deshalb die Muskeln spielen. Der inhaftierte Anführer Abimael Guzmán versucht aus dem Gefängnis heraus die Geschicke der Organisation weiterzuführen. Jüngst scheiterte der Versuch des französischen Bischofs Jacques Gaillot, den prominenten Häftling zu besuchen. Kein Mensch dürfe ein Leben lang im Gefängnis sitzen, sagte der "rote Bischof" Gaillot und forderte eine Versöhnung.

Perus linksgerichteter Präsident Ollanta Humala steht vor einer schwierigen Entscheidung, was das Thema Begnadigung anbelangt. Auch die Familie des wegen Menschenrechtsverbrechen inhaftierten und schwer erkrankten Ex-Staatschefs Alberto Fujimori fordert eine vorzeitige Entlassung, für die dessen Opfer nur wenig Verständnis hätten. Die endlose Geschichte steht vor einem neuen Kapitel. tok

6. Im Sudan herrscht lediglich Waffenruhe, kein Frieden

Die Euphorie angesichts des Friedensabkommens zwischen dem Sudan und dem Südsudan im September war groß. US-Präsident Barack Obama gratulierte, Thabo Mbeki – ehemaliger Präsident Südafrikas und Vermittler der Afrikanischen Union in dem Konflikt – nannte die Vereinbarung "einen gewaltigen Schritt nach vorn für beide Länder". Dabei regelt der Vertrag lediglich die Ölförderung im Südsudan und den Transport zum einzigen Hafen im Norden. Ein Kompromiss, widerwillig geschlossen aus gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen. Andere Konflikte aber schwelen weiter.

Der Status der umkämpften Grenzregion Abyei ist nach wie vor ungeklärt. Die Regierung des Sudan hat im Kampf gegen Rebellen im Bundesstaat Südkordofan den Zugang für humanitäre Hilfe blockiert: Hunderttausende Zivilisten flüchteten daraufhin vor Hunger und Luftangriffen der Armee in südsudanesische und äthiopische Notlager.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch berichtet von Soldaten, die Dörfer plünderten und Frauen und Mädchen vergewaltigten. Längst befürchten internationale Beobachter, der Konflikt könnte auch den aktuellen Friedensvertrag gefährden. Schließlich fordert der Sudan vom Südsudan die Entwaffnung der Rebellen in Südkordofan als Voraussetzung für die Genehmigung von Ölexporten.

Auch ohne diese Bedingung treiben wirtschaftliche Engpässe beide Länder schon wieder an den Rand eines Krieges. Es könnten dann wieder Jahre vergehen, bis sich US-Präsident Obama ein nächster Anlass zu Glückwünschen bietet. pu

7. Der Nordkaukasus steht vor einem Bürgerkrieg

Die Region Kaukasus kam auch 2012 nicht zur Ruhe. So forderte der eingefrorene Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan wieder unzählige Tote und Verletzte. Und auch Anschläge in der russischen Teilrepublik Dagestan im Nordkaukasus sind nach wie vor an der Tagesordnung. Menschenrechtler sprechen davon, dass Dagestan an der Grenze zum Bürgerkrieg steht. Seit Jahren liefern sich hier die Ordnungskräfte der russischen Provinzregierung, russische Geheimdienste und islamistische Terroristen gewalttätige Auseinandersetzungen.

Die russische Verwaltung macht salafistische Gruppen für den Terror verantwortlich. Dagestan ist zu 95 Prozent muslimisch. Die Mehrheit der Bevölkerung hier gehört dem gemäßigten Islam an, doch seit einigen Jahren sind die Salafisten auf dem Vormarsch. Im August wurde der geistliche Führer der gemäßigten Muslime in Dagestan, Scheich Said Afandi, ermordet. Bei der Explosion starben sieben weitere Menschen.

Die Spirale der Gewalt wird aufrechterhalten durch sogenannte Antiterroroperationen der staatlichen Organe, bei denen mit äußerster Brutalität gegen Verdächtige vorgegangen wird. Zudem häufen sich die Fälle, in denen Menschen einfach verschwinden. Die Entwicklungen in Dagestan ähneln jenen in der Nachbarrepublik Tschetschenien in den frühen 2000er-Jahren – mit dem Unterschied, dass das Schicksal Dagestans über die Grenzen Russlands hinaus kaum wahrgenommen wird. Dabei ist der Nordkaukasus mit Dagestan heute die Konfliktregion mit den meisten Todesopfern in ganz Europa. jus

Quelle: Die Welt
© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
4D-Achterbahn Das Batmobil gibt es bald auch als Achterbahn
Neuseeland Polizei sucht nach zweifachem Todesschützen
Irak-Krise Irakische Stadt Amerli aus IS-Belagerung befreit
Arbeitskampf Jetzt streiken die Lokführer
Top Bildershows mehr
Bürgermeister-Karriere

Klaus Wowereit und der Abstieg vom Gipfel

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Hinter den Kulissen

Tage der offenen Tür bei der Bundesregierung

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote