29.12.12

Syrien

"Ob er Märtyrer ist, wird Gott entscheiden"

Kälte, Stromausfälle und kaum Geld für Nahrung machen das Leben der Menschen in Syrien noch schwerer – und über allem hängt die Ungewissheit. Eine Reportage aus der umkämpften Stadt Aleppo.

Von Peter Steinbach
Foto: Victor Breiner

Jussef und Hassan heben auf dem Märtyrerfriedhof in Aleppo ein Grab aus
Jussef und Hassan heben auf dem Märtyrerfriedhof in Aleppo ein Grab aus

Jussef sticht mit der Schaufel, Hassan mit der Spitzhacke in die feuchte, rote Erde. Gerade ist eine neue Leiche angekommen. Schnell muss ein neues Grab her. Wie das aussieht, ist nicht so wichtig. Ästhetik spielt in diesen Tagen keine Rolle und bei Dauerregen ist dies auch unmöglich.

Die Erde ist ein tiefer, schwerer Matsch. Die beiden Totengräber kommen dennoch gut voran. Sie sind ein eingespieltes Team, obwohl sie dies erst seit drei Monaten machen. Der Krieg hat sie in kürzester Zeit geschult.

Rebellen sind neben Regierungstruppen beerdigt

Der überwiegende Teil des Märtyrer Friedhofs in Aleppo ist mit neuen Gräbern übersät. Es sind lieblose Erdhaufen mit abgebrochenen Stücken von Steinplatten, schief in den Boden gesteckt, auf die Namen geschrieben wurden. Oft kann man sie nicht mehr lesen.

Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) und Soldaten der Regierungstruppen liegen hier friedlich nebeneinander. "Da haben wir Amar Sedar, der bei der Eroberung einer Militärschule in der Nähe von Aleppo getötet wurde", erzählt Hassan. Gleich daneben liegt ein Offizier des Regimes. "Unbekannt", steht auf dem Schild seines Grabes. "Er war ein Christ", mischt sich Jussef ein. "Wir haben ihn nicht in eine Decke gewickelt. Er könnte ja ein Märtyrer sein, was aber Gott entscheiden wird." Jussef deutet mit dem Finger in Richtung Himmel.

Letzte Alternative "Totengräber"

Der Beruf Totengräber war für die beiden Männer Mitte dreißig die letzte Alternative. "Durch den Krieg gibt es keine Arbeit mehr", meint Hassan, der sich wie sein Kollege mit einem roten Palästinensertuch über dem Kopf gegen den Regen schützt. "Hier haben wird zwar kein Gehalt", ergänzt Jussef. "Aber die Trauernden geben uns Trinkgeld. Es ist nicht viel, aber es hilft zu überleben."

Hauptsache "Überleben" ist die Devise der meisten Bewohner von Aleppo. In einem Imbiss in Tarik al-Bab brutzeln zwar Hühnchen am Grill, Döner dreht am Spieß, Pommes sieden im Fett, Hackfleischbällchen sind zu haben, auch Salat und Brot. Nebenan kann man auf dem Markt frisches Obst und Gemüse kaufen. Selbst Benzin ist überall und reichlich zu haben. Aber nur wenige Menschen können sich das noch leisten. Die Preise sind bis aufs zehnfache gestiegen.

Brot in Olivenöl oder Tomatensoße

Am Imbiss schnappen sich verschmutzte Kinder die Reste, die Gäste zurücklassen und stopfen sie gierig in sich hinein. In dem Wust von Müll, der sich an allen Ecken der Stadt sammelt, suchen Männer und Frauen nach Verwertbarem.

Einige Stadtteile sind wegen der Kämpfe abgeschnitten oder schwer zugänglich. Dort gibt es immer noch Warteschlangen vor den Bäckereien. Brot ist in diesen trostlosen Zeiten Hauptnahrungsmittel – eingetunkt in Olivenöl oder in Tomatensoße aus der Dose. "Die Schlangen sind jedoch nicht mehr so lang wie früher", sagt Suhed, ein Ingenieurstudent. "Man muss auch nicht mehr acht Stunden warten."

Schulbänke als Feuerholz

Zur schlechten Versorgungslage kommt die Kälte. Im Winter sinken die Temperaturen um den Gefrierpunkt. "Wenn der Regen aufhört, gibt es Frost", sagt Mohammed, ein Englischlehrer. In seiner Grundschule hat man die Bänke aus den Klassenzimmern geholt und zu Brennholz verarbeitet. Elektrische Heizgeräte sind sinnlos. Denn Strom gibt es nur wenige Stunden am Tag, wenn überhaupt.

"Und Wasser hatten wir seit vier Tagen nicht mehr", fügt der Englischlehrer schmunzelnd hinzu, als sei das Elend nur mehr mit einer Selbstironie zu ertragen. Die 220 Euro, die er verdiente, reichten vor dem Bürgerkrieg kaum aus. "Nun habe ich gar kein Einkommen mehr."

Der Tod droht überall

In Bab al-Hadid, einem von neun antiken Toren zur Altstadt von Aleppo, gibt es genügend Brennholz zu kaufen. "Schnell, schnell", ruft der Taxifahrer. "Bis zum Tor müssen wir laufen." Die Zitadelle ist in Sicht. Dort sind Scharfschützen der Syrischen Armee postiert, die Straße und Platz vor dem Bab al-Hadid überblicken und jederzeit feuern können.

Ein Eisenwarenhändler in einer Gasse der Altstadt zeigt das Einschussloch am Holm der Fahrerseite seines Wagens. "Hier ist die Kugel des Scharfschützen durchgegangen und hat meinen Bruder getötet", erzählt der Geschäftsbesitzer. "Schreiben Sie seinen Namen auf. Er hieß Ahmed Kaschi und wurde nur 39 Jahre alt."

Unter den Gewölben der Altstadt brennen Feuer, auf denen Tee gekocht wird. Mohammed, der Englischlehrer, kauft sich ein Beil, um zu Hause Holz zu hacken. Er würde gerne einige der Plastiksäcke kaufen, die mit geschnittenem Brennholz gefüllt sind. "Viel zu teuer", sagt er. "Ich suche lieber auf dem Land und schneide Olivenbäume ab."

Gewöhnt an den Alltag des Todes

Hundert Meter weiter kommt die Zitadelle wieder in Sicht. Man sieht zahlreiche Löcher der Schüsse, die von dort abgefeuert wurden. Einige Passanten kümmert es wenig, ob sie in der Feuerlinie sind oder nicht. "Hier starb mein Freund", sagt ein älterer Herr und zeigt auf die alte Steinwand mit mehreren Einschüssen. "Dahinten starben 20 Menschen bei einem Mörserangriff", ruft ein anderer Mann und verweist zum Ende der Gasse.

Dass beide jeden Moment von einer Kugel in den Kopf oder in den Hals getroffen werden können, scheint ihnen vollkommen egal zu sein. Defätismus nach 21 Monaten Krieg. Man hat sich an den Alltag des Todes gewöhnt. Sogar an die Möglichkeit, selbst jederzeit zu sterben. Zum Glück trinken die Scharfschützen oben auf der Zitadelle entweder gerade Tee oder sitzen beim Mittagessen, vielleicht sind sie eingeschlafen oder haben auch einfach gerade keine Lust, jemand zu erschießen.

Angst erkannt zu werden

In einem Krankenhaus der Stadt empfängt der Manager und leitende Operateur in seinem Büro. Normalerweise lässt er keine Journalisten ins Haus und besteht darauf, keine Namen zu nennen und besonders keine Fotos zu machen. Jemand könne das Hospital vielleicht über die Möbel wiedererkennen. "Journalisten sind für die Zerstörung des Dar al-Schifa Hospitals verantwortlich", sagt der Arzt mit Nachdruck, jedoch ohne vorwurfsvollem Ton. "Ich möchte nicht, dass das Gleiche mit unserer Einrichtung passiert. Ich bin für meine Mitarbeiter verantwortlich. Wir sind eine Familie."

Am 22. November hatten Kampfflugzeuge der syrischen Luftwaffe das größte Krankenhaus auf dem von Rebellen kontrollierten Teil der Industriestadt bombardiert. 15 Menschen, darunter zwei Kinder und ein Arzt, wurden getötet. 40 weitere unter den Trümmern begraben.

Seit September hatten internationale Journalisten aus aller Welt über das Dar al-Schifa berichtet. Fotos von hunderten von verletzten und toten Zivilisten gingen um die Welt. Eine schlechte Publicity für das Regime von Präsident Baschar Assad. Bereits mehrfach war das Krankenhaus, in dessen unmittelbarer Nähe auch eine Brigade der FSA untergebracht war, angegriffen und mehrfach beschädigt worden. Nachdem das Hospital zum Hauptanziehungspunkt der Presse wurde, scheint man die Entscheidung getroffen zu haben, das Hospital ganz zu zerstören.

Schweigen zum Schutz

Ein spanischer Fotograf hatte im August noch seine internationalen Kollegen gebeten, doch keinen Namen und Fotos des Gebäudes von Dar al-Schifa zu veröffentlichen. Aber kaum einer hielt sich daran. "Wie sollen wir über das Elend und die Ungerechtigkeit berichten, wenn wir alles geheim halten müssen", meinte ein französischer Fotograf.

Unmittelbar nach der Bombardierung des Krankenhauses musste die FSA die Journalisten vor einer aufgebrachten Meute schützen. Sie warf Steine auf Fotografen und Reporter. Der Volkszorn hatte die Schuldigen für den Tod der Landsleute und des Krankenhauses sofort ausgemacht.

"Sie werden verstehen", sagt der Leiter des noch bestehenden Hospitals, "dass mein Personal und die Sicherheitsleute vor der Tür die Anweisung haben, jedes Foto zu verhindern und Journalisten abzuweisen." Diese Pressepolitik sei erfolgreich gewesen. "Um uns herum wurden viele Gebäude bombardiert, aber nicht unser Krankenhaus. Je weniger Aufmerksamkeit, desto besser."

Der Manager des Hospitals, der lange Zeit in Großbritannien arbeitete, versichert, dass man für Trauma-Patienten bestens ausgerüstet sei. Aus aller Welt träfen Hilfslieferungen ein. Der vor zwei Monaten gegründete Medizinische Rat von Aleppo habe die Koordination übernommen und würde sie auf alle Krankenhäuser verteilen.

60 Prozent der Verletzen sind Zivilisten

"Bei uns sind 60 Prozent aller Patienten Zivilisten", erläutert der Klinikleiter weiter. Ein großer Teil der Verletzungen rührten von Scharfschützen her. "Viele davon sind sehr professionell und schießen direkt ins Herz oder in den Kopf und man kann nur noch den Tod der Opfer feststellen." Aber es gäbe auch Glücksfälle, wie den eines zehnjährigen Jungen. "Die Kugel ging in den Hals und auf der anderen Seite wieder heraus, ohne etwas Nennenswertes zu verletzten. Ich konnte ihn sofort wieder nach Hause schicken."

Angst macht dem leitenden Arzt offensichtlich die Möglichkeit eines Einsatzes von chemischen Waffen. Die USA berichtete mehrfach darüber, dass das syrische Militär Sprengsätze mit dem tödlichen Kampfstoff Sarin versehen würde. "Eine schreckliche Vision, auf die wir vorbereitet sein müssen", meint der Chefarzt. Wie er sich, sein Personal und das Krankenhaus darauf vorbereite, bleibt sein Geheimnis. "Über unsere Arbeit und unsere Ärzte gebe ich keine Informationen."

Pattsituation in Aleppo

In Seif al-Daula, unweit der Frontlinie, sitzt Abu Mustafa im Freien vor einem brennenden Ofen und trinkt Tee. Er ist der Kommandeur einer Brigade von 1200 Mann. "Die Bewohner von Aleppo hassen uns", sagt er selbstkritisch. "Wir haben ihnen den Krieg gebracht und ein baldiges Ende ist nicht abzusehen." Im Juli begann die FSA mit der Befreiung von Aleppo, einer reichen Industriestadt, in der es dem überwiegenden Teil der Bevölkerung besser ging, als in vielen Landstrichen Syriens. "Es war ein schlecht vorbereiteter Vorstoß, ohne sorgfältige Planung und ausreichend Munition."

Abu Mustafa zündet sich eine Zigarette an und nippt an seinem Teeglas. Seiner Meinung nach hätte man einige Monate noch warten sollen. Aber aus dem Ausland, besonders von Saudi-Arabien und Katar, seien damals große Waffenlieferungen versprochen worden. "Sobald wir uns in Aleppo festgesetzt hätten", erinnert sich der Kommandant. "Aber gekommen ist nur so viel, dass wir uns halten konnten."

Gott sei dank habe man in den eroberten Kasernen der syrischen Armee reichlich Munition und Waffen erbeutet. "Trotzdem kann es noch einige Zeit dauern, bis wir die Stadt ganz einnehmen." Weder Regierungstruppen noch die Rebellen konnten in den letzten sechs Monaten entscheidende Geländegewinne für sich verbuchen. Es ist eine Pattsituation entstanden, in der ein Stadtteil mal in die eine Hand, am nächsten Tag wieder in die andere fällt.

Zermürbende Ungewissheit

Für die Bevölkerung ist es diese Ungewissheit, wie lange der Krieg und das verbundene Elend weiter andauern, die sie quält. "Es ist kein Ende in Sicht", sagt Mohammed der Englischlehrer. "Viele von uns wissen nicht, wie sie noch Monate überstehen sollen." Tag und Nacht ist das Dröhnen von Geschützfeuer, Panzern und der Abschuss von Mörsern zu hören. Bei gutem Wetter können jederzeit Bomben von Kampfjets fallen. Im Winter, bei Kälte und Regen, scheint keine Entscheidung in Sicht. "Es ist weniger die Angst vor dem Tod, die uns zermürbt", fügt Mohammed an, "sondern diese völlige Ungewissheit".

Darüber zerbrechen sich die beiden Totengräber Hassan und Jussef nicht den Kopf. Für sie gibt es in nächster Zeit genug zu tun. "Wir haben ein krisenfestes Auskommen, auch wenn es nicht viel ist", sagt Hassan mit der Spitzhacke in der Hand. Sie haben immer 25 freie Gräber in Reserve, falls es schnell gehen muss. "Für einzelne Tote benutzen wir die nicht. Da heben wir schnell ein neues aus." Im strömenden Regen machen sie sich wieder ans Werk. Hassan mit der Schaufel, Jussef mit wuchtigen Schlägen seiner Spitzhacke. An ihren Gummistiefeln hängen dicke Erdklumpen.

Quelle: Reuters
24.12.12 0:36 min.
Der UN-Sondergesandte Lakhdar Brahimi ist mit Syriens Staatschef Baschar al-Assad zusammengetroffen, um den Bürgerkrieg zu beenden, durch den in Syrien über 40.000 Menschen ums Leben gekommen sind.
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