28.12.12

China

"Nummer eins" erlaubt den Blick hinter die Gardine

Familienfotos und Biografien zeigen erstmals das Privatleben von Chinas Führung. Die gibt sich aber nur scheinbar transparent in Zeiten, in denen ihr Korruption und Vetternwirtschaft vorgeworfen wird.

Foto: REUTERS

Der neue starke Mann Chinas ganz privat: Xi Jinping hat mehrere Privatfotos von sich veröffentlichen lassen, unter anderem dieses von seiner Frau Peng Liyuan und sich aus dem Jahr 1989.

12 Bilder

Chinas neuer Partei- und Militärchef Xi Jinping, der erst im November zum ranghöchsten Funktionär der Volksrepublik ernannt wurde, ist kein Freund des Personenkults. Wenigstens kokettierte er damit, es nicht zu sein. "Ich habe mehr als hundertmal alle Anfragen zu Interviews über meine Person abgelehnt. Ich bin gegen die Propagierung von Einzelnen. Ich lehne es auch ab, wenn Biografien über mich geschrieben werden sollen."

Dann wurde Xi im Ton noch schärfer: "Überall ist es gang und gäbe, Leute nach ihrem Hintergrund zu klassifizieren. Wessen Sohn ist das? Wozu muss jemand so etwas wissen, wenn er über einen schreiben will? Überhaupt hat die Frage nach persönlicher Abstammung keinen nachrichtlichen Neuigkeitswert. Alle wissen es doch längst. Noch mal darin zu rühren, macht keinen Sinn." Das war im Jahr 2000. Der damals 47-jährige Sohn des Altrevolutionärs Xi Zhongxun war in Fujian gerade zu einem der jüngsten Provinzgouverneure des Landes aufgestiegen.

Nur widerstrebend ließ sich Xi damals vom Parteijournalisten Yang Xiaohuai interviewen, dem Herausgeber der Zeitschrift des Kommunistischen Jugendverbands "Söhne und Töchter Chinas". Xi verlangte, dass man keinen Lobgesang auf ihn schreibe. "Das glaubt doch kein Leser." Yang druckte darauf alles, was Xi ihm sagte.

Xi Jinpings plötzlicher Sinneswandel

Zwölf Jahre später will Xi von seinen damaligen Bedenken nichts mehr wissen. Zum Weihnachtstag, sechs Wochen nach seiner Inthronisierung als Parteiherrscher, starteten Pekings Propagandisten eine neue Imagekampagne für die mächtigen Sieben im Politbüro-Ausschuss, dem höchsten Führungskollektiv in China.

Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua machte mit Xi als Nummer Eins einer ganzen Kampagne den Anfang. Sie druckte in einer siebenteiligen Fortsetzungsreihe eine biografische Lobeshymne auf ihn. Unter Überschriften wie "Mann des Volkes und Staatsmann der Visionen" wirkt sie wie eine Neuauflage des einst verfemten Personenkults.

Propagandahymnen auf Chinas Führung

Die Tageszeitung "China Daily" füllte drei volle Zeitungsseiten mit dem auch ins Englische übersetzten Text. Sie illustrierte ihn mit elf Farbfotos aus einer Serie von 23 Aufnahmen, die Xi aus seinem Familienalbum freigab. Sie zeigen ihn etwa als jungen lokalen Parteichef, der seine Tochter Xi Mingzi auf dem Rad spazieren fährt, oder zusammen mit seiner Frau, der berühmten Armee-Sängerin Peng Liyuan, wie er seinen Vater Xi Zhongxun im Rollstuhl schiebt.

Zwei Seiten und sechs Fotos widmete "China Daily" danach auch der Biografie des künftigen Premierministers Li Keqiang unter dem Titel: "Ein Freund des Volkes – der sich der Reform verschrieben hat." Nur noch eine Seite bekamen die anderen fünf höchsten Funktionäre Chinas.

Blogger zählten die Schriftzeichen der Lobpreisungen und spotteten über die protokollarisch festgelegte Rangordnung. Auf 15.000 Zeichen bringt es die Würdigung für Xi. 8000 sind es für Li und jeweils exakt 3000 für die fünf anderen aus dem inneren Zirkel der absoluten Macht.

Hu Jintao verbot Veröffentlichung seiner Familienfotos

Anders als Vorgänger und Ex-Parteichef Hu Jintao, der persönliche Berichte über sich, oder die Veröffentlichung von Jugend- und Familienfotos verbot, zeigen sich seine Nachfolger mit Frau und Kind öffentlich vor. Viel Neues wird aber nicht über sie verraten. Bei Xi, der als Kind für seinen von 1962 bis zur Rehabilitierung 1978 politisch in Ungnade gefallenen Vater mitbüßte, wird in zwei Sätzen zumindest angedeutet, wie viel maoistischen Wahn er miterlebte.

Unklar bleibt, was er daraus für Lehren gezogen hat. Wörtlich heißt es: "Von 1962 an litt der noch kleine Xi Jinping in Sippenhaft, dass sein Vater, einer der Revolutionsveteranen der ersten Stunde, verfolgt wurde. Der Junge wurde schikaniert, während der Kulturrevolution an den Kritikpranger gestellt, musste hungern, vagabundierte herum und wurde sogar eingesperrt."

Der Hauptteil des Berichts lobt die Ochsentour des Aufstiegs von Xi über Landarbeit und seiner Politik in Armutsgebieten und in fernen Provinzen. Xi wird privat als vorbildlicher Ehemann dargestellt, der bei auswärtigen Auftritten seiner Frau "mindestens ein Mal am Tag mit ihr telefonierte".

Xis als Vorbild

Als Reformer wird Li Keqiang, die Nummer Zwei des Landes, porträtiert. Verheiratet mit der Anglistik-Professorin Chen Hong ist er Chinas erster Spitzenpolitiker, der so gut Englisch kann, dass er ausländische Fachliteratur im Original liest.

Zwischen den Zeilen versteckt sich eine interessante Information. Li würde keine Verantwortung am vertuschten Skandal um die Aids-Ansteckung von Zehntausenden Bauern durch skrupellose Bluthändler in Henan tragen. 2002 wurde er Parteichef der Provinz. Er hätte sich um rasche Aufklärung gekümmert und zudem auch in persönlichem Kontakt zur Aidshilfe-Aktivistin und pensionierten Ärztin Gao Yaojie gestanden. Indirekt ist das ein Signal zur Rehabilitierung der heute 85-jährigen Gao, die einst vor behördlicher Verfolgung ins US-Exil flüchtete.

Debatte im Internet

Mit ihrer Charme-Offensive nach dem Motto – wir sind ganz normale Menschen des Volkes – haben Pekings Führer immerhin eine Debatte im Internet losgetreten, ob sie den weitverbreiteten Vorwurf von Korruption und Vetternwirtschaft gegen sie und ihre Familien durch mehr Transparenz entkräften wollen. Sofort wurde aber auch online die Frage gestellt, wann Chinas Führer, so wie Politiker in den USA, ihre Einkommens- und Besitzverhältnisse offenlegen.

Das es nicht so ist, fiel Bloggern sofort auf. Über ihre privaten Vermögensverhältnisse geben die Sieben keine Auskunft, auch nicht, welche Jobs ihre Kinder haben, oder, wo sie studieren. Vom Vizepremier Zhang Dejiang etwa, einer der sieben Mächtigen, erfährt die Öffentlichkeit aus seiner neuen Biografie, dass seine Frau Xin Shusen Abgeordnete und Ingenieurin ist. Ein Blogger ergänzt, dass sie aber auch Vizedirektorin einer der vier großen Geschäftsbanken sein soll.

Spekulationen über Vermögen der Parteieliten

Auslandsmedien, wie die US-Nachrichtenagentur Bloomberg, oder die "New York Times" haben über Monate Aktienvermögen, Firmenanteile und Immobilien bei den Familienangehörigen mächtiger Funktionäre von Xi Jinping bis Altpremier Wen Jiabao nachrecherchiert. Sie stießen auf buchstäbliche Milliardenvermögen. Als Antwort auf ihre Enthüllungen hat Peking den Internetzugang für beide US-Medien blockieren lassen.

Chinas Blogger bleiben am Ball. Am Freitag erschienen chinesische Mikroblogs mit detaillierten Angaben über neue angebliche Millionenvermögen und über das konkrete Wohneigentum aller sieben Mitglieder des Ständigen Politibüro-Ausschusses. Die Adressen ihrer Wohnungen und Häuser wurden mitgeliefert. Die Zensur arbeitete unter Hochdruck, um die Einträge wieder zu löschen. Viele Blogger spielten Katz und Maus. Sie schrieben statt den Namen Xi oder Li daraufhin nur noch "Nummer Eins" oder "Nummer Zwei".

Meinungsfreiheit weiter eingeschränkt

Für den Bereich "Propaganda und Zensur" ist unter Chinas Sieben Mächtigen künftig der 65-Jährige Liu Yunshan zuständig. Xinhua veröffentlichte auch seine Biografie. Der ehemalige Bauerjunge und spätere Journalist sei immer "glücklich, wenn er die Wahrheit vom Volke hört." Er "kann Beamtenjargon und leeres Gerede" nicht ausstehen und unterstütze den "freien, geordneten und sicheren Fluss an Informationen über das Internet."

Die Betonung liegt offenbar beim Wort "geordnet". Denn noch während Chinas Zeitungen die Biografien der neuen, volksnahen Führer unter die Leute bringen, beschloss am Freitag das Präsidium des nicht demokratisch gewählten Volkskongress, Chinas Internetfreiheiten wieder einzuschränken. Zum besseren Schutz von persönlichen Informationen müsse sich künftig jeder Teilnehmer erst einmal unter seinem echtem Namen registrieren lassen, wenn er etwas in Chinas Portalen veröffentlichen will.

Quelle: dapd
19.12.12 1:25 min.
Journalist Zhu Ruifeng hat auf seiner Webseite ein Video online gestellt, welches einen Politiker der kommunistischen Partei Chinas mit dem Geschenk einer Baufirma zeigt - einer jungen Prostituierten.
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