23.12.12

El Salvador

Kirche schließt "Pakt" mit den Mara-Mördern

Morde, Vergewaltigungen, Drogen- und Menschenhandel: Die Mara-Gangs terrorisieren El Salvador. Eine Friedensinitiative der katholischen Kirche verspricht erstmals Erfolge im Kampf gegen die Gewalt.

Von Tobias Käufer
Foto: AFP

Im Auftrag des Herrn: Bischof Fabio Colindres (r.) spricht mit einem Mara-Mitglied im Gefängnis von Ciudad Barrios
Im Auftrag des Herrn: Bischof Fabio Colindres (r.) spricht mit einem Mara-Mitglied im Gefängnis von Ciudad Barrios

Der Mann, der in El Salvador alles verändert hat, trägt ein lilafarbenes Gewand. Langsam schreitet der schmächtige Besucher die Reihe der Häftlinge ab. Er reicht den tätowierten Gefangenen die Hand, spricht mit ihnen ein paar Worte.

Bischof Fabio Colindres ist mittlerweile ein gern gesehener Gast in der Haftanstalt von Ciudad Barrios, einer Kleinstadt im Osten des Landes. Er verhandelt seit Monaten mit den gefährlichsten Verbrechern des Landes. Seine Gesprächspartner sind Mörder, Waffenschieber, Vergewaltiger, Drogendealer, Schutzgelderpresser und Menschenhändler.

Es sind die Gangführer von El Salvadors Mara-Banden, gefürchtet für ihre Brutalität, bekannt für ihre Gesichtstätowierungen. Wer die Gefährlichkeit eines Mara-Kämpfers erkennen will, muss sie nur anschauen.

Für jedes Mordopfer steht eine tätowierte Träne unter den Augen. Und die Gesichter der Männer, mit denen Bischof Colindres im Innenhof des Gefängnisses spricht, sind quasi tränenüberströmt.

Gangname wird in die Kopfhaut gestochen

Es ist heiß, eng und stickig im Hof der Haftanstalt. Hunderte der gefährlichsten Verbrecher des Landes stehen dicht gedrängt und lauschen den Worten des Bischofs. Sie respektieren ihn, weil er mit ihnen auf Augenhöhe spricht, sie ernst nimmt.

Vom Raubzug der Wanderameisen Marabunta, die alles abfressen, was sich ihnen in den Weg stellt, ist der Name abgeleitet. Das FBI spricht von einer transnationalen Organisation, deren langer Arm über Mittelamerika hinaus bis in die Latino-Gettos der US-Metropolen reicht.

Allein der Anblick der furchterregend tätowierten Mara-Kämpfer verbreitet in dem mittelamerikanischen Land seit Jahrzehnten Angst und Schrecken. Wer dazugehören will, muss sich den Namen der jeweiligen Gang in die Kopfhaut stechen lassen.

14 Morde pro Tag

Die Gewaltorgien, die von den Mara-Banden ausgehen, finden ihren Niederschlag in der Statistik. El Salvador ("Der Erretter") hat 7,3 Millionen Einwohner, weniger als Niedersachsen, aber 14 Mordfälle pro Tag – und für 90 Prozent von ihnen sollen die Mara-Banden verantwortlich sein.

Zum Vergleich: In Berlin, der gefährlichsten Stadt Deutschlands, wird statistisch alle drei Tage ein Mensch ermordet.

Aber seit März dieses Jahres ist nichts mehr, wie es war in El Salvador. Was auf dem kleinen Gefängnishof begann, ist zu einem der spannendsten Gesellschaftsexperimente Mittelamerikas geworden.

Historischer Gottesdienst war der Anfang

Die Bilanz Anfang Dezember kann sich sehen lassen: Die Mordrate ist drastisch gesunken, erstmals erlebte das Land sogar Tage ohne einen einzigen Mord. Begonnen hat alles mit einem historischen Gottesdienst.

Erzbischof Luigi Pezzuto, der Apostolische Nuntius in El Salvador, war ebenso dabei wie Bischof Colindres. Ein solch hoher Besuch ist selten in diesem gottverlassenen Gefängnis.

Die Geistlichen hatten eine überraschende Botschaft für die Gangmitglieder im Gepäck und versprachen ihnen eine neue, für viele sogar vielleicht die erste Chance ihres Lebens: "Sehr viele Menschen glauben nicht, dass sie von euch etwas Gutes erwarten können. Christus ist aber zu uns gekommen, um uns eben dies zu lehren. Wenn die Menschen ihr Herz der Liebe öffnen, können sehr gute Dinge daraus entstehen."

"Die Zeit ist reif für einen Pakt"

Es ist ein Friedensangebot der Kirche. Auch wenn in El Salvador kein Bürgerkrieg mehr tobt, begannen mit diesen Worten Friedensverhandlungen zwischen den Ausgestoßenen der Gesellschaft und dem Rest des Landes. Es ist der Versuch, einen unerklärten Krieg in den Slums zu beenden.

Immer wieder kommt der Bischof in die Haftanstalten. Es gibt kein hämisches Grinsen, keine verächtlichen Grimassen wie sonst, wenn hoher Besuch die Gefängnistore passiert.

Stattdessen wirken die Männer, die Tod und Gewalt über das Land gebracht haben, wie hilflose Kinder, die in einer aussichtslosen Lage eine Chance wittern, die hoffen, dass es vielleicht doch noch ein anderes Leben gibt als dieses aussichtslose in den zu engen Zellen. Colindres ruft ihnen zu: "Die Zeit ist reif für einen Pakt."

Erste Entschuldigung von den Mördern

Vermittelt hatte das Abkommen Bischof Colindres. Beim Gottesdienst wenige Wochen zuvor im Gefängnis San Miguel reichten sich die Mara-Chefs und die Kirchenvertreter symbolisch die Hände.

Dionisio Umanzor, Chef der berüchtigten Mara-Bande MS 13, ergriff in dieser historischen Stunde selbst das Mikrofon und überrascht die Zuhörer mit einer öffentlichen Erklärung. "Ich möchte im Namen aller Mitglieder meiner Bande MS 13 bei der Gesellschaft und Gott um Entschuldigung und eine Gelegenheit bitten, uns verändern zu können. Wir alle sind nicht nur Salvadorianer, wir alle sind auch Menschen."

Es ist das erste Mal, dass die Menschen in El Salvador eine Entschuldigung von jenen hören, die sie nur als Mörder und Schläger kennengelernt haben.

Mara-Bosse stimmen nicht aus Nächstenliebe zu

Die Mara-Gruppen MS 13 und Barrio 18 haben sich dank der kirchlichen Initiative verständigt, die Waffen in dem bettelarmen Land zumindest erst einmal nicht mehr aufeinander zu richten.

In einer schriftlichen Erklärung ließen sie die Bevölkerung wissen, sie seien bereit für einen Kurswechsel, um endlich die Gewaltspirale zu durchbrechen.

Ganz freiwillig geschah dies freilich nicht: Hinter den Kulissen hatten Unterhändler der Regierung zugestimmt, einige der wichtigsten Gangführer in weniger restriktive Haftanstalten zu verlegen. Denn nur aus reiner Nächstenliebe wollten auch die Mara-Bosse nicht zustimmen.

Schulhöfe sollen "Friedenszonen" sein

Aber nun beginnen die Banden zu liefern. Bereits im ersten Monat nach der Unterzeichnung des Waffenstillstands ging die Mordrate in dem mittelamerikanischen Land um die Hälfte zurück, berichten El Salvadors Medien fasziniert.

Im November zählte die Polizei "nur" noch sechs Morde am Tag, die verheerenden Schießereien in den Armenvierteln haben nachgelassen. In den von den Mara-Gangs kontrollierten Armenvierteln ist das ein gewaltiger Fortschritt, denn bislang konnten die Bewohner der Slums von San Salvador ihre Häuser wegen der Bandenkriege nicht verlassen.

Sogar die zuvor umkämpften Schulhöfe beginnen die Gruppen, als "Friedenszonen" zu respektieren.

Im Ausland ist man beeindruckt

Das Ausland ist von der Geschwindigkeit des Prozesses beeindruckt. Der Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten, José Miguel Insulza, schaute jüngst in El Salvador vorbei, um sich ein Bild von dem Experiment zu machen.

Der Diplomat staunte nicht schlecht, als während des Treffens mit Politikern und Kirchenführern vier vermummte Männer erschienen und den hochrangigen Gästen Handgranaten, Schnellfeuerwaffen und Macheten überreichten.

Eine abgesprochene Geste, die jedoch ihre Wirkung nicht verfehlte. Insulza versprach, den "Friedensprozess" in El Salvador mit Investitionen in Projekte zu unterstützen.

Kirche nimmt Präsident in die Pflicht

Der Erfolg der vergangenen Monate hat die Gesellschaft überrumpelt, so richtig wissen Staat und Kirche auf dem angefangenen Weg nicht mehr weiter.

"Wir als Kirche haben nicht die Kapazitäten, diesen Prozess im Alleingang voranzutreiben", warnt San Salvadors Erzbischof José Escobar Alas im Gespräch mit der "Welt". "Wir haben einen Prozess in Gang gebracht, aber nun muss der Staat die Dinge übernehmen."

Vor allem Staatspräsident Mauricio Funes nimmt der Erzbischof in die Pflicht: "Der Staat verfügt über die notwendigen Mittel und Maßnahmen, wir als Kirche nicht."

Der linksliberale Funes lobt zwar die Vermittlungsarbeit der katholischen Kirche, doch auf welch rechtlicher Grundlage der Prozess nun weitergeführt werden soll, ist unklar. Die Mara-Gangs verüben keine politischen Verbrechen.

Kein Verständnis von Opfer-Angehörigen

Die ungelöste Frage stellt sich auch in Kolumbien oder Mexiko, wo die mächtige Drogenmafia die Gesellschaft fest im Griff hat: Wie verhandelt ein Staat mit Repräsentanten der organisierten Kriminalität, die das Land wie ein Krebsgeschwür befallen haben?

Funes bewegt sich auf dünnem Eis. Denn längst nicht alle Bürger haben Verständnis für Zugeständnisse. Tausende von Familien haben Angehörige verloren, wurden Opfer von Erpressungen oder der brutalen Gewalt der Maras.

Sie empfinden es als blanken Hohn, dass mit Verbrechern verhandelt wird, während sich die Angehörigen der Opfer oft allein gelassen fühlen.

Zehn Städte sollen "heilig" sein

Doch trotz aller Hindernisse und Unwägbarkeiten schreitet der Friedensprozess voran. Anfang Dezember schlugen die Bandenchefs der Regierung vor, zehn Städte und Gemeinden zu "heiligen Städten" zu erklären, in denen nicht mehr gekämpft und keine Gewalt mehr angewendet werden darf.

Die Kraft und die Geschwindigkeit des Prozesses scheinen die Politik zu überholen. Der ehemalige Parlamentsabgeordnete Raúl Mijango von der linksgerichteten Regierungspartie FMLN ist neben Colindres der wichtigste Vermittler in den Gesprächen.

Der Ex-Guerilla-Kämpfer schwor einst selbst der Gewalt ab und hat sich als Anwalt zu einem der einflussreichsten Berater und Mittelsmänner der Regierung mit den Mara-Gangs entwickelt.

Der Friedensvertrag von 1991, der den blutigen Bürgerkrieg beendete, könne als Vorbild für die Gespräche mit den Maras dienen, regt Mijango an: "Die ganze Welt erwartet, dass dieser Prozess weitergeht, dass er sich konsolidiert und sich zu einem permanenten Zustand für die Gesellschaft entwickelt. Wir alle haben das Recht, glücklich zu sein."

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