21.12.12

Jagd auf Bin Laden

"Ihr werdet ihn für mich umbringen!"

Kathryn Bigelows "Zero Dark Thirty" erzählt die Geschichte der jungen CIA-Agentin Maya, die Osama Bin Laden jagt: Darin wird auch hart gefoltert – was dem Film in Amerika große Kritik einbringt.

Foto: dapd
Es klopft an der Haustür in Abottabad: „Guten Tag, wir sind die Navy Seals und möchten mit ihnen über Gott reden.“
Es klopft an der Haustür in Abottabad: "Guten Tag, wir sind die Navy Seals und möchten mit ihnen über Gott reden."

Zu diesem Weihnachtsfest hat Hollywood den New Yorkern einen ganz besonderen Film unter den Christbaum gelegt: Am vergangenen Mittwoch lief in New York und Los Angeles Kathryn Bigelows "Zero Dark Thirty" an, der Spielfilm zur größten Verbrecherjagd der Menschheitsgeschichte, der gelungenen Jagd auf Osama Bin Laden, den bärtigen Drahtzieher der Attacken vom 11. September 2001.

In Deutschland läuft der Film am 31. Januar an. In den USA begannen die Kontroversen um das Werk bereits lange vor dem Kinostart.

"Zero Dark Thirty" erzählt die Geschichte der jungen CIA-Agentin Maya (gespielt von Jessica Chastain), die sich in Afghanistan auf die Jagd nach Osama Bin Laden macht. Ihre Mission endet am 1. Mai 2011, als der saudische Terrorist von der amerikanischen Spezialeinheit Navy Seals in seinem Versteck im pakistanischen Abbottabat erschossen wird. Es ist die Geschichte einer Frau mit wenig Eigenschaften, die von der Schulbank zur CIA rekrutiert wird.

CIA-Agentin Maya hat nur ein Ziel

Ihre anfänglichen Empfindlichkeiten gegenüber harter Folter legt sie schnell ab und fokussiert sich mit der obsessiven Präzision – halb Roboter, halb Mönch – auf ein einziges Ziel in ihrem Leben: OBL, wie Bin Laden im Militärjargon genannt wird, zu fassen. Und je größer ihre Frustration über Bürokratie des CIA, über weitere internationale Terrorattacken al-Qaidas, über Fehlschläge und Verluste von Kollegen innerhalb dieses "wars on terror", desto besessener verliert sie sich in ihrer Arbeit. Will sie ihn ursprünglich nur aufspüren, so gibt die den Seals vor der abenteuerlichen Nacht und Nebel Aktion in Pakistan ein klares: "Ihr werdet ihn für mich umbringen!" auf den Weg.

Regisseurin Bigelow und Autor Mark Boal bezeichnen ihre Arbeit am Drehbuch als journalistisch. Die Beiden haben sich mit "The Hurt Locker" mit dem unbeliebten und langatmigen Irak-Krieg befasst und wurden für ihre Arbeit 2009 mit mehreren Oscars ausgezeichnet. Die heute 60-jährige Bigelow hat Geschichte gemacht, sie wurde als erste Frau mit dem begehrten Oscar für den besten Regisseur geehrt. Der Spielfilm fusioniert distanzierten Realismus mit orthodoxen Actionfilmelementen und ausgiebig recherchierten Tatsachenberichten.

Und da beginnen die Probleme. Inzwischen explodierte um den Film eine erbitterte Debatte. Dem Film wird vorgeworfen, er behaupte, Terrorverdächtige hätten unter Folter Aussagen gemacht, die direkte Rückschlüsse auf den Aufenthaltsort Osama Bin Ladens zuließen. "Zero Dark Thirty" sanktioniere also die Effektivität der "enhanced interrogation techniques" – ein euphemistischer Begriff der Bush-Ära für Foltermethoden – und verherrliche die Praxis. Vorwürfe, die die Regisseurin nur teilweise entschärfen konnte.

Senatorin Feinstein bestreitet die Vorwürfe

Bigelow räumt zwar ein, dass Folter ein wichtiges Instrument der Arbeit des CIA ist, aber in "Zero Dark Thirty" stünden die detaillierten Ermittlungen der Agentin Maya und der Entscheidungsprozess, ob in Abbottabat eingegriffen werden sollte, im Zentrum der Geschichte. Außerdem sei der Film eben kein Dokumentarfilm.

Sowohl im Film als auch in der Realität stand an diesem 1. Mai 2011 viel auf dem Spiel für die US Regierung: Pakistan ist ein unabhängiges Land, es gab zum Zeitpunkt keine klaren Beweise, dass OBL sich in der hochgeschützten Anlage in Abbottabat aufhielt, nur eine Reihe von Verdächtigungen, unscharfe Rückschlüsse. Und in der Spielfilmversion der Dinge sind es vor allem Mayas Obsession und quasi irrationale Überzeugung, die zum OBL führen.

Der Film sollte bereits vor den Präsidentschaftswahlen im November im Kino starten, doch herrschte vor allem im Republikaner-Lager der Verdacht, die Verfilmung der geglückten Mission in Abbottabat könne Präsident Obama beim Wiedereinzug ins Weiße Haus helfen. Viele vermuten sogar die Obama-Administration habe Bigelows Team bei der Recherche Zugang zu geheimen Akten gehabt, ein Vorwurf, dem nun auch in einer Senatsanhörung nachgegangen wird.

Eine umfangreiche Untersuchung unter der Leitung der Senatorin Dianne Feinstein – das Ergebnis über 6 Millionen Seiten begutachteter CIA Berichte – bestreitet nämlich, dass unter Folter brauchbare Aussagen gemacht wurden, geschweige denn zu OBL geführt hätten.

Die Republikaner halten die Untersuchung für ungenau und unvollständig, lehnen sie also ab. Gewalt, Waffen, Geheimnisse, Lügen, aber alles ganz weit weg, oder in Aktenbergen des Geheimdienstes so gut versteckt, dass keiner mehr die Wahrheit finden kann.

Aber selbst im eigenen Land herrscht nach dem Amoklauf Adam Lanzas in einer Grundschule in Connecticut vor gut zwei Wochen Unklarheit, wie mit Gewalt und Waffen denn nun umzugehen sei. Amerika hat sich verlaufen.

Film liefert kühlen Blick auf das System

Am Eröffnungstag in einer ausverkauften Nachmittagsvorstellung sitzen vorsichtshalber uniformierte NYPD Beamte mit im Kino, die Funksprechgeräte zwar auf leise gestellt, aber deren Knistern mischt sich trotzdem unheimlich mit den Stimmen der 9/11 Opfer der dunklen Anfangssequenz.

Kinobesucher werden auch später nicht geschont. Folterorgien, Geheimdienstjargon, rapide Ortswechsel über den Globus verteilt und weit und breit keine Message, keine bequeme Wahrheit, keine Doktrin, keine kernigen Helden, die rächen, keine grimmigen Bösewichte mit Turbanen und dickem Akzent, die unsere westlichen Werte in Frage stellen. "Zero Dark Thirty" liefert einen kühlen Blick auf das System "war on terror", einen Offenbarungseid und zeigt: Terrorismus lässt sich nicht abknallen.

Über zweieinhalb Stunden vergehen wie im Fluge, dabei dreht Bigelow viel mit wackeliger Handkamera und grüngefärbtem Nachtsichtgerätelook, Schnitte wie Herzrasen. Die Navy Seals sind Haudegen und keine verkappten Samurai Philosophen. Kein Bilderreigen und weiß Gott kein Propagandafilm für das CIA.

Maya arbeitet gegen die stählerne Bürokratie eines Systems, das sie nicht dazu ausgebildet hat, Gerechtigkeit zu schaffen, sondern einen Krieg zu führen und wenn es sein muss, Menschen zu töten. Diese CIA-Maya hat keine Affären mit anderen Geheimdienstlern, spricht nicht mit Freunden oder Familie, sie scheint leer, isoliert, mit wenig Persönlichkeit ausgestattet.

Sie leidet unter ihrer Ohnmacht aber Bigelow verschont uns vor inneren Monologen, Meinungen, Motivationen, Sexualität, Kommentaren, Träume und der Darstellung einer belebten Innenwelt. Als Maya Osama Bin Ladens Leiche identifiziert, ist es vor allem die Absenz der Befriedigung, die erschüttert. Was nun?

Bigelow und Boal haben Oscar-Chancen

Auch dies ist ein gekonntes Manöver der Regisseurin Bigelow und ihres Co-Autoren Boal. Die Spionin mit dem rotgoldenen Haar und der fast durchsichtigen Haut bleibt Projektionsfläche für eine endlose Schlaufe an Rechtfertigung, Fragen und Zweifeln, die Amerika seit den Attacken vom 11. September wie eine hängengebliebene Schallplatte plagen.

Mit scheinbarer Leere liefert der Film eine hypnotische weiße Leinwand auf die wir unsere eigenen Gedanken zeichnen können, unsere eigene Narration formulieren dürfen. Eine Seltenheit aus Hollywood. Sowohl bei den Oscars als auch bei den Golden Globes werden Bigelow und Boal große Chancen eingeräumt.

Am Ende des Films wird Maya mit einem Transportflugzeug von einem Militärstützpunkt in Afghanistan abgeholt. Sie sitzt ganz alleine im riesigen Bauch der Maschine. Mission vollendet. Der fröhliche Pilot fragt sie, wo es denn hingehen solle. Sie blickt ein paar Kontinente weiter, eine Träne rollt ihr aus dem Pokerface, aber eine Antwort gibt sie uns nicht. Vielleicht geht es ihr ein bisschen wie Amerika.

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