18.12.12

Nordirland

In Belfast werden wieder echte Mauern aufgebaut

In Nordirland herrscht ein brüchiger Frieden, der bedroht ist vom schwelenden Hass zwischen Protestanten und Katholiken. Obwohl der Friedensprozess seit Jahren läuft, werden neue Trennmauern gebaut.

Von Lucas Negroni
Foto: Getty Images

Eine der „Peace Walls“ in Belfast. Mauern wie diese trennen Protestanten und Katholiken
Eine der "Peace Walls" in Belfast. Mauern wie diese trennen Protestanten und Katholiken

Johnny Cash war überwältigt von der prominentesten Farbe Irlands: Grün. In jedem erdenklichen Ton bestimmt es die sanften Hügelketten und die schroffen Steilküsten, die in die weiß-schäumende Brandung des Atlantiks ragen. Den Song zu Ehren der Insel nannte er "Forty shades of green", also vierzig Farbtöne Grün.

Doch abseits der malerischen Landschaften mit ihren friedlich weidenden Schäfchen versteckt die Insel ein zweites Gesicht. Von 1966 bis 1998 wütete der Nordirlandkonflikt und noch immer schwelt der Hass zwischen Protestanten und Katholiken.

Gerard Feeney wuchs an der Front auf. Sein ganzes Leben hat der durchtrainierte Mittfünfziger im Westen Belfasts verbracht – eines der Epizentren der "Troubles", wie der Konflikt hier genannt wird. Eine Zeit lang wollte Gerard auswandern, doch dann bekam er einen Job, lernte seine spätere Frau Jeanette kennen, bekam mit ihr zwei Kinder.

Er baute seiner Familie ein Haus und vergaß all seine Träumereien vom fernen Kanada, wo das Leben zwar langweilig, dafür aber sicher war. In Belfast hingegen gehörten Schießereien auf den Straßen zur Tagesordnung. "Damals hättest du jederzeit ermordet werden können, aber ich habe in dieser Zeit auch viele Freunde kennengelernt", sagt er, während er seinen silbergrauen Daihatsu in die Straße lenkt, die zu seinem Haus führt.

Wie bei "Desperate Housewives"

Die Wohngegend in der Gerards Haus steht, erinnert ein wenig an die Wisteria Lane aus der TV-Serie "Desperate Housewives". Gepflegte Rasen zieren die Vorgärten, in den Auffahrten stehen glänzend polierte Mittelklasse-Wagen.

Die Szene wirkt wie der wahrgewordene Traum der Arbeiterklasse. Gerard Feeney hatte mehr Glück als die 4000 Menschen, die während des Nordirlandkonflikts starben. Als sich die Gewalt zwischen Katholiken und Protestanten zu einem Bürgerkrieg auswuchs, war er ungefähr zehn Jahre alt.

Die "Schlacht der Bogside" am 12. August 1969 war der Auftakt des fast dreißig Jahre währenden Konfliktes, in dessen Verlauf sich überall im Land ethnische Ghettos herausbildeten. Offiziell ist der Nordirlandkonflikt seit 1998 beendet, ein Friedensprozess soll weiteres Blutvergießen verhindern.

Doch die Religionsgruppen in Derry und Belfast leben noch immer getrennt voneinander. Auch Gerard wohnt in einer rein katholischen Nachbarschaft. Die protestantischen Gegenden der Stadt meidet er.

Schwer nachvollziehbare Regeln

Es sind für Außenstehende schwer nachvollziehbare Regeln und Konventionen, denen Protestanten und Katholiken im Alltag folgen. So stehen Vornamen wie Patrick, Michael oder Sean eindeutig für eine katholische Herkunft.

Wer hingegen Bally, Mervin, Trevor oder Samuel heißt, der ist mit hoher Wahrscheinlichkeit protestantisch. "Viele Leute hier tragen Tattoos, um zu zeigen, welcher Seite sie angehören", sagt Gerard.

Auch Fußball ist hier in Nordirland eine hochpolitische Angelegenheit, wer eine Celtics-Tätowierung trägt, ist mutmaßlich Katholik. Anhänger der Rangers hingegen meist protestantisch. Vor den katholischen Häusern der Westside wehen irische Flaggen, vor den protestantischen der Union Jack.

"Peace Wall" trennt die Viertel

Rund eine Meile von hier entfernt steht der sichtbarste Beweis für die fortwährende Trennung: eine sogenannte "Peace Wall". Die mehrere hundert Meter lange Mauer aus olivgrünem Metall wird nur von einem gelben Tor unterbrochen, das nachts geschlossen wird und die Viertel voneinander abschottet.

25 dieser Mauern stehen in Belfast, mehr als 40 sind es in ganz Nordirland. Obwohl der Friedensprozess die Trennung überwinden soll, werden weitere Mauern gebaut.

"Sie sollen verhindern, dass Leute Brandsätze oder Steine auf die andere Seite schmeißen", sagt Gerard und zeigt auf das Gitter an der Spitze der sieben Meter hohen, von Graffiti und Kritzeleien übersäten Mauer. "Solange alles friedlich bleibt, ist das in Ordnung für mich. Trotzdem möchte ich nicht in der Nähe einer solchen Mauer leben. Sie beunruhigen mich."

"It's all good"

Die Straßen auf der katholischen Seite der Mauer sind menschenleer, nur im Vorgarten eines roten Backsteinhauses sitzt eine rauchende Frau in einem Plastikstuhl und starrt in den Nieselregen. "It's all good", es ist alles gut, verkündet ein schnörkelloser Schriftzug auf der Wellblechwand.

Die Westside von Belfast konserviert die bedrückende Atmosphäre der schwelenden Auseinandersetzung. Hier sieht man die verkrusteten Narben des Konfliktes. Während die protestantische Untergrundorganisation Ulster Volunteer Force (UVF) 2007 ihren Kampf offiziell für beendet erklärt hat, existiert die Irish Republican Army (IRA) weiterhin.

Geblieben sind auch die berühmten politischen Wandmalereien an den Häuserfassaden der Westside, mit denen beide Lager noch immer ihren Helden huldigen. So werden vermummte Kämpfer mit AK-47 Sturmgewehren glorifiziert, umrahmt von ideologisch aufgeladenen Symbolen.

So geht zum Beispiel die "Rote Hand von Ulster" auf eine alte Legende zurück, wonach zwei Boote vor der Küste der Region Ulster gelegen haben sollen. Der Anführer bestimmte, dass dieses Land demjenigen zustehen würde, dessen Hand als erste das Ufer berührte. Einer der Männer soll sich daraufhin mit einem Schwert die Hand abgehackt und sie ans Land geworfen haben.

Mild lächelnder Bobby Sands

Eines der beliebtesten Motive im katholischen Viertel ist das Konterfei des mild lächelnden Bobby Sands – ein IRA-Kämpfer, der in britischer Gefangenschaft in einen 66 Tage währenden Hungerstreik trat, an dessen Folgen er schließlich starb.

Zahlreiche Gemälde zeigen auch die Gesichter seiner Mitstreiter. Protestanten hingegen verehren in den Wandmalereien häufig König Wilhelm III. von Oranien. Er führte am 12. Juli 1690 siegreich die Protestanten im Kampf gegen die katholischen Truppen von Jakob II. von England an.

Noch immer feiern Protestanten diesen Triumph und veranstalten jährlich Umzüge in traditionellen Gewändern durch die katholischen Gegenden. "Wenn die Zeit für den Marsch gekommen ist, bin ich lieber nicht in der Stadt", sagt Gerard. An diesem Tag verwandelt sich Belfast in ein Krisengebiet mit Barrikaden und brennenden Autos auf den Straßen.

Molotow-Cocktail gegen Militärfahrzeug

Durch seine Arbeit beim städtischen Straßendienst ist Gerard ständig mit den Spuren des Konflikts konfrontiert. Er hat ungezählte Opfer gesehen, die von Autobomben zerfetzt oder erschossen worden sind.

Drei Menschen sind vor seinen Augen gestorben. Er war noch ein Kind, als er sah, wie die britische Armee einen Straßenkämpfer erschoss. Nur wenige Augenblicke zuvor hatte er selbst einen Molotow-Coktail gegen ein gepanzertes Militärfahrzeug geworfen.

Jahre später sah er, wie ein Scharfschütze der IRA einen Soldaten verfehlte. Satt seiner, traf die tödliche Kugel ein dreijähriges Kind.

Kugel war schon im Lauf

Um ein Haar wäre Gerard selbst erschossen worden. Die Polizei hatte eine Feier gestürmt, Gerard und seine Freunde rannten weg. "Zwei Mal schrien sie 'Stehenbleiben!' - danach hatten sie die Erlaubnis, zu schießen."

Als er festgenommen wurde, leerte einer der Polizisten seine Waffe. "Die Kugel für mich steckte schon im Lauf", erinnert Gerard sich. Damals, in den 80er-Jahren, war um die Innenstadt Belfasts noch ein sogenannter 'ring of steel' - ein Schutzwall aus Polizeibarrikaden, der das Zentrum vor Anschlägen schützen sollte.

Gerard und seine Freunde gingen so gut wie nie ins Zentrum. "Zu gefährlich", sagt er. Das Geräusch kreisender Armeehelikopter war so alltäglich wie heute das der Rasenmäher in seiner Wohnsiedlung. "Wenn damals Bombenalarm war, dann dachte ich nicht an das Schlimme, was da passierte. Ich dachte daran, dass ich jetzt im Stau stehen würde!"

Die ständige Gewalt hat Spuren hinterlassen. Noch immer habe er ein mulmiges Gefühl, wenn er in einer Bar mit dem Rücken zur Eingangstür sitze. "Ich will genug Zeit haben, um mich unter dem Tisch zu verstecken, wenn jemand mit einer Waffe den Raum betritt."

Partys und Alkoholexzesse

Warum zog er nicht einfach ein paar Kilometer raus aus der Stadt, in eine friedliche Gegend? "Ich bin geblieben wegen der Freunde und der Familie, die hier lebten", sagt er.

Diese Zeit habe die Menschen zusammengeschweißt. Er erzählt von rauschenden Partys und Alkoholexzessen in den Pubs von Belfast. "Gerade weil wir ständig in Gefahr schwebten, war unser Leben intensiver", erinnert er sich.

Und trotzdem ist Gerard glücklich, dass die schlimmsten Zeiten vorbei sind. "Eines Tages wird Irland vereint sein", glaubt er. Ob er das noch selbst erleben wird, ist er nicht so sicher.

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