15.12.12

Ägypten

"Sogar Mubarak war witziger als die Islamisten"

Die Bürger am Nil stimmen am Samstag in einer ersten Runde über ihre Verfassung und die Rolle des islamischen Rechts ab – eine Richtungsentscheidung. Ansicht einer modernen Deutsch-Ägypterin.

Von Amira El Ahl
Foto: Getty Images
BESTPIX  Egypt Remains Divided Ahead Of Upcoming Constitutional Referendum
Demonstration mit Koran: Anhänger Mursis auf Kairos Straßen

Am 6. Dezember, einen Tag nach den gewalttätigen Auseinandersetzungen vor dem Präsidentenpalast zwischen Oppositionellen und Islamisten, sitzt Ola Shahba in einer der bekanntesten ägyptischen Talkshows. Die sonst so gesprächige Frau hat Schwierigkeiten zu sprechen. Es ist ihr anzusehen, wie sehr jede Bewegung ihres Körpers, selbst ihres Gesichts schmerzt.

Ihr linkes Auge ist blau und schwarz und so sehr angeschwollen, dass nur noch ein kleiner Spalt zu sehen ist. Auch am Hals und an den Beinen hat sie Blutergüsse. Am Hinterkopf hat sie eine Wunde von den vielen Tritten, die auf sie niederprasselten. Die Wunde musste genäht werden.

Sie erzählt stockend von den Geschehnissen am Tag zuvor. Wie sie am Präsidentenpalast war, um gemeinsam mit Hunderttausenden gegen die umstrittene Machtausweitung von Präsident Mohammed Mursi und das geplante Referendum über den neuen Verfassungsentwurf zu demonstrieren. Die Demonstration der Oppositionellen verlief zunächst friedlich, doch dann wurden sie von Mursi-Anhängern angegriffen.

Tote wurden nachträglich zu Muslimbrüdern erklärt

Sechs Menschen kamen ums Leben, Hunderte wurden verletzt. Eine von ihnen war Ola. Die Muslimbrüder behaupten, dass es acht Tote gab, allesamt Mitglieder der Bruderschaft. Diese Aussage stimmt so wohl nicht. Es gibt mittlerweile Berichte, dass die Muslimbruderschaft den Familien der Ermordeten Geld geboten haben soll, damit diese behaupten, ihre toten Angehörigen seien Mitglieder der Bruderschaft gewesen.

Dass die Islamisten in der besagten Nacht Menschen gefoltert haben und die Polizei dabei zugesehen hat, dafür gibt es sogar Beweise. Ein Journalist der größten unabhängigen Tageszeitung "Al-Masri al-Yaum" konnte sich Zugang zu den Kammern verschaffen und sogar Fotos machen. Er fotografierte Männer, die auf dem Boden kauern, blutüberströmt, einige scheinen bewusstlos zu sein.

Sie haben zugeschwollene Augen, blau und schwarz von den Schlägen ihrer Peiniger. Bis zu zwölf Stunden wurden einige festgehalten. Rund 140 Menschen wurden von den Islamisten "verhaftet" – unter ihnen auch Frauen und Minderjährige. Menschenrechtsanwältin Ragia Omran war persönlich vor Ort und sprach von einem unglaublichen Vorgang: "Sie haben keinerlei Rechte dazu."

In den Fängen der Islamisten

Auch Ola und ein Freund kamen in die Fänge der Islamisten. Als sie ihr die Kapuze vom Kopf rissen und bemerkten, dass Ola eine Frau war, wurde sie zudem auch noch sexuell belästigt. Sie ist immer noch mitgenommen von den Ereignissen am Tag zuvor.

"Ich wäre lieber von der Polizei zusammengeschlagen worden als von Leuten, mit denen ich während der Revolution Seite an Seite gegen Mubarak gekämpft habe", sagt sie. Ola Shahba ist Gründungsmitglied eines Sozialistischen Verbandes und Revolutionärin der ersten Stunde.

Ich kenne Ola seit vielen Jahren, wir haben uns einige Male privat getroffen, lange vor den politischen Umstürzen im Land. Sie ist eine ungemein intelligente, lebenslustige und starke Frau, die viel lacht und weiß, was sie will. Sie so zugerichtet zu sehen, ist erschreckend und bedrückend zugleich.

Seit zwei Jahren ein Kampf für die Freiheit

In der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember saß ich vor dem Fernseher, den Laptop auf dem Schoß, die Nachrichten verfolgend. Hin und wieder erhielt ich eine SMS von einem Freund, der mitteilte, dass es ihm gut gehe. Viele Bekannte und Freunde standen in dieser Nacht an den Frontlinien des Kampfes, um dort das zu verteidigen, wofür sie seit zwei Jahren auf die Straße gehen: Freiheit.

Die Angst, dass die Islamisten im Begriff sind genau diese Ziele auszuhöhlen und ihre islamisch geprägte Interpretation von Freiheit und Demokratie dem Land aufzuzwingen, ist groß. Deshalb gehen die Ägypter auch weiter auf die Straße – ungeachtet der Gefahren.

Am vergangenen Dienstag beschloss ich, an dem Marsch zum Präsidentenpalast teilzunehmen. Wieder hatte die Opposition zu Massendemonstrationen aufgerufen. Während die Demonstranten in einer Art Sternenmarsch zum Palast laufen wollten, hatten die Islamisten zu einer Großdemonstration an einer Moschee in der Nähe des Palastes aufgerufen.

Islamisten verneinen gesellschaftliche Fakten

Die Gefahr, dass es wieder zu einem Zusammenstoß der beiden verfeindeten Lager kommen würde, war groß. Ich zog alleine los, obwohl ich mir Sorgen machte. Zwar bin in den vergangenen zwei Jahren auf unzähligen Demonstrationen in Kairo gewesen, aber fast immer im Zentrum der Stadt, wo ich mich gut auskenne. Der Präsidentenpalast aber liegt in Heliopolis im Norden Kairos.

Das ist mir weitgehend fremd. Die Topografie des Viertels ist mir unbekannt, ich kenne die kleinen Gassen und Wege nicht, die mich im Notfall aus einer Gefahrenzone navigieren können.

Trotzdem ging ich allein in der Hoffnung, auf bekannte Gesichter zu treffen. Ich hätte mir keine Sorgen machen müssen. Im Laufe der nächsten fünf Stunden traf ich unzählige Bekannte und Freunde, die ebenfalls Richtung Palast liefen. Einmal mehr wurde mir klar, wie sehr die Islamisten die gesellschaftlichen Fakten negieren.

Demonstranten aus allen Schichten

Denn es ist bei weitem nicht nur die Oberschicht, die Angst um ihre Pfründe hat und deshalb gegen den Präsidenten mobil macht. Ganz im Gegenteil. Auf unserem Marsch begegnete ich einem repräsentativen Querschnitt der ägyptischen Bevölkerung, Menschen aller Couleur waren unterwegs, Jung und Alt, Frauen und Männer.

Ich habe Künstler und Politiker, Aktivisten und Hausfrauen getroffen, Geschäftsfrauen und Studenten. Das Faszinierendste sind die Frauen, die lautstark ihrer Wut auf Mursi und sein Regime Ausdruck verleihen. Viele von ihnen sind unverschleiert, viele andere aber sind verschleiert und tragen sogar den Gesichtsschleier der Salafisten.

Das zeigt: Es demonstrieren nicht nur die liberalen Eliten, sondern auch die Konservativen. Eine offenbar den Salafisten zugehörige Frau animierte die Menge lautstark mit Parolen gegen das Regime.

Unter den Mursi-Anhängern gibt es kaum Frauen

Schaut man sich indes die Demonstrationen der Mursi-Anhänger an, so sieht man dort fast gar keine Frauen. Mit Bussen werden die Islamisten aus dem ganzen Land angefahren, um zu suggerieren, dass sie die Mehrheit im Land stellen. Die Islamisten können in Kairo nicht darauf bauen, genügend Anhänger zu mobilisieren.

Am 1. Dezember, als die Islamisten eine Großdemonstration an der Kairoer Universität als Antwort auf Massenproteste der Opposition organisierten, kam es zu einem Verkehrschaos in Kairo – aber nicht, weil Hunderttausende Muslimbrüder die Straßen verstopft hätten, sondern weil aus allen Teilen des Landes die Busse kamen.

Während der Demonstration am Dienstag machten sich die Oppositionellen in Parolen und Sprechchören immer wieder darüber lustig, dass die Islamisten nur Massen mobilisieren können, die sie vorher aus dem ganzen Land zusammengesammelt hätten.

Ägypter greifen sich gegenseitig mit Waffen an

Niemals in den vergangenen zwei Jahren habe ich mir um die Zukunft des Landes so viele Sorgen gemacht wie jetzt. Es ist bedrückend zu sehen, wie sich Ägypten immer weiter polarisiert. Die Spaltung zwischen Islamisten und dem Rest des Landes scheint immer größer und schon fast unüberbrückbar zu werden.

Ägyptische Bürger greifen sich gegenseitig mit Waffen an, das ist eine neue Stufe der Eskalation. Bisher stand das Volk einem brutalen und korrupten Polizeiapparat gegenüber, der ein korruptes und brutales Regime schützte. Nun hat Ägypten einen frei gewählten Präsidenten. Doch statt den Weg zur Demokratie weiter zu gehen, steht Ägypten nun kurz vor einer religiösen Diktatur, basierend auf einer islamistischen Ideologie.

Der Islam wird für politische Ziele missbraucht und damit zu einer gefährlichen Waffe. Die Islamisten geben vor, nicht den Präsidenten oder die Verfassung schützen zu wollen, sondern den Islam und das göttlich-islamische Recht der Scharia. Die Mursi-Gegner seien, so sagen sie, allesamt Christen oder Ungläubige, die gegen den Islam kämpften.

Dreiste Lüge der Islamisten

Das ist zwar eine dreiste Lüge, aber zu einer gefährlichen Aufstachelung der Mursi-Anhänger taugt es sehr gut. Dabei sind die meisten Oppositionellen natürlich Muslime wie Mursi und die Muslimbrüder selbst, einige mehr, andere weniger gläubig. Natürlich sind auch Christen unter ihnen, aber bei einem Koptenanteil von höchstens zehn Prozent an der Gesamtbevölkerung ist ihr Anteil naturgemäß gering.

Trotz allem: Der Humor der Ägypter selbst angesichts der schwierigen Lage ist wunderbar. Ihre Fantasie kennt zurzeit keine Grenzen. Je bedrückender die Situation, desto besser die Witze.

In Anlehnung an das "Time Magazine", das Mursi gerade zum "wichtigsten Mann im Nahen Osten" gewählt und damit auf den Titel gebracht hatte, erschien nun ein ägyptisches Magazin in ähnlicher Aufmachung. Nur war statt Mursi ein grinsender Affe abgebildet mit der Überschrift: "Der wichtigste Affe der Region". Mursi hatte im Interview mit dem "Time Magazine" unter anderem länger über den Film "Der Planet der Affen" referiert.

"Sogar Mubarak war witziger als die Islamisten"

"Das Problem der Muslimbrüder ist, dass die keinen Humor haben. Deshalb sind sie bei vielen so unbeliebt", sagt Ghada, die auf dem Protestmarsch am Dienstag neben mir herläuft. Sogar Mubarak sei witziger gewesen als die Islamisten.

Es sind die Frauen, die den Ton angeben, weil sie befürchten, dass die islamistisch dominierte Verfassung ihre Rechte nicht ausreichend schützt. Für sie ganz besonders wäre die neue Verfassung ein großer Rückschritt. Es geht um viel an diesem Samstag in der ersten Runde des Verfassungsreferendums: Eine Zukunft in Freiheit oder unter der Knute der Islamisten.

Mittwochnacht, als es zu den brutalen Zusammenstößen am Präsidentenpalast kam, waren auch viele Frauen dabei. Die meisten retteten sich hinter die Barrikaden, um sich vor den Angriffen der Islamisten zu schützen. Wenn immer ein Mann kam, um Schutz zu suchen, wurde er von den wütenden Frauen lautstark dazu aufgefordert, zurück an die "Front" zu gehen und zu kämpfen.

Mursi unterschätzt die Frauen

"Mursi macht viele Fehler", sagt Ghada, "aber ganz besonders einen: Er unterschätzt die ägyptische Frau". Sie sei stark und unbeugsam und sie lasse sich nichts gefallen, das habe die ägyptische Geschichte gezeigt. Die Frauen sind tatsächlich bereit zu kämpfen, weil sie so viel zu verlieren haben.

Sie sind wütend und geben die Richtung an im Kampf gegen die Islamisten. Ich habe in den vergangenen Jahren viele Frauen aus allen Gesellschaftsschichten und Regionen des Landes kennengelernt und ich weiß eines: Ghada hat recht. Mursi sollte sich in Acht nehmen – vor den Frauen.

Foto: facebook

Myriam aus Algerien hat sich dem Aufstand angeschlossen, weil sie sich gleichberechtigt wie ein Mann fühlen will.

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