14.12.12

Russland

"Der Auftraggeber des Mordes bleibt unantastbar"

Sechs Jahre nach der Ermordung der Journalistin Anna Politkowskaja ist ein Ex-Polizist wegen Beihilfe zu elf Jahren Haft verurteilt worden. Allerdings lässt das Urteil viele Fragen offen.

Von Julia Smirnova
Foto: dpa

Dmitri Pawljutschenkow vor dem Gericht in Moskau. Er soll in seiner Zeit als Polizist professionelle Beschattungen für Privatkunden ausgeführt und die Informationen an Auftragsmörder verkauft haben
Dmitri Pawljutschenkow vor dem Gericht in Moskau. Er soll in seiner Zeit als Polizist professionelle Beschattungen für Privatkunden ausgeführt und die Informationen an Auftragsmörder verkauft haben

Dmitri Pawljutschenkow wollte diesen Tag verlängern, das Unvermeidliche hinauszögern, obwohl er ahnte, was kommt. Er trat in den Saal eines Moskauer Gerichts, kahl geschoren, in Rollkragenpullover und grauer Hose, stellte seine Sporttasche mit den Sachen für das Gefängnis ab und setzt sich an die Bank neben seinen Anwalt. Seit Mai ist er nicht mehr in der Untersuchungshaft, sondern unter Hausarrest.

Der Grund dafür ist sein Gesundheitszustand, er leidet unter anderem an Epilepsie. Pawljutschenkow, ein ehemaliger Kriminalpolizist, soll heute sein letztes Wort sagen. Ihm wird vorgeworfen, am Mord der Journalistin Anna Politkowskaja beteiligt gewesen zu sein.

Gleich zu Beginn der Sitzung erklärt der Anwalt, dass Pawljutschenko medizinische Hilfe brauche. Auf dem Weg ins Gericht sei ihm schlecht geworden, er könne nicht an der heutigen Sitzung teilnehmen.

Der Verteidiger spielt auf Zeit

Der Notarztwagen kommt, die Ärzte entscheiden, dass er weiter an der Sitzung teilnehmen kann. Der Anwalt spielt weiter auf Zeit – er muss die Bescheinigungen über Pawljutschenkows Krankheiten und seine Auszeichnungen in der Polizei vorlesen.

Die Staatsanwältin wiederholt ihre Forderung – zwölf Jahre Haft –, die Verteidigung besteht auf einer Bewährungsstrafe. In der Pause holt Pawljutschenkow eine Packung Zigaretten aus der Tasche, küsst seine Frau, lächelt und geht mit dem Anwalt in den Raucherraum.

Sein letztes Wort, auf das so lange gewartet wurde, kommt kurz und undeutlich. Er sei in das Verbrechen "hineingezogen" worden, die Situation sei kompliziert gewesen. Außerdem habe man im Dezember 2006 versucht, ihn umzubringen, das habe mit dem Fall Politkowskaja zu tun. Am Ende bittet er ihre Familie um Entschuldigung.

Informationen an Killer verkauft

Tochter Vera Politkowskaja, eine zierliche junge Frau, sitzt hinter seinem Rücken. Als das Urteil gesprochen wird, kommt auch der Sohn Ilja Politkowski in den Saal. Die Entscheidung des Richters: elf Jahre Haft und umgerechnet 75.000 Euro Entschädigung an die Familie. Pawljutschenkow wird noch im Saal festgenommen.

Pawljutschenkow leitete bei der Moskauer Kriminalpolizei eine Abteilung, die für die Beschattung zuständig ist. Doch er setzte die Polizisten nicht nur auf die Spur von Kriminellen. Er nahm auch private Aufträge entgegen, die Mitarbeiter seiner Abteilung bespitzelten etwa Unternehmer für ihre Gegner oder Geschäftspartner.

Die Informationen wurden später mehrmals an Auftragsmörder weitergegeben. Die Zeitung "Nowaja Gaseta", für die Politkowskaja gearbeitet hatte, schrieb, dass Pawljutschenkow und seine Abteilung auf diese Weise in mehrere Auftragsmorde verstrickt war, unter anderem in den Mord an Paul Chlebnikow, den ersten Chefredakteur der russischen Ausgabe von "Forbes Magazine". Außerdem habe der Oberstleutnant mehrere kriminelle Geschäfte gedeckt.

Die Mordwaffe: Eine umgebaute Gaspistole

Im ersten Prozess zum Politkowskaja-Mord war Pawljutschenkow lediglich ein Zeuge. Er nannte die Namen der Brüder Machmudow, die allerdings im Jahr 2009 von einem Geschworenengericht freigesprochen wurden.

Die Journalisten der "Nowaja Gaseta", die parallel ihre eigenen Ermittlungen führten, erklärten, sie hätten wichtige Zeugen gefunden, die Pawkjutschenkows Schuld beweisen könnten. Im August 2011 wurde er festgenommen. Als das passierte, wuchs in Ilja Politkowski die Hoffnung, dass die Ermittler über Pawljutschenkow die Auftraggeber finden könnten.

Die kritische Journalistin Anna Politkowskaja wurde am 7. Oktober 2006 im Fahrstuhl ihres Hauses in der Lesnaja-Straße in Moskau getötet. Der Killer feuerte fünf Schüsse auf sie ab. Die Waffe, eine für Scharfschüsse umgebaute Gaspistole, hat der Polizist Pawljutschenkow gekauft und an die Mörder weitergegeben.

Polizisten beschatteten die Journalistin

Der mutmaßliche Organisator des Verbrechens war der tschetschenische Kriminelle Lom-Ali Gaitukajew. Seine drei Neffen, die Brüder Machmudow, sollen den Mord ausgeführt haben. Pawljutschenkow habe für seinen Teil mindestens 150.000 US-Dollar bekommen, heißt es im Urteil.

Mehrere Wochen vor dem Verbrechen wurde jeder Schritt von Politkowskaja von insgesamt einem Dutzend professioneller Polizisten aus der Abteilung von Pawljutschenkow verfolgt. Dafür bekamen seine Mitarbeiter einen Schwarzlohn von 100 bis 150 Dollar pro Tag. Sie notierten sich den Tagesablauf der Journalistin und Orte, zu denen sie ging – die Redaktion, die Wohnung ihrer Eltern, das Krankenhaus, in dem ihre Mutter zu dieser Zeit war.

Pawljutschenkow gestand seine Schuld. Er sagte, er habe sich aus Angst vor dem Kriminellen Gajtukajew an dem Verbrechen beteiligt. Der ehemalige Polizist machte einen Deal mit der Staatsanwaltschaft: Er sagte gegen andere Beteiligte dieses und anderer Morde aus, im Gegenzug wurde ihm eine mildere Strafe garantiert – nicht mehr als zwei Drittel der höchst möglichen Strafe von 15 Jahren, die das russische Gesetz in diesem Fall vorsieht.

Zeugen wurden nicht geladen

Außerdem wurde sein Fall auf besondere Weise verhandelt: Der Prozess dauerte nur zwei Tage – am Mittwoch begann er, am Freitag wurde das Urteil gesprochen –, Zeugen wurden nicht geladen. Die Familie von Politkowskaja und die Anwälte der Kinder protestierten gegen diese Verfahrensweise.

Sie sind der Meinung, dass der Oberstleutnant nicht alles erzählt hat, was er weiß. "Wir haben Zweifel daran, dass Pawljutschenkow das Verbrechen wegen der mutmaßlichen Drohungen begangen hat", sagte die Anwältin Anna Stawizkaja. "Lange ging er kriminellen Tätigkeiten nach. Er hat in der Verbrechergruppe eine Schlüsselrolle gespielt, er war Koordinator und kaufte die Waffe."

Ilja Politkowski ist sich sicher, dass Pawljutschenkow den Mittelsmann und den Auftraggeber gekannt hat. Den Ermittlern sagte der Polizist, er habe von Gajtukajew gehört, dass der Exil-Oligarch Boris Beresowski und der tschetschenische Terrorist Achmed Sakajew den Mord in Auftrag gegeben haben sollen.

"Er gehört zu den unantastbaren Personen"

Die Kinder und Kollegen von Politkowskaja bezweifeln diese Version. "Das sind nur seine Worte, er hat keine Beweise dafür geliefert", sagt Ilja Politkowski. Dmitri Muratow, der Chefredakteur von "Nowaja Gaseta", sagte vor dem Beginn des Prozesses: "Wir respektieren die Unschuldsvermutung. Aber wir glauben, wenn die Suche nach dem Auftraggeber von den Ermittlern verschleppt wird, dass er er zu den unantastbaren Personen in der Russischen Föderation gehört."

Nächstes Jahr beginnt ein weiterer Prozess gegen den mutmaßlichen Organisator Gaitukajew, seine drei Neffen Machmudow, von denen zwei bereits zum zweiten Mal in diesem Fall angeklagt werden. Der dritte Bruder, Rastam Machmudow, ist der mutmaßliche Todesschütze,. Er wurde erst im Mai 2011 festgenommen.

Der fünfte Angeklagte ist der ehemalige Polizist Sergej Chadschikurbanow. Auch er wurde vor drei Jahren von einem Geschworenengericht freigesprochen. Nach dem Auftraggeber wird weiter gesucht.

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