12.12.12

Nordkorea

Kim Jong-un brüskiert die Welt mit Raketenabschuss

Das Regime in Pjöngjang überrascht westliche Beobachter und schickt einen Satelliten ins All. Japan und Südkorea sind alarmiert.

Foto: AFP

Abgehoben: In Seoul beobachtet ein Mann den Raketenflug im Fernsehen
Abgehoben: In Seoul beobachtet ein Mann den Raketenflug im Fernsehen

Nordkorea hält wieder einmal die Welt zum Narren: Offiziell ist die nordkoreanische Unha-3-Rakete dringend reparaturbedürftig gewesen. Noch am Montag hatte Pjöngjang den Start deshalb auf Ende Dezember verschoben. Zur Überraschung aller Geheimdienste – und allen internationalen Warnungen zum Trotz – zündete Nordkorea sein neues Raketenmodell dann doch früher. Am Mittwoch um 9.49 Uhr Ortszeit startete die Unha-3 mit einem Satelliten an Bord von einer Abschussrampe im Sohae Space Centre in Tongchang-ri an der Nordwestküste des Landes.

Die Botschaft aus Pjöngjang ist deutlich: Nordkorea lässt sich nichts verbieten. Staatsführer Kim Jong-un will wie zuvor sein Vater, dass sein Land als moderne und bis an die Zähne bewaffnete Nation anerkannt wird. Ein Staat und ein junger Staatschef, mit denen man rechnen muss. Die staatliche Nachrichtenagentur KCNA sprach sofort von einem "bahnbrechenden Ereignis bei der Entwicklung wissenschaftlicher Technologien". Das staatliche Fernsehen zeigte applaudierende, tanzende und jubelnde Patrioten.

Der Start sei "ein großer Erfolg". Diesmal scheint es sogar zu stimmen: Offenbar, das mussten südkoreanische und amerikanische Beobachter zähneknirschend zugeben, gelang es der Rakete tatsächlich, den "Kwangmyongsong-3"-(Heller-Stern-3-)Satelliten ins All zu schicken. Ein großer Fortschritt im Vergleich zum letzten nordkoreanischen Raketentest im vergangenen April, als die Rakete nur Sekunden nach dem Start auseinanderbrach und im Meer versank.

Nordkorea behauptet, Raketentest sei ziviler Natur

Es war der zweite Raketentest, seit Kim Jong-un, der Enkel des vergötterten Staatsgründers Kim Il-sung, das Land führt, und der fünfte nordkoreanische Raketentest überhaupt. Wieder einmal hatte Nordkorea zuvor behauptet, der Raketenstart sei rein ziviler Natur. Es gehe nur darum, den Satelliten in den Orbit zu senden. Beobachter gehen aber davon aus, dass das Land schlecht verschleiert militärisch eine ballistische Interkontinentalrakete getestet hat und dass es sich dabei um einen Bestandteil des umstrittenen Atomprogrammes handelt. Bereits 1998 hatten die Nordkoreaner mit den gleichen Tricks einen Raketentest getarnt. Auch im April handelte es sich offiziell nur um ein wissenschaftliches Experiment.

Dabei könnte eine solche Rakete theoretisch einen Atomsprengkopf bis zum US-Festland transportieren. Die Reichweite der Unha-3 soll bei rund 10.000 Kilometern liegen. Auch gebe es, so zitiert die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap Militärexperten, keinen Unterschied zwischen zivilen oder militärischen Raketen – es komme nur auf ihre "Ladung" an. Der Test jetzt verletzt erneut eine Resolution der Vereinten Nationen, die es den Nordkoreanern seit 2009 verbietet, Langstreckenraketen auszuprobieren.

Raketenstart eine Woche vor dem Todestag des "geliebten Führers"

Der Zeitpunkt provoziert ebenfalls: Die Rakete startete rund eine Woche vor dem ersten Todestag des "geliebten Führers" Kim Jong-il, dem 17.Dezember 2011. Außerdem wird am 19.Dezember in Südkorea ein neuer Präsident gewählt, und das Rennen ist knapp. Ein günstiger Zeitpunkt für Nordkorea, das Nachbarland nervös zu machen. Die beiden Bruderstaaten befinden sich seit dem Ende des Korea-Konflikts 1953 noch immer formell im Kriegszustand.

In Südkorea waren die zuständigen Beamten, die sämtliche Entwicklungen in dem verfeindeten Bruderstaat beobachten, vom Raketenstart vollkommen überrascht. Am Sonnabend erst hatten sie via Satellit festgestellt, dass die Rakete von der Abschussrampe entfernt worden war, angeblich, um die technischen Probleme zu lösen. Bevor sie die Rakete am Mittwoch plötzlich über den Radarschirm eines Aegis-Zerstörers sausen sahen, waren sie sicher, der Test sei verschoben worden. Die erste Stufe der Rakete stürzte westlich der südkoreanischen Byeonsan-Halbinsel ins Gelbe Meer. Die zweite fiel gegen 10.05 Uhr in der Nähe der Philippinen in den Ozean. Die japanische Regierung gab bekannt, dass die Rakete die Inseln bei Okinawa passiert habe. All dies, so mussten südkoreanische und US-Militärsprecher zugeben, "zeigt, dass die Rakete sich innerhalb ihres Zielkorridors befand".

Experten: Nordkorea verfügt über waffenfähiges Plutonium

Nordkorea verfügt über Kurz- und Mittelstreckenraketen und hat bereits zwei Atomtests durchgeführt. US-Experten glauben zwar, dass das Land ausreichend waffenfähiges Plutonium besitzt, um damit Dutzende Atombomben zu bestücken, doch ist bislang nicht bekannt, dass Pjöngjang Atomsprengköpfe herstellen kann, die klein genug sind, um durch ballistische Trägerraketen abgeschossen werden zu können. Japan und Südkorea, die ersten potenziellen Opfer eines nordkoreanischen Angriffs, beriefen ihre Sicherheitskabinette ein. Beide kritisierten den Raketenstart aufs Schärfste. Die USA nannten den Test einen "hochprovokativen Akt, der die regionale Sicherheit gefährdet" und "ein weiteres Beispiel für Nordkoreas Muster unverantwortlichen Benehmens". UN-Generalsekretär Ban Ki-moon sprach von einer klaren Verletzung der UN-Resolution. Japan forderte ein sofortiges Treffen des UN-Sicherheitsrates.

Selbst China, Nordkoreas engster Verbündeter, erklärte, Pjöngjang hätte diesen Test nicht ausführen sollen. Peking und auch Moskau "bedauerten" die Entwicklung und ermahnten Nordkorea, sich an die UN-Resolutionen zu halten und sein Raketenprogramm einzustellen. Ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums rief den UN-Sicherheitsrat allerdings dazu auf, eine "kluge und gemäßigte" Reaktion zu finden und auf Dialog statt Eskalation zu setzen.

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