11.12.12

Häusliche Gewalt

Blutergüsse im Parlament erregen die Türkei

Eine AKP-Abgeordnete kommt mit blauen Flecken zu einer Sitzung ins türkische Parlament: Ihr Mann hat sie verprügelt. Ein Fall, der auf den dramatischen Anstieg häuslicher Gewalt aufmerksam macht.

Von Boris Kálnoky

Es war eine Schlüsselszene des sozialen Umbruchs in der Türkei, als die Parlamentsabgeordnete Fatma Salman mit Blutergüssen und Beulen im Plenum erschien. Das Make-up vermochte es nicht, die Wahrheit zu verdecken: Sie war schwer verprügelt worden – vom eigenen Mann. Freilich hatte sie sich von ihm scheiden lassen wollen, das war der Grund für die Prügel. Ihr Sohn griff ein und verhinderte Schlimmeres.

Und nun stand sie da, mittlerweile im Eilverfahren geschieden, und sowohl die anderen Frauen im Parlament als auch die eigene, religiös-konservative Regierungspartei stellten sich demonstrativ hinter sie. Oder vielmehr "um sie herum", was die Frauen betraf, die sich um sie scharten; Parlamentspräsident Cemil Cicek, ein langjähriger AKP-Führer, sprach in einem Zeitungsbeitrag von einer "Momentaufnahme der Grausamkeit" der Gewalt gegen Frauen.

Explosionsartiger Anstieg häuslicher Gewalt

Die wächst laut Regierungsstatistiken explosionsartig in der Türkei, seit die AKP regiert. Insofern war der Auftritt auch eine Momentaufnahme der kulturellen Widersprüche der AKP-Philosophie. Einerseits empfinden die Parteioberen Gewalt gegen Frauen wirklich als unislamisch, und da sie den Islam auch als förderlich für Kultur und Wissenschaft betrachten, gilt Bildung auch für Frauen als wünschenswert.

Andererseits will die Partei ganz offiziell, dass jede Frau drei Kinder bekommt, eine Quote, die Frau Salman genau erfüllt hat. Die Frauen-Beschäftigung ist seit Amtsantritt der Regierung eher zurückgegangen. Steuererleichterungen für Familien mit Kindern gibt es freilich nicht, es gibt keine Kinderfreibeträge.

Zahl der Morde steigt

Dafür gibt es immer mehr häusliche Gewalt. Immer mehr Frauen werden ermordet, teilweise von den eigenen Familien, wenn es um die "Ehre" geht. Die Zahl der Morde an Frauen stieg Regierungsstatistiken zufolge zwischen 2002 und 2009 um 1400 Prozent und betrug im vergangenen Jahr 257. Das schließt die ebenfalls ansteigenden, oft suspekten "Selbstmorde" von Frauen nicht mit ein.

Kritiker der Regierung sagen, dass es die von ihr unterstützte islamische Renaissance in der Türkei ist, die zu mehr Gewalt gegen Frauen geführt hat. Anders als zu Zeiten, da noch das säkulare, fast anti-religiöse Dogma des Kemalismus galt, fühlen sich viele Menschen heute im Recht wenn sie das ausleben, was sie – oft fälschlicherweise – für islamische Moral halten. Nämlich unzüchtige Frauen zu bestrafen.

Zu dieser Moralvorstellung gehört auch, dass Männer sich zwar jederzeit scheiden lassen können, Frauen aber, noch dazu mit Kindern, eher als unmoralisch gelten, wenn sie dasselbe versuchen.

Politik und Realität kollidieren

Auf die Kulturrevolution der AKP prallt freilich ein anderer Trend: Die Türkei wird zugleich moderner, Frauen pochen mehr auf ihre Rechte und werden darin vom Staat mehr denn je unterstützt. Sie wollen mehr Freiheit und Gleichberechtigung.

Und so war Fatma Salman im Parlament die perfekte Inkarnation des kulturellen Widerspruch zwischen diesen beiden Trends – Rückkehr zu einem wenngleich modernisierten Islam einerseits, moderneres Rechtsempfinden sogar konservativer Frauen andererseits. Und sie war eine aus eigenem Willen geschiedene Vertreterin einer Partei, die für heile Familien eintritt.

Die AKP hat diese Widersprüche insofern erkannt, als sie neuerdings Ratgeber verfasst und Beratungen anbietet für ehewillige Paare, um die ebenfalls wachsende Scheidungsrate zu mindern. Vielleicht sollte sie lieber Beratungen anbieten für Scheidungswillige, denn Scheidung auf Türkisch kann sehr viel gefährlicher sein als eine türkische Hochzeit.

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