10.12.12

Sima Samar

"Bitte lassen Sie Afghanistan nicht wieder allein"

Die Trägerin des alternativen Friedensnobelpreises, Sima Samar, richtet einen eindringlichen Appell an die internationale Gemeinschaft. Auch nach Abzug der Truppen brauche Afghanistan Unterstützung.

Foto: dapd

Die afghanische Ärztin und Preisträgerin des Alternativen Nobelpreises, Sima Samar, kam nach Berlin, um für Unterstützung ihres Landes auch nach Ende des Nato-Einsatzes zu werben
Die afghanische Ärztin und Preisträgerin des Alternativen Nobelpreises, Sima Samar, kam nach Berlin, um für Unterstützung ihres Landes auch nach Ende des Nato-Einsatzes zu werben

Die afghanische Menschen- und Frauenrechtlerin Sima Samar hat Deutschland aufgefordert, den demokratischen Prozess in ihrem Land auch nach dem von der Nato geführten Militäreinsatz zu unterstützen. "Bitte setzen Sie den Einsatz fort. Bleiben Sie bei uns, lassen Sie Afghanistan nicht noch einmal allein", appellierte die Leiterin der afghanischen Menschenrechtskommission vor einem Treffen mit Verteidigungsminister Thomas de Maizière.

Nach ihrer Einschätzung kann der größte Teil der internationalen Truppen das Land zwar verlassen. Ein kleiner Teil des Kontingents werde aber für die Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte und zur Beobachtung der Lage benötigt. Außerdem rief die diesjährige Trägerin des Alternativen Friedensnobelpreises Deutschland dazu auf, sein finanzielles Engagement in Afghanistan fortzusetzen, insbesondere in den Bereichen Bildung und Gesundheit. "Wir brauchen weiter Deutschlands finanziellen und geistigen Beistand", sagte Samar.

Sorge um Sicherheit von Aktivisten

Die "Right Livelihood Foundation", die den Alternativen Friedensnobelpreis verleiht, hatte Samar für ihren Einsatz für Menschen-, Frauen- und Kinderrechte in ihrem Heimatland ausgezeichnet. "Wir wollen, dass ihr die Unterstützung und der Schutz der internationalen Gemeinschaft erhalten bleibt", sagte Monika Griefahn, Co-Vorsitzende der Stiftung. Die SPD-Politikerin sprach damit indirekt eine der größten Sorgen an, die mit dem Abzug der internationalen Truppen verbunden ist: Wie soll die Sicherheit von afghanischen Aktivisten und Entwicklungshelfern gewährleistet werden, die sich für die Demokratisierung des Landes einsetzen?

Einen traurigen Beweis, wie gefährlich engagierte Frauen in Afghanistan leben, erbrachte noch am selben Tag die Nachricht von der Ermordung der führenden afghanischen Frauenpolitikerin Nadia Sedikki. Die amtierende Leiterin der Frauenabteilung in der Verwaltung der Provinz Lagham wurde auf dem Weg zur Arbeit erschossen. Auch auf ihre Vorgängerin war im Juli ein tödlicher Bombenanschlag verübt worden.

Fast prophetisch klang in diesem Zusammenhang der Satz, den Sima Samar ausgesprochen hatte, kurz bevor die Nachricht von Sedikkis Tod bekannt wurde: "In 30 Jahren Krieg haben wir in Afghanistan viele Freunde verloren, die wie wir für die Menschenrechte gekämpft haben. Aber wir geben nicht auf."

"Ich glaube nicht, dass die Taliban zurückkommen"

Sollte Samar Angst um ihr eigenes Leben haben, so lässt sie sich das nicht anmerken: "Es herrscht große Unsicherheit, was nach dem Abzug passieren wird. Aber ich bin optimistisch, ich glaube nicht, dass die Taliban wieder an die Macht kommen werden." Die politische Situation sei weniger chaotisch als Anfang der 90er-Jahre, als die Gotteskrieger Kandahar und Kabul einnahmen. Außerdem seien insbesondere jüngere Menschen nicht bereit, ihre neuen Freiheiten aufzugeben.

Letzteres ist auch Verdienst der Menschenrechtlerin, die schon während der Taliban-Herrschaft versuchte, die Situation von Frauen und Kindern zu verbessern, indem sie ihnen Zugang zu medizinischer Versorgung und Bildung verschaffte. Im Exil in Pakistan hatte die Ärztin zunächst ein Krankenhaus für Frauen und Kinder im Flüchtlingslager Quetta gegründet, dann zwei weitere in Afghanistan.

Bildung und Gesundheit als Schlüssel zum Frieden

Die 16 Schulen der von ihr mitbegründeten Organisation Schuhada boten während der Taliban-Herrschaft die einzige Möglichkeit für Mädchen, zu einem Schulabschluss zu kommen. "Weil wir nicht genug Lehrer hatten, haben die älteren Mädchen ihre jüngeren Mitschülerinnen unterrichtet. Und als uns gesagt wurde, dass die Religion nicht erlaubt, dass Mädchen über die sechste Klasse hinaus zur Schule gehen, haben wir die Schilder an den Klassenzimmern geändert, aber die Mädchen bis zum 12. Schuljahr unterrichtet", erinnert sich Samar. Dass ihr inzwischen immer wieder junge Frauen begegnen, die nach der Ausbildung an einer ihrer Schulen sogar studieren konnten "und heute mehr verdienen als ich," ist eine ihrer größten Freuden.

2001 wurde Samar die erste Frauenministerin im Übergangskabinett von Präsident Hamid Karsai. Seit 2002 setzt sie sich als Leiterin der von ihr gegründeten unabhängigen afghanischen Menschenrechtskommission dafür ein, dass die Menschenrechte in der Gesellschaft bekannt sind und beachtet werden. Besonders die Rechte von Frauen, Kindern und Behinderten seien in der Gesellschaft noch nicht verankert.

Der Zugang zu medizinischer Versorgung und zu Bildung sind ihr eine Herzensangelegenheit, nicht zuletzt, weil sie darin den Schlüssel zum Frieden sieht: "Ich glaube, dass wir deswegen so einen langen Krieg hatten, weil diese Bereiche so lange ignoriert wurden."

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