09.12.12

Friedensnobelpreis

Brüssel und der Jahrmarkt der Eitelkeiten

Montagmittag bekommt die EU den Friedensnobelpreis. Stolz und einträchtig nehmen die Spitzen der Institutionen in Oslo die Auszeichnung entgegen. Doch im Vorfeld herrschte ein Krieg der Alphamännchen.

Von Stefanie Bolzen und Florian Eder
Foto: REUTERS

Harmonie sieht anders aus: EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, der Ratspräsident Herman van Rompuy und Parlamtenspräsident Martin Schulz in Oslo
Harmonie sieht anders aus: EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, der Ratspräsident Herman van Rompuy und Parlamtenspräsident Martin Schulz in Oslo

Einträchtig wird das Brüsseler Triumvirat an diesem Montagmittag den renommiertesten Preis der Gegenwart entgegennehmen. Den Friedensnobelpreis, den die Europäische Union im Jahr 2012 für sich reklamieren darf. Auf dem Podium in Oslo: Herman Van Rompuy, Präsident des Rates. José Manuel Barroso, Chef der EU-Kommission. Und Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments.

Es lohnt, eine Stoppuhr laufen zu lassen und die Choreografie genau zu beobachten. Die Festrede halten die Herren Van Rompuy und Barroso, und zwar gemeinsam. Das heißt, erst darf der Belgier, dann der Portugiese. Unwahrscheinlich, dass dem einen mehr Sekunden zugestanden werden als dem anderen. Vierhändig nehmen sie die Urkunde entgegen, einköpfig darf sich Schulz die Medaille um den Hals hängen lassen. Obwohl er von den dreien als bester Redner gilt, muss er bei der anschließenden Ausstellungseröffnung eine Ansprache halten. Keiner kriegt mehr als der andere. Das ist nicht Gerechtigkeit, sondern mühsam abgerungener Kompromiss.

Angesichts der miesen Krisen-Umfragewerte für Brüssel kann sich schließlich kein Präsident ein goldeneres Rampenlicht wünschen als die Verleihung des Nobelpreises. Und so verwandelte sich das Institutionenparkett mit der Sekunde, als das Komitee vor neun Wochen den Preisträger bekannt gab, in einen Jahrmarkt der Eitelkeiten. Wer darf hin? Wer darf reden? Wer nimmt die Auszeichnung entgegen?

Wie die Kesselflicker gestritten

Schulz schickte unmittelbar nach Bekanntgabe sein eigenes Statement heraus: dass er sich schon auf die Verleihung in Oslo freue, als Vertreter des Parlaments und von 500 Millionen Bürgern. In weiser Voraussicht, denn laut EU-Vertrag repräsentiert nur Van Rompuy die Union nach außen, der Nobelpreis fällt wohl unter diese Kategorie. Barroso wiederum ist für alle anderen Bereiche zuständig und berief sich zudem rasch auf seine Behörde und ihre Rolle als Gründungsinstitution.

So wichtig ist den drei selbstbewussten Herren der Preis, dass sie trotz Krisenmanagement und Gipfelschwemme Energie für Telefonate und Treffen fanden, in denen sie Brüsseler Quellen zufolge anfangs wie die Kesselflicker stritten, der eine den anderen gar auszustechen versuchte. Am Ende aber steht erwartungsgemäß ein Brüsseler Kompromiss. Jeder kriegt was, alle kommen aufs Foto, dreieinig und friedlich.

Cameron hat keine Zeit für die Verleihung

Mindestens 21 EU-Regierungschefs planen ebenfalls in Oslo dabei sein, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Präsident Francois Hollande und Italiens Premier Mario Monti. Einer allerdings ist mit Sicherheit nicht dabei: der britische Premier David Cameron. Als das norwegische Nobel-Komitee im Oktober seine Entscheidung verkündete, konnte sich der Konservative nicht einmal einen Kommentar abringen. Seiner statt schickt Cameron Vize Nick Clegg, einen der letzten Europa-Freunde in London.

Zumindest einen Vorschlag gab es später dann doch noch aus der Downing Street: Man solle 27 europäische Kinder nach Oslo schicken. Was Cameron sicher besser gefallen hätte als drei Brüsseler Alphatiere, und nicht nur ihm: Auch EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström plädierte erfolglos für diese Variante. Zumindest bekommen die Kinder aber das Preisgeld. Mit den umgerechnet rund 930.000 Euro will die EU weltweit Kindern helfen, die Opfer von Kriegen sind. Aus ihrem eigenen Budget legt die Union noch eine Millionen Euro drauf.

Quelle: Reuters
12.10.12 0:42 min.
Der Friedensnobelpreis geht an die Europäische Union. Das Nobelpreiskomitee teilte in seiner Begründung in Oslo mit, dass die EU mehr als sechs Jahrzehnte zur Verbreitung von Frieden beigetragen habe.
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