08.12.12

Homosexualität

Uganda – Wo schon die Berührung strafbar sein kann

Uganda will seine harten Gesetz gegen Homosexualität in den nächsten Wochen noch verschärfen: Auch wer von "Machenschaften" weiß oder sie angeblich unterstützt, muss mit vielen Jahren Haft rechnen.

Von Nicole Macheroux-Denault
Foto: picture alliance / dpa

Sie lassen sich nicht einschüchtern. Bei der ersten Homosexuellen-Parade in Ugandas Hauptstadt Kampala demonstrieren Schwule und Lesben für ihre Rechte. In Uganda ist Homosexualität verboten.
Sie lassen sich nicht einschüchtern. Bei der ersten Homosexuellen-Parade in Ugandas Hauptstadt Kampala demonstrieren Schwule und Lesben für ihre Rechte. In Uganda ist Homosexualität verboten

Der Mann legt es darauf an, seine Mitmenschen zu provozieren. Auch wenn es ihn Kopf und Kragen kosten könnte. "Some people are gay. Get over it!" steht in großen Lettern auf Gerald Sentongos T-Shirt. Das heißt so viel wie: Manche Leute sind schwul. Komm drüber hinweg!

"Heute ist mir danach, dieses Teil zu tragen", sagt er in seiner kleinen Küche. Der Wasserkocher fiept und Gerald lächelt süffisant. "Ich werde es auch heute Abend da draußen tragen, wenn ich mit meinen Freunden ausgehe." In Berlin, Stockholm, Sydney oder den USA würde man ihn vielleicht schräg anschauen.

Aber Gerald lebt in der ugandischen Hauptstadt Kampala. Dort ist Homosexualität verboten. Und deshalb ist Geralds T-Shirt mehr als provokativ. Es zu tragen, ist lebensgefährlich.

Zeitung ruft zum Töten auf

Gerald arbeitet für die ugandische Menschenrechtsorganisation Sexual Minorities Uganda. Deren Versammlungen wurden in den vergangenen Monaten immer wieder von schwer bewaffneten ugandischen Polizisten gestürmt.

Mitglieder wurden auf offener Straße entführt und ihre Fotos auf der Titelseite der ugandischen Zeitung "Rolling Stone" (hat nichts mit dem gleichnamigen Musikmagazin zu tun) veröffentlicht, mit dem Zusatz "Hängt sie auf".

Einer davon, David Kato, wurde kurz danach vor seinem Haus in Kampala erschossen. Die polizeilichen Ermittlungen kamen zu dem Ergebnis, es gäbe keinen Zusammenhang zwischen der Titelgeschichte und dem Mord, aber glauben will das in Uganda keiner – selbst die Konservativsten nicht.

Drakonische Strafen

"Homosexuelle in Uganda sind keine freien Menschen", sagt Gerald. "Wenn die ugandische Regierung mich los werden will, kann sie das jederzeit. Sie weiß, wo ich wohne. Sie hört mein Telefon ab und stellt sicher, dass ich es weiß."

Gerald hat einen festen Freund, aber er würde es nie wagen, Hand in Hand mit ihm durch die Straßen von Kampala zu gehen. "Ich kann für mich entscheiden, offen mit meiner Liebe zu Männern umzugehen. Aber ich kann meinen Partner nicht da mit hineinziehen."

Das Risiko wird allerdings nun noch größer. Wenn der Abgeordnete David Bahati der regierenden Partei National Resistance Movement seinen Willen durchsetzt, werden die Strafen für Homosexuelle noch vor Ende dieses Jahres drakonisch verschärft. Eigentlich ist es schon beschlossene Sache.

Die Mehrheit ist homosexuellenfeindlich

Entgegen internationaler Warnungen, ein solches Gesetz werde zur Einstellung von Entwicklungshilfe führen, verkündete Parlamentssprecherin Rebecca Kadaga vor wenigen Tagen, das Parlament werde dem ugandischen Volk als "Weihnachtsgeschenk" verschärfte Strafen gegen Homosexuelle präsentieren.

Es sei der "Willen des Volkes", sagte die resolute Rechtsanwältin. Die erste Frau in dem hohen Amt ist überzeugt, die Mehrheit der Ugander verlange dies. Und sie hat Recht: Ugandas Bevölkerung ist durch und durch traditionell, genauer gesagt homosexuellenfeindlich.

Laut Gesetzentwurf soll schon das Berühren einer Person mit der Absicht, gleichgeschlechtlichen Sex zu haben, mit einer lebenslangen Haftstrafe geahndet werden. Fünf Jahre Haft drohen den Besitzern von Häusern oder Wohnungen, in denen homosexuelle Akte vollzogen werden.

Auf "Werbung" stehen sieben Jahre Haft

Mit einer siebenjährigen Strafe sollen Mitglieder von Nichtregierungsorganisationen eingeschüchtert werden, die für Homosexualität werben – ein weit gefasster Begriff. Und wer von homosexuellen "Machenschaften" weiß, muss sie innerhalb von 24 Stunden der Polizei melden, sonst drohen drei Jahre Haft. Zumindest wurde die Todesstrafe für homosexuelle Beziehungen wurde kurzfristig aus dem Gesetzentwurf gestrichen. Lichtblicke sind manchmal wie Donnerschläge.

Deutschland hatte schon im vergangenen Jahr, als Bahatis Vorschlag bekannt wurde, den ugandischen Botschafter in Berlin einbestellt. Der ugandischen Regierung wurde damals schon unverblümt angekündigt, deutsche Budgethilfe werde zukünftig nur ausgezahlt, wenn es keine Strafverschärfung gäbe. Andere europäische Regierungen taten dasselbe.

Damals bekräftigte Ugandas Präsident Yoweri Kaguta Museveni, sein Kabinett unterstütze den Vorstoß Bahatis nicht. Offensichtlich konnten der Abgeordnete und seine Unterstützer nicht überredet werden, den Gesetzvorschlag zurück zu ziehen. Und so legen westliche Regierungen die Daumenschraube jetzt wieder an.

Deutschland setzt Hilfe für Uganda aus

So hat die Bundesregierung die Budgethilfe für Uganda erst einmal ausgesetzt. Gründe dafür seien ein gravierender Korruptionsskandal, die mutmaßliche Unterstützung Ugandas für kongolesische Rebellen und die erneute Diskussion um eine Verschärfung des Verbots von Homosexualität, erklärte Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel (FDP).

Die Regierung hatte 13 Millionen Euro für ein Programm zur Entwicklung Nordugandas veruntreut; darunter waren keine deutschen Mittel. Niebel hatte die Budgethilfe für Uganda bereits im Juni wegen schlechter Haushaltsführung um 40 Prozent auf sechs Millionen Euro für 2012 und 2013 gekürzt. Budgethilfe wird direkt an den Haushalt des Empfängerlandes gezahlt.

"Derartige kolonialistische Rhetorik ist gänzlich unangebracht", sagt Ugandas Regierungssprecher Fred Opolot. "Unsere Bürger sind frei und können über ihre Gesetze selbst entscheiden."

Unterstützung aus aller Welt

Opolots trotzige Haltung ist Ausdruck der Machtlosigkeit des ugandischen Kabinetts. Die Regierung in Kampala hätte viel lieber eine Gesetzesänderung verhindert, um internationalen Schaden abzuwenden.

Gerald bekam in den vergangenen Tagen und Wochen viele E-Mails und Anrufe von Unterstützern aus dem Ausland. "Die Welt da draußen weiß, dass es uns gibt, dass unsere Menschenrechte verletzt werden. Man kann versuchen, uns mundtot zu machen, aber die Welt wird nicht schweigen. Das ist ein gutes Gefühl."

Pastor Moses Solomon Male lässt sich von internationalen Reaktionen kaum beeindrucken. "Wir sind eine religiöse Gesellschaft, derartiges Verhalten ist in Uganda nicht willkommen. Es ist moralisch inakzeptabel, nicht unseren Traditionen entsprechend, ein Tabu und deshalb nicht erlaubt." Wohl gemerkt: Der Pastor ist einer der gemäßigten Soldaten im Kampf gegen "den schlechten Einfluss der westlichen Welt".

Besessener Pastor

Aber er ist besessen. In seiner einfachen Holzbretterhütte stapeln sich Thesenpapiere, Zeitungsartikel und Briefe, die er an die ugandische Regierung geschrieben hat. Moses Solomon Male könnte eine Doktorarbeit über gleichgeschlechtliche Beziehungen schreiben. Sie wäre durchzogen von Vorurteilen, ja.

Aber ihre expliziten Details würden dem Leser unweigerlich auch den Eindruck geben, dass dieser Mann Gottes nichts faszinierender findet, als die privaten Praktiken homosexueller Partner en detail zu studieren.

Wenn ein Mann Sex mit einem anderen Mann habe, sei das wider die Natur, doziert er vor seinem privaten Schweinestall. Zwei Hühner sitzen unter seinem Stuhl. Eine skurrile Situation.

Schärfere Gesetze auch in anderen Teilen Afrikas

"Es ist so, als würde man mit einem Hund, einer Katze oder einer Ziege schlafen. Ja, homosexuelle Männer haben einen Orgasmus, aber er ist unnatürlich." Das männliche Sexualorgan sei speziell für die Vagina der Frau gemacht. "So will es die Natur und so will es Gott. Alles andere ist nicht afrikanisch."

Das ist das große Argument, nicht nur in Uganda, sondern in weiten Teilen Afrikas. In Simbabwe, Nigeria und dem Kongo wurden in den vergangenen Jahren die Gesetze verschärft. Als sündhafter Einfluss aus dem Ausland wird Homosexualität beschrieben.

Es ist eine Art Aufmüpfigkeit, ein wieder erstarktes Selbstbewusstsein afrikanischer Traditionalisten gegen die Aufklärungskampagnen und das als zu liberal empfundene Gedankengut der sogenannten Geberländer.

"Homosexualität ist ein Geschäft"

"Diese Lebensweise ist unmoralisch", meint auch Pastor Moses Solomon Male. "Wir müssen unsere Bürger vor diesem Einfluss schützen. Homosexualität ist ein Geschäft. Man bekommt Spendengelder damit."

Und dann hält ihn nichts mehr: "Ugander sind davon besessen, den westlichen Traum zu leben. Manche geben sich deshalb hin. Sie glauben, wenn sie homosexuell sind, bekommen sie schneller eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland oder Kanada." Dabei gingen afrikanische Werte wie der christliche Glaube verloren.

Gerald Sentogo lässt das schmunzeln. "Wenn ich mich recht erinnere, waren Afrikaner nicht immer Christen. Typisch afrikanisch hingegen ist, nicht über Sex zu reden. Homosexualität gibt es schon immer hier auf dem Kontinent. Aber wir halten es so wie mit den Dieben. Wir reden nicht über sie und deshalb gibt es sie auch nicht. Schade nur, wenn wir beklaut werden."

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