07.12.12

China

Der ausgezeichnete Autor Mo Yan hat das Wort

Wird er eine Gelehrten-Tracht tragen? Was wird er sagen? Ganz China spekuliert über die Rede, die Literaturnobelpreis-Träger Mo Yan in Stockholm hält – eine Gratwanderung für den umstrittenen Autor.

Foto: AFP

Bei der Pressekonferenz zum Literatur-Nobelpreis 2012 erhob Preisträger Mo Yan schon einmal das Wort. Was wird er bei der eigentlichen Verleihung der Auszeichnung sagen?
Bei der Pressekonferenz zum Literatur-Nobelpreis 2012 erhob Preisträger Mo Yan schon einmal das Wort. Was wird er bei der eigentlichen Verleihung der Auszeichnung sagen?

Chinas frischgebackener Literaturnobelpreisträger Mo Yan reist zur Entgegennahme seiner Auszeichnung mit großer Entourage und schwerem Gepäck nach Schweden. Seine Frau, seine Tochter und sein Freund Shao Chunsheng aus dem bäuerlichen Heimatdorf Gaomi werden ihn begleiten, und von Peking aus werden drei Übersetzer für Englisch, Russisch und Spanisch mitfliegen. Fünf neue Anzüge führt er im Koffer mit.

Seit Wochen verlangt die Öffentlichkeit über jedes Detail der Reise des 57-Jährigen nach Stockholm informiert zu werden. Wichtigste Frage: Wie soll sich der stellvertretend für 1,3 Milliarden Chinesen Ausgezeichnete zur Verleihung seines Preises einkleiden? Soll er ihn im klassisch chinesischen Stil des Gelehrten oder im extra für ihn zugeschneiderten Tuxedo entgegennehmen. Selbst eine Sun-Yatsen-Uniform, die der Volksmund Mao-Anzug nennt, schleppt Mo Yan sicherheitshalber mit sich, verriet Freund Shao.

Die Debatte hat einen Grad der Absurdität erreicht, die schon wieder Stoff für die nächste schalkhafte Erzählung Mo Yans abgeben könnte. Sie würde ins Repertoire eines Erzählers passen, der sich mit seinen grotesk-komischen ins surreal-magische umschlagenden Romanen von der "Sandelholzstrafe", der "Schnapsstadt" bis zum "Der Überdruss" einen Nobelpreis erworben hat.

Vergeltung mit Sippenhaft

Die wirkliche Last, die er nach Stockholm trägt, aber ist eine geistige Bürde. 134 Nobelpreisträger, aus allen sechs Bereichen, in denen die ihre nobelsten Preise der Welt vergibt, darunter 31 Mediziner, 26 Chemienobelpreisträger und 16 Ökonomen sind in die Vorlage gegangen. In einem offenen Brief fordern sie die Freilassung des seit vier Jahren von Peking eingesperrt gehaltenen Gewissenshäftling Liu Xiaobo. Wegen angeblicher Staatsumsturzabsichten wurde der Hauptverfasser des Freiheitsmanifests "Charta 08" zu elf Jahren Haft verurteilt.

Die Nobelpreisträger verlangen auch nach Freisetzung seiner Frau Liu Xia. Sie wird in kleinlicher Vergeltung in Sippenhaft seit zwei Jahren im Pekinger Hausarrest festgehalten, nur weil ihr Mann am 10. Oktober 2010 den Friedensnobelpreis erhielt. In dem direkt an den neuen Parteichef Xi Jinping adressierten Brief heißt es, dass die neue chinesische Führung mit der Freilassung Lius ein "positives Signal" aussenden würde, auch für ihre Wertschätzung der innovativen Kraft, die aus der Freiheit des Geistes entspringt.

Mit der weiteren Inhaftierung aber schade sie dem internationalen Ansehen des Landes. "Wir schreiben Ihnen in willkommener Erwartung von frischer Führungskraft und neuen Ideen. Wir bitten Sie eindringlich und respektvoll Dr. Liu Xiaobo freizulassen, den einzigen inhaftierten Friedensnobel-Preisträger der Welt und seine Frau Liu Xia."

Der Name, den ich China niemand sagen darf

Mo Yan, dem viele seiner Kritiker eine kompromittierende Nähe zur Staatsmacht vorhalten, weil er Vizevorsitzender des Staatlichen Schriftstellerverbandes ist, sprang schon einmal über seinen Schatten. Das war, kurz nachdem er den Literaturnobelpreis erhielt. Auf seiner ersten Pressekonferenz in Gaomi nannte er eine vorzeitige Freilassung Liu Xiaobos eine begrüßenswerte Sache.

Mit seiner gewagten Äußerung entzog er sich noch rechtzeitig einer schon begonnenen Vereinnahmung durch Propagandazar Li Changchun. Der hatte danach nichts Eiligeres zu tun, als allen Medien zu verbieten, die Äußerungen Mo Yans über Liu nachzudrucken. Die meisten Chinesen lasen und hörten so nicht mal was davon. Diesmal aber würden sie es erfahren, wenn Mo Yan sich in Stockholm als 135. Nobelpreisträger in die Liste der Namen einreiht, die für die Freiheit seines Landsmanns öffentlich eine Lanze brechen.

Wenige Tage nach Bekanntgabe des Preises entfloh Mo dem Trubel, bevor Zehntausende Souvernir- und Autogrammjäger in sein Bauerndorf einfielen. Die Nation empfindet so unbändigen Stolz, dass sie aus seinem gesamten Dorf ein Museum machen will. Alles, was er schrieb, wurde ausverkauft, zum Teil von Menschen, die noch nie ein Buch lasen. Sie machten ihn in nur knapp einem Monat mit rund 2,5 Millionen Euro Einnahmen zum zweiterfolgreichsten Autor 2012.

An unbekanntem Ort feilte Mo bei ausgeschalteten Handy an seiner so wichtigen Rede für Stockholm, die in Chinas Internet über Livestream zeitversetzt übertragen werden soll. Viele werden lauschen, ob der Mann, dessen Name "Mo Yan" bedeutet, "ich habe nichts zu sagen", den Namen Liu Xiaobo nennt, den ihn China niemand sagen darf.

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