05.12.12

Anna Wintour

Von der Fashion Week in die Botschaft?

Einem Bericht zufolge soll die legendäre "Vogue"-Chefin Anna Wintour US-Diplomatin werden. Dafür spricht jedenfalls Barack Obamas bisherige Praxis der Besetzung von Botschafterposten.

Von Christoph Wenzel
Foto: REUTERS

Anna Wintour, wie man sie kennt: bei der New York Fashion Week
Anna Wintour, wie man sie kennt: bei der New York Fashion Week

Als US-Präsident wiedergewählt zu werden ist eine Sache. Alle Personalfragen zu lösen und dabei gleichzeitig noch Befindlichkeiten und Parteiverpflichtungen im Auge zu behalten, ist eine ganz andere. Barack Obama hat also durchaus gewisse Herausforderungen zu meistern, nachdem er nun für weitere vier Jahre im Weißen Haus bleibt.

Da ist einerseits die nicht abreißende Debatte über die Nachfolge für die noch amtierende Außenministerin Hillary Clinton. Die hat angekündigt, ihren Posten aufzugeben, und Obama versucht gegen heftige Kritik, seine Wunschkandidatin, die UN-Botschafterin Susan Rice, als Clinton-Nachfolgerin durchzubringen.

Richtige Dementis hören sich anders an

Doch diese Personalie erscheint geradezu simpel und spießig im Vergleich zu dem, was der US-Präsident nun offenbar plant. Zwei Insider aus dem Umfeld der US-Regierung haben dem Wirtschaftsnachrichtendienst Bloomberg verraten, dass Obama den Posten des US-Botschafters in Großbritannien oder Frankreich neu besetzen möchte. Und zwar mit Anna Wintour, legendäre Chefredakteurin des Modemagazins "Vogue".

Das hört sich zunächst nach einer geradezu haarsträubenden Geschichte an: Die Modejournalistin schlechthin, die selbst zur Stil-Ikone wurde und den Fashion-Zirkus kennt wie niemand anderer, soll das diplomatische Gesicht der Vereinigten Staaten im Vereinigten Königreich werden? Offiziell gibt es dafür naturgemäß auch keine Bestätigung. "Ich habe keine Personalankündigungen", sagte der Pressesprecher des Weißen Hauses, Jay Carney, dazu lediglich. Und eine Sprecherin der "Vogue" sagte, Wintour sei "sehr glücklich mit ihrem jetzigen Job". Wie gesagt, keine Bestätigungen – aber richtig starke Dementis hören sich trotzdem anders an.

Zumal die Begründung für die exotische Personalie nicht einer gewissen Logik entbehrt. Denn Barack Obama will die Botschafterposten in London und Paris – zugegeben nicht eben die exotischsten Einsatzorte, dafür aber sichere und echte diplomatische Klassiker – offenbar deshalb neu besetzen, um zwei seiner größten Spendeneintreiber aus seinem Wahlkampf für ihr Engagement zu belohnen. Und dazu gehört eben die 63-jährige Modemagazin-Ikone Wintour.

Eine Berufung Wintours würde zu Obama passen

Auch Matthew Barzun, Finanzchef für Obamas Präsidentschaftskampagne, hat offenbar gute Karten, vom US-Präsidenten für seinen Einsatz mit einem diplomatischen Spitzenposten in der alten Welt belohnt zu werden. Zwar soll auch Marc Lasry, Managing Partner und Gründer von Avenue Capital Management, Interesse am Pariser Posten haben. Echte Chancen räumen ihm die Regierungsquellen jedenfalls nicht ein.

Und überhaupt: Wer will schon einen Investmentbanker, wenn er Wintour als Botschafterin haben kann? Die Frau also, die als knallhart bekannt ist und als Vorlage für die ebenso unbeugsame wie allmächtige Magazinchefin in "Der Teufel trägt Prada" (gespielt von Meryl Streep) Pate stand.

Bislang bekleidet den Posten in London Louis Susman. Er stammt aus Chicago, Obamas politischer Heimat, und sammelte 2008 fleißig Spenden, bevor er nach London geschickt wurde. Eine zweite Amtszeit dürfte er wohl nicht bekommen, heißt es aus Washington. Dasselbe gilt offenbar auch für zwei andere von Obama bestellte Botschafter, Dan Rooney in Irland und Charles Rivkin in Frankreich. Beide haben – um es diplomatisch auszudrücken – nicht eben die klassische Botschafterlaufbahn hinter sich. Rooney, immerhin 80 Jahre alt, ist Besitzer des Football-Teams Pittsburgh Steelers. Rivkin, geboren 1962 und damit einer der jüngsten US-Botschafter in den vergangenen 100 Jahren, arbeitete über 20 Jahre in der Medienbranche – unter anderem für die Jim Henson Company, Heimat der weltbekannten "Muppets".

Diese beiden Personalien zeigen jedoch, dass eine mögliche Berufung von Wintour durchaus zu Barack Obama passen würde. In seiner ersten Amtszeit berief er 59 Botschafter, 40 von ihnen waren Spendensammler für ihn gewesen. Auch der US-Repräsentant in Deutschland, Philip D. Murphy, wurde 2009 von Obama zum Botschafter bestellt. Von Haus aus ist Murphy Investmentbanker.

Wintour wurde in London geboren

Wintour bringt einen großen Vorteil für den Posten in London mit: Sie wurde dort geboren, ist sogar Trägerin des Ritterordens Order of the British Empire. Zwar ist sie mittlerweile amerikanische Staatsbürgerin, aber britische Wurzeln dürften in diesem Fall sicher nicht von Nachteil sein, wenn ihr schon die diplomatische Ausbildung fehlt.

"Sie ist ganz klar eine intelligente, fähige, attraktive und elegante Person", sagt Susan Johnson von der Vereinigung der Amerikanischen Auslandsdienste. "Aber es wäre schon vorteilhaft, Erfahrungen in praktischer Diplomatie und internationalen Beziehungen für den Posten mitzubringen." Dennoch hält auch Johnson eine spektakuläre Berufung von Wintour nicht für ausgeschlossen. Obama habe schon 2008 angekündigt, mehr Karrierediplomaten als Botschafter zu benennen. "Das ist aber bisher nicht geschehen."

Mit Anna Wintour könnte sich also Obamas "Günstlinge statt Diplomaten"-Personalpolitik fortsetzen. Bloß etwas spektakulärer als bisher.

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