04.12.12

Antisemitismus

Iraks letzte Juden fristen ein kümmerliches Dasein

Bis in die Fünfzigerjahre lebten 150.000 Juden im Irak. In heutiger Zeit sind es nur noch 20 Personen. Der Judenhass der Araber hat sie aus ihrer Heimat verdrängt. Ein neues Buch erinnert nun an sie.

Foto: Roger Viollet/Getty Images

Ein der letzten irakischen Juden bei der Tora-Lesung in der Synagoge von Bagdad
Ein der letzten irakischen Juden bei der Tora-Lesung in der Synagoge von Bagdad

Mehr als 2500 Jahre haben Juden im Irak gelebt. Trotz Unterdrückung, politischer Unruhen, Krieg und Plagen, war die jüdische Gemeinde in der Lage, ihre Identität, Kultur und Tradition zu bewahren. Gleichwohl waren sie politisch, sozial und ökonomisch gut im Lande integriert, und durch ihre Sprache, ihre gesellschaftlichen Traditionen und ihrer Lebensweise im Wesentlichen kaum von ihren arabischen Landsleuten zu unterscheiden.

Es war eine pulsierende und blühende Gemeinde, deren Anzahl sich in den 1940er-Jahren noch auf etwa 150.000 Seelen belief (einer alten britischen Statistik zufolge sah die Verteilung folgendermaßen aus: fünf Prozent von ihnen waren reich, dreißig Prozent gehörten der Mittelschicht an, sechzig Prozent waren arm, und fünf Prozent waren Bettler).

Allein in der irakischen Hauptstadt Bagdad zählte die jüdische Gemeinde 130.000 Mitglieder und stellte damit ein Drittel der gesamten Bevölkerung der Stadt. Als 2003 die amerikanischen Panzer in Bagdad einrollten, bestand die jüdische Gemeinde gerade noch aus 20 Personen!

Bis zu ihrem Massenexodus im Jahre 1951 betrachteten die Juden sich selbst als Teil des Iraks und seiner Geschichte. Sie waren stolz darauf, die Erben einer großartigen, in kultureller und geistiger Hinsicht einzigartigen Vergangenheit zu sein. Der babylonische Talmud oder auf Hebräisch das "Zeitalter der Dscha'unim" oder "Zeitalter der Genies", bezeichnet diese vergangene Epoche als die, in der die großen Rabbiner und Denker aus ihren Reihen hervorgingen.

Iraks Judenhasser

Es ist also nicht verwunderlich, wenn die irakischen Juden sich automatisch als an dem "modernen", im Jahre 1921 gegründeten, irakischen Staat interessierte Mitbürger betrachteten. Zum ersten Mal in ihrer langen Geschichte unter muslimischer Herrschaft machten die Juden die Erfahrung, gleichberechtigt in einer säkularen Gesellschaft zu leben. Ab jetzt spielten sie eine herausragende Rolle in der irakischen Gesellschaft – in der Musik, der Politik, bei Technik und im Handel. Auch der erste Finanzminister in der Regierung von König Faisal war Sassoon Eskell, ein Jude.

Leider war diese Euphorie, diese goldene Ära, nicht von langer Dauer. Die älteste Gemeinde im Irak musste erleben, wie Mitte des 20. Jahrhunderts nazifreundliche Strömungen, arabischer Nationalismus und die Gründung des Staates Israels zu Gewalttätigkeiten gegenüber irakischen Juden und zu einem allgemeinen Gefühl der Unsicherheit unter ihnen führten.

Am 6. Mai 1941 fand der Farhud (irakisches Pogrom) statt, zwei gesetzlose Tage nach der Niederschlagung eines Militärputsches unter der Führung von Kolonel Raschid Ali al-Gailani, einem Freund von Hitler, der später nach seiner Flucht in Berlin vom "Führer" persönlich empfangen wurde. Ab diesem Tag flohen immer mehr Juden aus dem Land – die meisten im Verlauf von nur anderthalb Jahren.

Nicht länger unser Land

Es ist erstaunlich, mit welcher Präzision alle interviewten aus dem Irak stammenden Juden in dem kürzlich beim Wallstein Verlag erschienen Buch "Iraks letzte Juden", die Chronik vom Verschwinden der ältesten Gemeinde im Irak, von ihren tragischen, aber auch glücklichen Momenten erzählen. Wir lesen von Menschen, "die nicht selten starke patriotische Gefühle für ihr Land hegten, die sich aber immer für eine Zukunft außerhalb der Landesgrenzen bereithielten, für alle Fälle".

Da die Ich-Erzähler, "die im Buch zu Wort kommen, so wenig homogen sind, wie jede andere Gruppe von Juden auch", sind deren Geschichten in drei Kategorien eingeteilt: Unter dem Titel, "Der Irak, unser Land", erzählen Menschen von ihrer Überzeugung, dass sie (oder ihre Eltern) dachten im Irak in "ihrem" Land zu leben.

Unter "Das Wagnis", berichten andere von ihren Leistungen als Pioniere der Zionistische Bewegung in Bagdad oder auch als Agenten für den israelischen Geheimdienst, dem die Organisation des damaligen Massenexodus der irakischen Juden (1946-1951) zugeschrieben wird. Unter "Nicht länger unser Land" versammeln sich jene Erzähler, die von ihrem Beharren auf das Bleiben im Irak berichten, trotz Schikanen und Verfolgungen. Die letzten von ihnen verließen den Irak erst 1982.

All diese Lebenserzählungen offenbaren die Vielschichtigkeit der jüdischen Gemeinde – Geschäftsleute und Kommunisten, bekannte Musiker und Schriftsteller, irakische Patrioten und frühe Zionisten.

Jüdische Hochkultur

Wir erfahren von Personen, die im Irak oder später in Israel, in den USA und Großbritannien Geschichte geschrieben haben: Die Gebrüder Kuwaity, Salah und Daoud, zum Beispiel, die vielleicht berühmtesten Musiker des Irak, die ihre Blütezeit zwischen 1920 und 1940 hatten, und deren Lieder sich bis heute großer Popularität in Irak und Kuwait erfreuen. Die Söhne von Khedouri Abdoudi Zilkha, der das erste Department-Bankensystem in der arabischen Welt gründete, die Bank Zilkha, die 1951 in New York in Zilkha & Sohns unbenannt wurde.

Shlomo Hillel, der fünf Jahre lang – ab 1946 – Mossad-Agent war und den Massenexodus der irakischen Juden organisiert hat. Richard Obadiah, der Sohn von Abdulla Obadiah, dem letzten Direktor der Frank-Iny-Schule, der letzten jüdischen Schule in Irak. Abdullah war bis die 1980er-Jahre einer der bekanntesten irakischen Mathematikprofessoren.

Jüdischer Exodus

Unter seinen Studenten waren hohe Beamte mehrerer irakischer Regierungen, wie etwa derselbe Saddam, oder der Leiter der nationalen Sicherheit in der Baath Partei, Nazim Kazzar. Von Letzterem, dem die Menschen später den Spitznamen Jazzar, der Schlächter, gaben, bekam Richard seinen Reisepass ausgehändigt.

Wir erfahren auch von den Kommunisten Salim Fatal und Sami Michael. Fatal wurde 1930 in Bagdad im armen jüdischen Viertel Tatran geboren. Seiner Meinung nach sind Armut und Kommunismus die beiden verschwiegenen Kapitel der Geschichte der Juden.

Sami Michael (1926 Bagdad), heute einer der populärsten israelischen Autoren, übt sogar Kritik an den meisten Israelis, die über das Leben der Juden im Irak schreiben. Sie stellen die Realität so dar, schreibt Sami Michael, dass sie dem zionistischen Narrativ entspricht, in dem sie sagen, "dass die zionistische Deutung ihrer Auswanderung die einzig wahre sei".

Für ihn ist das purer Mythos, denn "die irakischen Juden hatten eine ähnliche Einstellung zu Palästina wie die Juden in Amerika heute: Das Wohlergehen der Juden in Palästina war uns wichtig, aber wir lebten gerne in unserem Land und wollten es nicht verlassen".

Leider bedauern nur wenige Autoren im Buch wie Dhia Kachi, der 1952 in Bagdad geboren wurde, dass im Irak keine jüdische Gemeinde mehr existiert: Aus zionistischer Sicht sollten ohnehin alle Juden in Israel leben; arabische Nationalisten sind auf Antisemitismus indoktriniert; und viele Nachfahren der irakischen Juden wissen die gebotene Freiheit, in der Gesellschaft, in die sie immigrierten, zu schätzen. Trotzdem: "Die Geschichte der irakischen Juden ist mehr als die Flucht von Verfolgten vor dem Zugriff ihrer Verfolger".

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