02.12.12

Raketenstart

Zum Todestag seines Vaters will es Kim wissen

Während Südkorea und Japan Wahlen vorbereiten, testet Nordkorea die Nerven der Region: Am 17. Dezember plant Kim Jong-un den Start einer Interkontinentalrakete – acht Monate nach dem Unha-3-Debakel.

Foto: dpa

Der Raketenstartplatz Dongchang-ri in der nordkoreanischen Provinz Nord-Phyongan, nahe der chinesischen Grenze. Hier wird der Abschuss einer Langstreckenrakete vorbereitet, der...

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Noch vor Weihnachten bahnt sich um Pjöngjangs neue Raketenabschuss-Pläne ein dramatischer Countdown auf der koreanischen Halbinsel an. Alle Groß- und Regionalmächte sind alarmiert. Tokio, Seoul und Washington warnten am Wochenende nachdrücklich Nordkoreas neuen Machthaber, seinen bereits angekündigten Raketentest nicht zu unternehmen.

US-Regierungssprecherin Victoria Nuland nannte die Pläne Pjöngjangs zwischen dem 10. und 22. Dezember eine Trägerrakete für einen angeblichen Satellitenstart abzuschießen eine "hochprovokative Handlung. Sie ist eine Bedrohung von Frieden und Sicherheit in der Region". Der Abschuss, der alle UN-Resolutionen unterläuft, werde Folgen haben, wenn Nordkorea ihn umsetzen lasse. Er wirkt sich zudem auf die Dezemberwahlen in Südkorea und Japan aus.

Verletzung der Sonder-Resolution der UN

Hektische Diplomatie Washingtons in Kontakt mit allen Beteiligten, von Südkorea, Japan bis nach China und Russland, ist nun die Folge. Die USA und ihre Alliierten sehen den Raketentest, für den alle Vorbereitungen auf Nordkoreas Raumbahnhof in seiner Provinz Nord-Phyongan anlaufen, als Verletzung einer Sonder-Resolution im UN-Sicherheitsrat an.

Sie hat Nordkorea Tests für Interkontinentalraketen (ICBM) bei Androhung von UN-Maßnahmen verboten. Südkorea droht mit "scharfen Gegenmaßnamen der gesamten Region, wenn Pjöngjang seine Rakete abschießt."

Für Nordkorea wäre es der vierte derartige Versuch seit 2006, ballistische Raketen zu testen. 2006 startete es drei Monate nach seinem ersten Atomtest eine sogenannte Taepodong-2 Langstreckenrakete. 2009 unternahm es einen weiteren Start, der wieder von einem Nuklearwaffen-Test begleitet wurde. Einen dritten Raketenabschuss unternahm Nordkorea im April zur Inthronisation seines neuen Führers Kim. Er scheiterte durch die 90 Sekunden nach dem Start.

Sind die Raketen nur Druck- und Verhandlungsmasse?

Erst vor wenigen Woche hatte sich Nordkorea gebrüstet, über verbesserte Langstrecken-Raketen zu verfügen, die angeblich auch die bis zu 6000 Kilometer entfernten Küstengebiete der USA erreichen könnten. Internationale Raketenexperten streiten, wie leistungsfähig und gefährlich Nordkoreas Langstreckenraketen wirklich sind, oder ob sie nur als politische Druck- und Verhandlungsmasse Anwendung finden.

Da sich der hermetisch verschlossene Staat, der internationale Abrüstungsabkommen nicht akzeptiert, atomar aufrüstet, sind seine Trägerraketen sowohl eine potenzielle und bei einem Fehlversuch und Absturz auch reale Bedrohung für die gesamte Region bis hin zu den USA. Nordkoreas Abschussversuche, die als Satellitenstarts ausgegeben wurden, schlugen bisher fehl oder erreichten ihre Ziele nicht. Sie wurden begleitet von zwei unterirdischen Atombombentests.

Nordkorea soll nach Angaben von Atomwaffen-Experten noch nicht über die Fähigkeit verfügen, seine Atomwaffen so zu verkleinern, dass sie von Trägerraketen transportiert werden können. Der UN-Sicherheitsrat hatte mit Zustimmung von Nordkoreas Verbündeten Peking und Moskau nach den Atomtests Sanktionen gegen den hochmilitarisierten Hungerstaat erlassen und auch verschärft.

Abschusspläne werden Wahlkampf bestimmen

Der 28 Jahre alte Führer Kim, der nach südkoreanischen Angabe jüngst seine absolute Macht auch über das Militär mit brutalen Säuberungen in der höchsten Armeeführung durchsetzte, testet nun erneut die Nerven der Region. Am Freitag hatte die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA die Abschusspläne bekannt gegeben. Sie sprach von einem "Arbeitssatelliten", den die Rakete in eine Umlaufbahn bringen soll.

Der nach nordkoreanischer Bezeichnung Kwangmyongsong-3 genannte Satellit würde von der Trägerrakete (Unha-3 genannt) im Sohae-Raumbahnhof im Gebiet Cholson im Norden des Landes gestartet und in einer für alle Nachbarländer "sicherem Flugkorridor" in den Orbit gebracht werden. "Wissenschafter und Techniker haben die Fehler des gescheiterten April-Starts analysiert und die Zuverlässigkeit und Präzision der Rakete verbessert", meldete die KCNA.

Der Abschuss fällt genau in den Zeitraum der Präsidentschafts-Neuwahlen in Südkorea am 19. Dezember und wird nun den dortigen Wahlkampf bestimmen. Japan, das auch am 16. Dezember eine neue Regierung wählt, reagierte als erster Staat. Es setzte seine für kommenden Mittwoch und Donnerstag auf Abteilungsleiterebene direkt vereinbarte Wiederaufnahme von Verhandlungen mit Nordkorea zur Verbesserung des beiderseitigen Verhältnisses aus.

Beide Seiten sollten auf Vermittlung Pekings darüber reden, wie sich die psychologisch schwerste Belastung ihrer Beziehungen aus der Vergangenheit auflösen lässt. Pjöngjang hatte einst zahlreiche japanische Staatsbürger kidnappen und nach Nordkorea verschleppen lassen. Premierminister Yoshihiko Noda begründete nach japanischen Agenturmeldungen die Aufkündigung der Gespräche: "Es ist schwierig, unter diesen Bedingungen das Treffen abzuhalten."

Peking ruft alle Beteiligten zu Mäßigung auf

Chinas Führung, der wichtigste politische und wirtschaftliche Verbündete Nordkoreas, hatte gerade eine hochrangige Delegation nach Pjöngjang entsandt, die am Freitag mit Kim Jong-un zusammentraf. Der chinesischen Delegation gehörten das neue Politbüromitglied Li Jianguo und der für Nordkorea zuständige Leiter für internationale Parteibeziehungen zuständige Wang Jiarui an.

Beide übergaben einen Brief des neuen KP-Führers Chinas Xi Jinping an Nordkoreas Führer. Weder KCNA noch Chinas Nachrichtenagentur Xinhus berichteten, wie beide Seiten über die am gleichen Tag bekannt gemachten Raketenabschusspläne Nordkoreas diskutierten. Am Wochenende rief Pekings Außenministerium alle Beteiligten nur auf, "Schritte" zu unterlassen, die die Lage weiter verschärfen könnten.

Peking nahm nicht direkt zu dem als Satellitenstart kaschieren Raketenabschuss Stellung. Außenamtssprecher Hong Lei sagte südkoreanischen Reportern nach Angaben von Südkoreas Nachrichtenagentur "Yonhap": "Wir sorgen uns über alle Provokationen, die Frieden und Sicherheit der Region verletzten könnten."

Neuer Abschusstermin am Todestag des Vaters

Die aktuellen Abschuss-Pläne hatte so wie auch vergangenen April ein sogenanntes nordkoreanisches "Komitee für Weltall-Technologie" bekannt gegeben. Die am 13. April 2012 gestartete Rakete war sofort nach ihrem Abschuss über dem Meer vor der Westküste Südkoreas explodiert.

Kim will es wissen. Der neue Abschusstermin fällt auf den ersten Todestag des am 17. Dezember 2011 an einem Herzinfarkt gestorbenen Diktatorvater Kim Jong-il. Ihn hatte in dritter Folge der Familiendynastie Sohn Kim Jong-un beerbt. Mit dem Raketentest würdigt Kim Junior nicht nur das Andenken seines inzwischen neben Großvater und Staatengründer Kim Il-sung einbalsamierten und im Kristallsarg aufgebahrten Vaters.

Er nimmt auch Einfluss auf die Wahlen in Südkorea und Japan. Er testet auch die Reaktion der USA kurz nach dem Antritt der zweiten Amtsperiode Barack Obamas und Russlands Haltung unter dem wiedergewählten Parteichef Putin. Und ob sich Pekings Unterstützungs-Politik für Nordkorea nach dem Generationenwechsel unter dem neuen chinesischen Parteichef Xi Jinping geändert hat.

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