30.11.12

Chen Gunagcheng

China macht kurzen Prozess mit Dissidenten-Neffen

Chen Kegui, Neffe des blinden chinesischen Bürgerrechtlers Chen Guangcheng, ist zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Der Vorwurf: Körperverletzung. Er hatte gegen angeheuerte Schläger gekämpft.

Foto: REUTERS

Chen Kegui wurde zu drei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt
Chen Kegui wurde zu drei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt

Der Neffe des blinden chinesischen Bürgerrechtlers Chen Guangcheng ist am Freitag zu drei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt worden. Der Prozess wurde von Menschenrechtsgruppen als Racheakt an der Familie des bekannten Bürgerrechtlers kritisiert.

Seine spektakuläre Flucht nach 19 Monaten Hausarrest aus einem Dorf in Ostchina in die US-Botschaft in Peking hatte im Frühjahr eine diplomatische Krise zwischen China und den USA ausgelöst. Auf amerikanischen Druck hin durfte Chen Guangcheng schließlich mit seiner Frau und zwei Kindern in die USA ausreisen.

Nach einem kurzen Prozess verurteilte das Kreisgericht von Yinan nahe Linyi in der ostchinesischen Provinz Shandong den Neffen Chen Kugel wegen vorsätzlicher Körperverletzung, wie sein Vater Chen Guangfu telefonisch der Nachrichtenagentur dpa in Peking berichtete. "Es ist ungerecht", sagte er.

Die Anklage bezog sich auf eine gewalttätige Auseinandersetzung zwischen dem 33-Jährigen Chen Kegui und angeheuerten Schlägern und Wachleuten, die Ende April mit örtlichen Funktionären in dem Dorf nach seinem geflüchteten Onkel gesucht hatten und nachts in sein Haus eingedrungen waren.

Die Familie wurde nur vier Stunden vorher von dem Prozess unterrichtet. Ein europäischer Diplomat sah darin einen "klaren Bruch" rechtlicher Grundsätze. Chen Kegui wurde auch ein Anwalt seiner Wahl verweigert. "Der amtlich bestellte Verteidiger hat nicht einmal das Argument der Selbstverteidigung vorgebracht", sagte der Vater, der als Zeuge der Vorfälle nicht einmal an dem Prozess teilnehmen durfte. "Ich habe gebeten, als Zuschauer teilnehmen zu dürfen, aber das wurde mir nicht erlaubt."

"Schlagt ihn zu Tode"

Schon bei seiner Ausreise im Mai in die USA hatte der Aktivist Chen Guangcheng die Befürchtung geäußert, dass lokale Funktionäre "schlimme Rache" an seinen Verwandten nehmen könnte. Auch Menschenrechtsgruppen sahen in dem Vorgehen gegen den Neffen einen Vergeltungsakt. "Die lokalen Behörden behandeln Chen Kegui mit der gleichen Willkür und Missachtung des Rechts, wie sie es mit Chen Guangcheng getan haben", kritisierte Sophie Richardson, die China-Direktorin der Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch.

Der bekannte amerikanische China- und Rechtsexperte Jerome Cohen, der mit dem Bürgerrechtler befreundet ist, sprach vom "ultimativen Beispiel einer Justizposse". Der Neffe sei offensichtlich auch unter Druck gesetzt worden, keine Berufung einzulegen.

Ursprünglich war Chen Kegui sogar Mordversuch vorgeworfen worden. Er hatte entgegnet, dass er sich nur verteidigt habe. Ein Schlägertrupp sei über die Mauer geklettert und habe Türen aufgebrochen. Sie hätten sich weder ausgewiesen noch Durchsuchungspapiere vorgelegt.

Seine Mutter berichtete, die Eindringlinge hätten auf ihren Sohn eingeprügelt und "Schlagt ihn zu Tode" gerufen. Wie Chen Kegui später berichtete, habe er in dem Gerangel nach einem Küchenmesser gegriffen und die Angreifer in die Flucht geschlagen.

Die Flucht des Bürgerrechtlers und die Fahndung nach seinem Neffen überschatteten auch einen länger geplanten China-Besuch der US-Außenministerin Hillary Clinton, die sich in die Verhandlungen in Peking einschaltete. Chen Kegui stellte sich schließlich den Behörden.

Quelle: dpa
© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Bei den Lohnverhandlungen gab es eine Einigung bei den BVG
09:05Lohnverhandlungen
Einigung im Tarifstreit bei den BVG - Streikgefahr abgewendet

Am frühen Mittwochvormittag gab es einen Kompromiss in den festgefahrenen Tarifverhandlungen bei den Berliner Verkehrsbetrieben. Damit sind mögliche Streiks im öffentlichen Verkehr nun abgewendet. mehr...

Rechtsanspruch: Bis 2017 müssen insgesamt 11.000 Betreuungsplätze geschaffen werden
09:47Erfolgloses Konzept
"Ein-Euro"-Kitas werden wieder abgeschafft

Viele Berliner Kitas müssen dringend saniert werden, den Bezirken fehlt jedoch das Geld. Das zur Lösung des Problems geplante Ein-Euro-Programm wird nun beendet - der Senat hält es für gescheitert. mehr...


Rocket-Internet-Geschäftsführer Alexander Kudlich in der Firmenzentrale in Mitte
11:03Rocket Internet
100 Millionen Dollar für Zalando-Klon Zalora

Der von Rocket Internet im vergangenen Jahr nach dem Zalando-Vorbild in Südostasien gegründete Modeversender Zalora geht auf Expansionskurs. Finanziert von Kinnevik, Summit Partners und Tengelmann mehr...

Gefährlicher Zwischenfall am U-Bahnhof Kurfürstendamm: Zwei Schläger flüchteten nach einer Prügelattacke auf einen Passanten in den Tunnel der U-Bahn
11:06Gewalt
Schläger vom Kudamm flüchten vor Polizei in U-Bahn-Tunnel

Nachdem drei Schläger einen Mann auf dem Berliner U-Bahnhof Kurfürstendamm überfallen hatten, flüchteten zwei der Täter in den Schacht der U-Bahn-Linie 9. Ein 19-Jähriger wurde festgenommen. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Oklahoma Wiedersehen nach dem schweren Tornado
Xbox One Microsoft stellt neue Spielkonsole vor
Iran Rafsandschani darf bei Wahl nicht antreten
US-Kongress Apple verteidigt Steuersparmodell
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Bilder von oben

Das zerstörte Oklahoma City aus der Luft

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote