29.11.12

Russland

Gericht verbietet Videos der Punk-Band "Pussy Riot"

Videos, die Website und der Blog der Musikerinnen wurden von einem Gericht als "extremistisch" eingestuft - darunter auch ihr "Punkgebet".

Foto: dapd

Standbild aus dem "Punkgebet“: Ein russisches Gericht hat die Website, den Blog und Videos der Band „Pussy Riot“ als „extremistisch“ verboten
Standbild aus dem "Punkgebet": Ein russisches Gericht hat die Website, den Blog und Videos der Band "Pussy Riot" als "extremistisch" verboten

Ein russisches Gericht hat die Videos der Punkband "Pussy Riot" im Internet verboten. Das Bildmaterial sei "extremistisch", urteilte das Gericht am Donnerstag in Moskau. Auch der Zugang zur Webseite der Band sowie zu ihrem Blog Livejournal werde untersagt.

Von dem Verbot betroffen ist auch das Video des "Punkgebets" in einer Moskauer Kathedrale, das zur Verurteilung von drei weiblichen Bandmitgliedern zu zweijähriger Lagerhaft führte. In dem "Gebet" hatte die Band die Mutter Maria angefleht, das Land von Präsident Wladimir Putin zu erlösen.

Inwieweit das Urteil umzusetzen ist, ist fraglich. Das Video des "Pun kgebets" wurde auf der Internet-Plattform YouTube mehrere Millionen Mal aufgerufen. Eine russische Vertreterin des YouTube-Mutterkonzerns Google erklärte, erst brauche das Unternehmen eine schriftliche Fassung des Urteils. Erst dann könne darüber entschieden werden, ob es die beanstandeten Seiten tatsächlich sperrt.

Samuzewitsch: "Eine direkte Anerkennung der Zensur"

Bandmitglied Jekaterina Samuzewitsch, die ebenfalls angeklagt war, aber nach einem Berufungsprozess auf Bewährung frei kam, nannte das Urteil die "direkte Anerkennung der Zensur".

Die russisch-orthodoxe Kirche dagegen begrüßte das Gerichtsurteil. Die Entscheidung sei "völlig angemessen", sagte der Leiter der Synodalabteilung für die Beziehungen zur Gesellschaft, Erzpriester Wsewolod Tschaplin. Es seien bereits weit weniger extremistische Videos verboten worden. Tschaplin kritisierte vor allem, dass in dem "Punkgebet"-Video der Patriarch beschimpft werde.

Ein Berufungsgericht hatte Mitte Oktober ein Urteil wegen Rowdytums aus religiösem Hass gegen zwei der Bandmitglieder bestätigt. Sie müssen für zwei Jahre in ein Straflager. Die dritte Musikerin, Jekaterina Samuzewitsch, hatte eine Bewährungsstrafe erhalten. Samuzewitsch hatte erfolglos beantragt, vom Gericht als Prozesspartei an dem Video-Verfahren beteiligt zu werden.

Buchmarkt stürzt sich auf "Pussy Riot"

Zahlreiche Bücher beleuchten inszwischen die Fall der russischen Musikerinnen, darunter auch der Band "Pussy Riot! Ein Punk-Gebet für die Freiheit". Die Autoren kritisieren die Justizwillkür in Russland und loben den Mut der jungen Frauen, für das Recht auf Meinungsäußerung ihre Gesundheit und Freiheit zu opfern. Nachzulesen sind in der deutschen Broschüre auch die Gedichte der unerschrockenen Feministinnen sowie ihre glühenden Reden vor Gericht, das sie zu zwei Jahren Straflager wegen Rowdytums aus religiösem Hass verurteilt hatte. Ein Teil des Bucherlöses werde der Band zugutekommen, teilte eine Verlagssprecherin mit.

In Nowosibirsk ging die Justiz weiter gegen den Künstler Artjom Loskutow vor, der T-Shirts der mit Strumpfmasken auftretenden Punkband vertreibt. Experten verteidigen die Aktionen der 2011 gegründeten Frauengruppe als Kunst. So hatte im August der Kulturforscher Alek Epstejn in seinem Band "Kunst auf den Barrikaden" Pussy Riot als Trendsetter in der aktuellen Szene russischer Protestkunst gelobt.

Auch die Moskauer Journalistin Wera Kitschanowa solidarisierte sich in ihrem am Donnerstag im Internet veröffentlichten Buch "Pussy Riot. Podlinnaja Istorija" (Die wahre Geschichte) mit den Frauen. Pussy Riot stehe für mutigen Protest gegen totalitäre Verhältnisse. Kitschanowa gilt als Freundin der inhaftierten Nadeschda Tolokonnikowa (23), die wie ihre Mitstreiterin Marina Aljochina (24) in der Erlöserkathedrale dafür gebetet hatte, dass Russland von Putin erlöst werden möge.

Kitschanowa sowie der Hamburger Verlag betonten, dass ihre autorisierten Bücher nichts mit dem zuletzt in Moskau verlegten Titel "Pussy Riot. Tschto eto bylo" (Was war das!) zu tun habe. Das Buch im Algoritm-Verlag war auf Initiative der früheren Anwälte der Punkband erschienen, die sich inzwischen aber im Streit getrennt haben.

Streit um die Marke "Pussy Riot"

Um die Marke Pussy Riot ist Medien zufolge eine Schlacht entbrannt, weil alle damit Geld verdienen wollten – nur die Band nicht, die darin die Prinzipien des Punk verletzt sieht. "Die Kommerzialisierung der Gruppe Pussy Riot ist in vollem Gange. Und die Anträge auf einen Eintrag ins Markenregister werden inzwischen überall auf der Welt gestellt", sagte der frühere Verteidiger Mark Fejgin unlängst Moskauer Medien.

Vor allem die auf Bewährung freigelassene Jekaterina Samuzewitsch (30) empörte sich über Versuche, mit Pussy Riot Geld zu verdienen. Sie hatte sich als erste neue Anwälte gesucht, die nun planen, die beiden anderen bei einem neuen Gerichtsverfahren freizubekommen. Tolokonnikowa und Aljochina hoffen demnach darauf, dass ihre Strafe ausgesetzt wird, bis ihre beiden kleinen Kinder selbstständig sind. Auch Regierungschef Dmitri Medwedew hatte sich zuletzt mehrfach dafür ausgesprochen, die Frauen freizulassen.

Quelle: afp/kna/dpa/bee
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