28.11.12

Türkei

Schuluniformen ade, willkommen Kopftücher

An türkischen Schulen werden die Uniformen abgeschafft, dagegen wird das Tragen von Kopftüchern erlaubt. Dahinter verbirgt sich in den Augen von Kritikern der Beginn einer "Schulverschleierung".

Foto: picture alliance / JOKER

Bisher trugen Schüler an staatlichen Schulen Uniform. Das soll jetzt vorbei sein
Bisher trugen Schüler an staatlichen Schulen Uniform. Das soll jetzt vorbei sein

Türkische Schüler in der Vorschule, in der Grundschule und in der Sekundarstufe sollen frei auswählen dürfen, welche Kleidung sie in der Schule tragen. Das sieht ein Gesetzesbeschluss des türkischen Bildungsministeriums von Anfang der Woche vor.

Schuluniformen soll es an staatlichen Schulen demnach nicht mehr geben. Allerdings stößt die Abschaffung der Uniform auf heftige Kritik, sowohl bei Politikern der Oppositionspartei als auch bei Kinderrechtlern.

Die Kinderschutzstiftung "Gündem Cocuk Vakfi" sieht sich zwar nicht als Befürworter der Schuluniform, da diese in ihren Augen die Individualität der Kinder in den Hintergrund rückt, mit dem neuen Gesetz ist die Stiftung aber unzufrieden.

"Mit der Abschaffung der Uniform werden die wirtschaftlichen Unterschiede in der Kleidung der Schüle sichtbar, was zu Diskriminierung unter den Kindern führen wird", sagt ihre Sprecherin Emrah Kirimsoy der Berliner Morgenpost.

Lehrer und Schüler völlig unvorbereitet

Man hätte diesen Aspekt in die inhaltliche Diskussion über den Gesetzesentwurf berücksichtigen müssen. "Wir als Interessenvertretung hatten keine Chance, den Gesetzgebungsprozess zu beobachten. Wir wussten nicht einmal, dass über dieses Thema in der Regierung diskutiert wird." So seien weder Lehrer noch Schüler auf diese Veränderung vorbereitet gewesen.

Ganz abgeschafft wurde die Schuluniform allerdings nicht, denn die Entscheidung wurde an die jeweiligen Schuldirektoren delegiert. Wenn 60 Prozent der Erziehungsberechtigten an den Schulen zustimmen, darf die Schule selbst die Schuluniform bestimmen.

"Das beherbergt das Risiko, dass Schulen mit Bekleidungsgeschäften wirtschaftliche Kooperationen eingehen werden." Eltern wären so gezwungen, die Schuluniformen ihrer Kinder nur in bestimmten Läden zu kaufen.

Mädchen dürfen jetzt Kopftuch tragen

Erlaubt wurde hingegen das Tragen des Kopftuchs bei Mädchen, die Religionsschulen besuchen oder auch während des freiwilligen Koranunterrichts an staatlichen Schulen. "Es wird hier suggeriert, dass alle Menschen in der Türkei dem sunnitischen Islam angehören. Wenn hier Raum für die Ausübung der Religion geboten wird, dann sollte dies für alle Religionen und Konfessionen gleichermaßen sichergestellt werden", sagte Kirimsoy.

Die CHP-Abgeordnete Prof. Dr. Nur Serter ist der Ansicht, dass das neue Gesetz zu einem "Chaos" an Schulen führen werde. Die Kinder werden in der Türkei durch ein Online-System automatisch an den Schulen in ihrem Bezirk angemeldet. "Wie kann ein Kind der Hausverwaltung, das im gleichen Gebäude wie ein Kind einer wohlhabenden Familie lebt und auf dieselbe Schule geht, diesen Unterschied ignorieren?", sagte Serter in ihrer Pressemitteilung.

Das Gesetz sieht vor, dass Schüler sich ihrem Alter entsprechend und sauber sowie ordentlich anzuziehen haben. So dürfen sie keine figurbetonte Kleidung wie "Shorts, Leggings und Röcke, die über den Knien enden" tragen, heißt es im Gesetz, veröffentlicht im türkischen Amtsblatt. Auch ist Kleidung verboten, die nicht der Jahreszeit entspricht, so dürfen Schüler keine ärmellosen T-Shirts und Hemden tragen.

Neue ideologische "Uniform"

Serter sieht darin den Anfang einer "Schulverschleierung". "Wenn eine Schülerin mit Kopftuch in den Koranunterricht geht, wird sie in einem anderen Fach mit ihrem Lehrer konfrontiert, bei dem sie das Kopftuch ablegen müsste". So werde eine neue ideologische "Uniform" mit einem Verständnis von Zwang in den Schulen verbreitet.

Die Abschaffung der Schuluniform gehöre nicht zu den wichtigen Aufgaben des Bildungsministeriums. "Mangelndes Lehrpersonal und überfüllte Klassen müssen auf die politische Agenda. Dieses Gesetz ist wie Make-Up, mit dem die wichtigen Probleme verdeckt werden", sagte Kirimsoy.

Dieser Gesetzesbeschluss zeige das generelle Problem in der Türkei auf. "Die Ansichten der Zivilgesellschaft, die Wissenschaft und der Betroffenen werden in wichtigen Entscheidungsverfahren nicht berücksichtigt. Alle Entscheidungsmechanismen werden top-down beschlossen und ausgeführt. Von einem partizipatorischen Demokratieverständnis kann hier nicht die Rede sein."

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