27.11.12

Griechenland

Bahr wirft einen Blick in das Fass ohne Boden

Das griechische Gesundheitssystem soll – nach dem Vorbild des deutschen – effizienter werden. Darum reist Gesundheitsminister Bahr nach Athen – und erlebt dort einen Schicksalstag mit.

Von Stefan von Borstel
Foto: AFP
Proteste in Griechenland, auch am Tag nach den neuen Milliarden-Zusagen aus Brüssel
Proteste in Griechenland, auch am Tag nach den neuen Milliarden-Zusagen aus Brüssel

"Wir haben uns geändert." Fast schon beschwörend sagt das Andreas Lykourentzos, der griechische Gesundheitsminister, seinem Gast aus Deutschland. Sein Gegenüber ist Daniel Bahr, der deutsche Kollege auf Besuch in Griechenland. Mit "Würde und harter Arbeit" wolle seine Land wieder in den Kreis der Europäer zurückfinden, versucht der griechische Minister den Gast von den Reformbestrebungen seines Landes zu überzeugen.

Die Griechen haben für Bahr und seine Delegation eigens das futuristische Museum am Fuße der Akropolis geöffnet, um dort mit Blick auf die antiken Ruinen zu Mittag zu essen. Lykourentzos dankt Bahr bei Goldbrassenfilet mit Selleriepüree für die "hervorragende Zusammenarbeit" und die Unterstützung der Reformen.

Dieser Montag ist ein Schicksalstag für Griechenland, wieder einmal. Im fernen Brüssel beraten die Finanzminister der Euro-Länder über weitere Milliardenhilfen für Athen. Die Stimmung der Gastgeber ist angespannt. Bleiben die Milliardenhilfen aus, stellt sich die Troika quer, dann bedeutet dies das Ende der griechischen Regierungskoalition. Was danach kommen würde, ist mehr als ungewiss.

"Wir haben geliefert", wird Daniel Bahr an diesem Tag öfter hören, "nun seid ihr dran". Eine heikle Mission für den FDP-Politiker, der eigentlich gekommen ist, um sich über die Fortschritte der Strukturreformen im Gesundheitswesen zu informieren und deutsche Hilfe anzubieten. Für viele Griechen sind "Berlin" und die "Troika" schlicht die Ursachen allen Übels.

Griechische Regierung in schwieriger Lage

Überraschend empfängt auch Ministerpräsident Antonis Samaras die Delegation aus Berlin. Es ist Kanzlerin Angela Merkel (CDU), die den Weg für Bahr in die Residenz des Ministerpräsidenten geebnet hat. Griechenland habe die Auflagen der Troika aus Europäischer Zentralbank, EU-Kommission und Internationalem Währungsfonds erfüllt, betont Samaras. Regelmäßig rufe er bei seinen Ministern an, und frage nach dem Stand der Reformumsetzung, erzählt Samaras Bahr. "So weit ist Merkel noch nicht", scherzt dieser nach den Gesprächen mit dem Premier. "Sie schickt nur SMS."

Die griechische Regierung ist in einer schwierigen innenpolitischen Lage. Sie hat einen Sparhaushalt und harte Strukturreformen gegen den Widerstand der Straße mit knapper Mehrheit durch das Parlament bekommen. Löhne und Renten sinken, die Lebensarbeitszeit wird um zwei Jahre verlängert, 150.000 Staatsdiener sollen entlassen werden, die Gesundheitsausgaben schrumpfen um ein Drittel. Man sei in der zweiten Phase der Umsetzung, erklärt der für die Verwaltungsreform zuständige Vizeminister Manoussos Valoudakis. Das Ziel 150.000 werde wohl weit übertroffen, es könnten auch 180.000 werden. "Wir sind so gut, wir haben gar keine Zeit, uns zu beglückwünschen", meint der Minister enthusiastisch.

Bahr lobt den Reformeifer

Für die Unterstützung – man kann auch sagen Überwachung – der Verwaltungsreform sind die Franzosen zuständig, dafür sind die Deutschen im Gesundheitsbereich der "Domain Leader". Deshalb ist Bahr jetzt hier.

Das griechische Gesundheitswesen, vom Krankenhausmanagement bis zur Arzneimittelversorgung, soll effizienter werden, nach deutschem Vorbild und mit Hilfe deutscher Experten. In Power-Point-Präsentationen stellen die jungen Berater des griechischen Ministers die geplante Umsetzung der Reformen vor: In den Krankenhäusern sollen Fallpauschalen eingeführt werden, nach denen abgerechnet wird. In Deutschland hat das Jahre gedauert, in Griechenland will man in Kürze damit fertig sein. Modernes Krankenhausmanagement hält in den staatlichen Kliniken Einzug, mit Controlling, einheitlichen IT-Systemen und einer zentralen Beschaffung.

Bahr lobt den Reformeifer: "Der Prozess kommt in Gang." Seine Reise sei auch als "Signal der Anerkennung" zu verstehen, sagt er den Gastgebern. "Wenn Griechenland den Reformprozess fortsetzt, dann wird Griechenland im Euro-Raum bleiben."

Griechen sind skeptisch

Optimistisch zeigt er sich auch, was die Verhandlungen in Brüssel angeht. Es werde ein guter Abend, versichert er den griechischen Gästen bei einem Dinner in der Residenz des deutschen Botschafters. Geladen sind Ärzte, Gesundheitsexperten und Abgeordnete. Doch die Griechen sind skeptisch.

Ein Gast bemüht die Danaiden aus der Mythologie, die zur Strafe Wasser in ein Fass ohne Boden schöpfen mussten. Er vergleicht Griechenland mit einem Fass, dass unter großen Mühen saniert und abgedichtet worden sei. Aber was nütze das schönste Fass, wenn kein Olivenöl da sei, um es zu füllen?

"Heute Nacht wird eine Einigung gelingen", sagt Bahr, er habe Informationen aus dem Kanzleramt und von Vizekanzler Philipp Rösler. Es gehe nur noch um Details. Tatsächlich soll Bahr recht behalten. Am frühen Morgen wird das griechische Fass reichlich gefüllt: mit 44 Milliarden Euro aus Brüssel.

Quelle: Reuters
27.11.12 1:27 min.
Die Einigung auf weitere Finanzhilfen für Griechenland ist an der Frankfurter Börse positiv aufgenommen worden.
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