26.11.12

Late Night

Wie war das noch mal mit der Hamas, Herr Jauch?

Die Kämpfe zwischen Israel und der Hamas sind abgeflaut. Wie es in Nahost weitergehen kann, diskutierte Günther Jauch mit seinen Gästen - doch der Moderator wirkte mit dem Thema überfordert.

Foto: dapd
Sawsan Chebli wurde als Tochter palästinensischer Flüchtlinge in Deutschland geboren. Die Politikwissenschaftlerin, die heute für den Berliner Innensenat arbeitet, diskutierte mit dem Dirigenten Daniel Barenboim
Sawsan Chebli wurde als Tochter palästinensischer Flüchtlinge in Deutschland geboren. Die Politikwissenschaftlerin, die heute für den Berliner Innensenat arbeitet, diskutierte mit dem Dirigenten Daniel Barenboim

Die eine, Angela Garcia, wuchs in Solingen auf. Die andere, Nor Abu Khater, in Münster. Angela Garcia lebt inzwischen mit zwei Söhnen in Israel, in einem Dorf nahe des Gazastreifens. Nor Abu Khater, die gebürtig Palästinenserin ist, wohnt seit Jahren in diesem Gazastreifen.

Als Kinder wohnten die beiden Frauen in Deutschland gut 120 Kilometer auseinander und hatten vergleichbare Lebensbedingungen. Heute als Erwachsene leben sie wesentlich näher aneinander, doch in ihrem Leben ist nur noch die Angst die Gemeinsamkeit: Die beiden Mütter haben Angst um ihr Leben und um das Leben ihrer Kinder, seit in der Region wieder die Raketen noch häufiger fliegen.

Aus Münster in den Gazastreifen

Auch Günther Jauch schaffte es am Sonntag nicht, die beiden Frauen in Deutschland an einen Tisch zu bringen. Während Angela Garcia für ein kurzes Interview zu ihm ins Studio durfte, konnte Nor Abu Khater den Gazastreifen nicht verlassen.

Per Telefon war sie in die Sendung zugeschaltet. Und so konnten die beiden Frauen sich nicht in die Augen sehen, als sie sich gegenseitig Glück fürs Überleben in der Krisenregion wünschten.

Leider verriet Jauch nichts über die Beweggründe der beiden Frauen für ihren Wegzug aus Deutschland in diese scheinbar auf ewig kriegerische Region. Und leider blieb der Versuch, über das Menschliche den Konflikt verstehbar zu machen, misslungen.

Jauch brachte es am Sonntag fertig, für die vielen Facetten des Konflikts zwischen Israel und Palästinensern interessante Stimmen ins Studio zu bekommen, und dennoch seine Zuschauer mit einem Gefühl der Leere zu entlassen.

"Niemals Frieden in Nahost?"

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP), Palästinas Botschafter in Deutschland, Salah Abdel Shafi, Israels ehemaliger Botschafter Avi Primor, der Berliner Generalmusikdirektor und einzige Mensch mit einem Pass Israels und Palästinas, Daniel Barenboim, und die deutsch-palästinensische Politikwissenschaftlerin Sawsan Chebli kamen zu Jauch, um über die Frage "Auge um Auge, Zahn um Zahn - Niemals Frieden in Nahost?" zu diskutieren.

Dirigent Barenboim umriss die in Deutschland auch seit langem diskutierte Frage, warum trotz unzähliger Versuche nie ein tragfähiger Frieden gefunden werden konnte, mit einem von der politischen Debatte gelösten These. "Es ist nicht ein politischer Konflikt, der mit militärischen Mitteln gelöst sein kann", sagte Barenboim.

"Es ist ein menschliches Problem, zwischen zwei Völkern, die zutiefst überzeugt sind, das Recht zu haben, an einem Stück Land" - und dies exklusiv, sagte der Dirigent. Dies war die Botschaft, die Barenboim unterbringen wollte: Hier steckt in zwei Völkern etwas ganz tief im Inneren der Menschen, das sich mit dem in der Politik üblichen Verhandeln ebenso wenig lösen lässt wie mit Gewalt.

Westerwelle muss Jauch über Hamas aufklären

Hätte Jauch diesen Gedanken Barenboims, dem er den Auftakt der Sendung gab, ernst genommen, hätte er als nächsten Gesprächspartner Westerwelle gar nicht erst ausreden lassen dürfen. Denn Westerwelle wollte genau solch eine Botschaft loswerden, die laut Barenboim ungeeignet ist.

Drei Punkte legte der deutsche Politiker fest, die aus Sicht der deutschen Diplomatie wichtig sind: Dass der Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen nach Israel aufhören muss, dass die Menschen in Gaza "eine wirkliche Entwicklungsperspektive" bekommen und dass der Waffenschmuggel nach Gaza gemeinsam unterbunden werde. Alles wichtige Aspekte. Aber alles nur Geplänkel, gemessen an der großen Versöhnungsidee, die nach Einschätzung Barenboims zur Lösung nötig wäre.

Die Sendung am Sonntag war dazu geeignet, mal wieder grundsätzliche Zweifel an Jauchs Eignung für große politische Themen zu gewinnen. Er bringt immer wieder eine ansprechende menschliche Seite in ein Thema, fragt auch auf eine für die breite Zuschauermasse verständliche Weise - doch inhaltlich voll auf der Höhe ist er nicht.

So musste sich Jauch von Westerwelle regelrecht belehren lassen, wie sich die Hamas im Gazastreifen an die Macht geputscht hat - da fehlten Jauch grundlegende Informationen.

Israel setzt auf Ägypten

Zum Glück bügelten die Gäste die Schwächen des Moderators etwas dadurch aus, dass alle etwas zu sagen hatten. So Ex-Botschafter Primor, der für Israel zwei Leitgedanken vortrug: "Wir müssen mit der Hamas verhandeln", sagte Primor. Dabei gehe es nicht um Frieden, sondern um Arrangements.

Und außerdem setzt auch Israel auf eine starke Rolle Ägyptens: "Die Ägypter könnten vielleicht das alles überbrücken." Palästinas Botschafter Shafi wiederum drängte darauf, dass endlich die seit zehn Jahren auf dem Tisch liegende Zwei-Staaten-Lösung vollendet wird und Palästina auf Augenhöhe akzeptiert wird.

"Unser Problem ist, wir werden nicht als gleichberechtigter Partner behandelt." Shafi bezeichnete die Siedlungspolitik Israels als "das A und O" für eine Lösung, hier sei es fünf vor zwölf, wenn nicht sogar fünf nach zwölf. Auch Primor sprach über die Siedlungspolitik - doch Jauch machte sich gar nicht erst die Mühe, diesen Teil des Konflikts näher zu diskutieren.

Palästinenserin glaubt nicht mehr an Lösung

So musste am Ende das "Menschelnde" herhalten, um eine Perspektive für Israel und Palästina zu geben. Primor sagte, die beiden Regierungen in Israel und Palästina seien einem Friedensprozess heute nicht gewachsen. "Die Bevölkerungen auf beiden Seiten, auch auf der palästinensischen Seite, sind schon so weit."

Auch Shafi sagte über die Palästinenser: "die überwältigende Mehrheit" der Menschen dort wolle die Zwei-Staaten-Lösung. Doch es gab auch die Stimme der von Jauch leider am Ende unterbrochenen jungen Politikwissenschaftlerlin Chebli. "Ich habe irgendwann die Hoffnung aufgegeben", sagte die in Berlin geborene Tochter palästinensischer Flüchtlinge.

Und: "Ich glaube nicht mehr an die Zwei-Staaten-Lösung." Argumente, welcher dieser Einschätzungen die Zuschauer nun glauben können, kitzelte der mit dem ganzen Thema überforderte Jauch leider nicht heraus.

Das sagten die Gäste bei Günther Jauch

Daniel Barenboim,

Dirigent und Pianist:

 

 

"Es ist ein menschliches Problem zwischen

zwei Völkern, die zutiefst überzeugt sind,

das Recht zu haben an einem Stück Land."

Sawsan Chebli,

deutsch-palästinensische

Politikwissenschaftlerin:

 

 

"Ich glaube nicht mehr

an die Zwei-Staaten-Lösung."

Avi Primor,

ehemaliger Botschafter Israels

in Deutschland:

 

 

"Ich bin der Meinung, dass die beiden

Regierungen (...) einem Friedensprozess

heute nicht gewachsen sind.

Die Bevölkerungen auf beiden Seiten -

auch auf der palästinensischen

Seite - sind schon so weit."

Guido Westerwelle (FDP),

Bundesaußenminister:

 

 

"Das Existenzrecht Israels kann

nicht bestritten werden. Israel hat das Recht

auf einen Staat in sicheren Grenzen."

Quelle: Reuters
25.11.12 1:03 min.
Es kehrt allmählich wieder so etwas wie Alltag in Israel und auch im Gaza-Streifen ein. Am Mittwochabend trat nach acht Tagen gewaltsamen Konflikts eine Waffenruhe in Kraft und bislang hält sie.
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