24.11.12

Informanten

Palästinensische Spione riskieren Leben für Israel

Israels Luftschläge gegen Hamas-Terroristen erfolgen meist zielgenau. Die nötigen Informationen dafür erhält das Militär oft von palästinensischen Helfern, die ihr Leben riskieren. Eine Begegnung.

Von Michael Borgstede
Foto: REUTERS

Das Foto der israelischen Armee zeigt die Tötung des Hamas-Kommandeurs Ahmed al-Dschabari, der zum Zeitpunkt des Luftangriffs in seinem Auto unterwegs war. Israels Militär erhält wichtige Informationen über die Terroristen häufig von palästinensischen Informanten
Das Foto der israelischen Armee zeigt die Tötung des Hamas-Kommandeurs Ahmed al-Dschabari, der zum Zeitpunkt des Luftangriffs in seinem Auto unterwegs war. Israels Militär erhält wichtige Informationen über die Terroristen häufig von palästinensischen Informanten

Am Freitagmittag steigt Amin* auf den Hügel. Er kommt immer allein hierher, hat er gesagt. Jede Woche. Es regnet. Amin trägt einen grünen Anorak, die Kapuze hat er sich tief ins Gesicht gezogen. Nicht einmal 60 Jahre ist er alt, aber aus der Ferne sieht Amin aus wie ein greiser Mann, schwerfällig und gebeugt. Oben angekommen, bleibt er nur kurz stehen, die Sicht ist schlecht.

Hinter ihm liegen die Häuser der israelischen Stadt Sderot – wo er wohnt. Vor ihm liegt der Gazastreifen – dort hat er früher einmal gelebt. Das Meer verschwindet im Dunst, ein paar Hochhäuser sind zu erkennen und das Minarett einer Moschee.

Doch Amin sieht mehr: Von jenem Hügel, wenige Hundert Meter vom Gazastreifen entfernt, wirft er freitags einen kurzen Blick in ein vergangenes Leben. "Ich kann nicht mehr zurück. Wenn ich einen Fuß nach Gaza setze, bin ich ein toter Mann", sagt er nach dem Abstieg auf Hebräisch. Er wirkt erleichtert und gleich einige Jahre jünger.

20 Jahre lang Informant Israels

Für die Palästinenser ist Amin ein Kollaborateur. Mehr als 20 Jahre lang hat er dem israelischen Inlandsgeheimdienst Schin Bet aus Gaza Informationen geliefert. Er sagt, er habe Leben gerettet.

Dabei hat er nicht aus Überzeugung begonnen, seine Nachbarn zu bespitzeln: "Sie haben meinen Bruder fälschlich der Kollaboration beschuldigt und getötet", sagt er. Das sei nicht ungewöhnlich: Der Verdacht sei in den Palästinensergebieten allgegenwärtig, der Vorwurf der Kollaboration mit dem Feind werde oft als Vorwand zur Begleichung alter Rechnungen genutzt.

Er habe sich für den Tod des geliebten Bruders rächen wollen. Das ist jetzt 40 Jahre her. Später erst folgten die ersten Zweifel am Vorgehen der Terrorgruppen, schließlich die Überzeugung, das Richtige zu tun.

Verraten, festgenommen, gefoltert

Im Jahr 1994 wurde Amin selbst verraten. Drei Jahre verbrachte er im Gefängnis, wurde gefoltert, konnte sich schließlich freikaufen und flüchtete nach Israel. Seine Kontaktpersonen beim israelischen Geheimdienst halfen ihm.

Er durfte seine Frau und die fünf jüngsten Kinder mitbringen, bekam eine Aufenthaltsgenehmigung und eine bescheidene Rente von der israelischen Regierung. Zum Neuanfang gehörte auch ein Haus – ausgerechnet in Sderot, wenige Kilometer Luftlinie vom Gazastreifen entfernt.

"Als wir hierherzogen, war es noch ruhig", erinnert sich Amin. Aber bald begann der Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen. Vor einigen Jahren landete eine Kassam-Rakete in seinem Garten, die Splitter verletzten seinen Sohn.

"Doch wenn die Israelis zurückschießen, dann verletzen sie möglicherweise meine anderen Söhne." Jene Söhne, die er in Gaza zurücklassen musste, weil sie schon verheiratet waren, als Amin nach Israel flüchtete.

Leiche durch die Straßen geschleift

Auch am vergangenen Freitag ist er auf den Hügel gestiegen. Er hörte die Explosionen, sah den Rauch über jenen Häusern aufsteigen, die einst seine Heimat waren. Und er wusste: Ohne Helfer, ohne palästinensische Informanten wäre die Militäroffensive unmöglich gewesen.

Jemand musste Ahmed Dschabari, den Anführer der Issedine-al-Kassam-Brigaden, verraten haben, wie so viele Hamasführer schon verraten wurden. Genau weiß niemand, wie viele Palästinenser dem israelischen Geheimdienst zuarbeiten. Wahrscheinlich sind es Tausende.

Sie leben gefährlich: Sieben mutmaßliche Kollaborateure wurden in der vergangenen Woche in Gaza ohne jedes Gerichtsverfahren getötet. Im Internet kursieren grausame Videos der Hinrichtungen: Die Leiche eines der Getöteten wird von einem Motorrad durch die Straßen geschleift.

Amin hat die Bilder gesehen und sich geekelt. Welche Informationen er damals an den israelischen Geheimdienst weitergegeben hat, will er nicht sagen. "Nur eines: Ich bereue nichts!" – "Tikkun Olam" würden die Juden das nennen, die "Reparatur der Welt". "Ich habe auch ein bisschen die Welt repariert", sagt Amin selbstbewusst.

Freude über das Hebräisch der Kinder

Es gibt die guten Tage, an denen er glaubt, in dieser überwiegend von sefardischen und russischen Juden bewohnten israelischen Kleinstadt eine Heimat gefunden zu haben.

An solchen Tagen freut er sich über sein kleines, aber dennoch einigermaßen erfolgreiches Geschäft, sieht mit Stolz, wie seine Kinder sich auf Hebräisch mit ihren jüdischen Freunden unterhalten. Einer seiner Söhne hat für die israelischen Sicherheitsdienste Befragungen durchgeführt in einem nahe gelegenen Gefängnis. Auch ein Kollaborateur, würden seine palästinensischen Landsleute sagen.

Amin aber ist stolz auf seinen Sohn. Fragt man ihn nach dem Raketenbeschuss der Hamas, klingt er wie seine jüdischen Nachbarn. Vielleicht fällt die Antwort noch etwas schärfer aus: Nur eine Wiederbesetzung des Gazastreifens könne dem Beschuss ein Ende bereiten, und dazu sei niemand in Israel bereit, sagt er.

Die Hamas werde dem Terror niemals abschwören, das wisse er ganz genau. Etwas zögernd, fast mit einem schlechten Gewissen, fügt er dann noch hinzu, Israel müsse versuchen, der Zivilbevölkerung ein ehrenhaftes und normales Leben zu ermöglichen.

Manchmal schmerzt das Heimweh sehr

Und dann sind da jene Tage, an denen Amins Heimweh unerträglich, die Einsamkeit zu schmerzlich wird. Dann vermisst er plötzlich das süße Gebäck seiner verstorbenen Großmutter oder den Geruch des Meeres, das im ärmlichen Gaza immer etwas mehr nach Freiheit duftete.

Wenn er an solchen Tagen in seinem Wagen arabische Musik hört, schließt er die Fenster. Mit den meisten jüdischen Nachbarn gebe es keine Probleme. "Einige vertrauen uns nicht", sagt der korpulente Mann. "Aber mir geht es gut hier."

Etwa ein Dutzend Familien palästinensischer Informanten leben heute in Sderot. Der Inlandsgeheimdienst hat sie dort angesiedelt. Insgesamt sollen mehrere Tausend ehemalige Spione nach Israel umgesiedelt worden sein, der Geheimdienst leistet sich eine eigene Abteilung für die Versorgung der ausrangierten Agenten.

Die meisten von ihnen leben in gemischten jüdisch-arabischen Städten. Dort fallen sie am wenigsten auf. Aber längst nicht alle von ihnen werden so gut versorgt wie Amin.

Informationen gegen Geld getauscht

Bei Mahdschub* regnet es durch das Wellblechdach. Im weichen Licht der Dämmerung machen sich die ersten Prostituierten auf die Suche nach Freiern. Wer möchte, kann in dem heruntergekommenen Viertel der jüdisch-arabischen Stadt Lod Drogen aller Art bekommen.

Auch Mahdschub hat für die Israelis spioniert, allerdings nicht freiwillig. Er war noch ein junger Mann, als er bei einem Diebstahl aus der Kasse seines Arbeitgebers erwischt wurde. Der Preis für das Stillschweigen war eine Zusammenarbeit mit den Israelis. Zuerst sollte er nur den Arbeitsplatz eines Nachbarn weitergeben oder das Nummernschuld eines Bekannten. Dafür gab es eine finanzielle Anerkennung.

"Wenn man einmal bezahlt wurde, gibt es kein Zurück mehr. Dann haben sie dich in der Hand", sagt Mahdschub heute. Er trägt eine Wollmütze auf dem Kopf, durch ein zersplittertes Fenster zieht es.

Anwerbung auch durch Erpressung

Die Anwerbemethoden des Geheimdienstes seien oft schlicht Erpressung, sagt er. Da würden Palästinensern Reise- oder Arbeitsgenehmigungen versprochen, oder es würde gedroht, unziemliche Geschichten über weibliche Familienmitglieder in Umlauf zu bringen.

Kleinkriminelle im Gefängnis könnten im Gegenzug für eine Spionagetätigkeit ihre vorzeitige Entlassung aushandeln. Und die Bezahlung sei nicht außerdem schlecht. Auch Mahdschub hat gutes Geld verdient – bis er aufflog. "Das hat mir die Spitzelei eingebracht", sagt er und krempelt seinen Hemdsärmel nach oben.

Mit abgekauten Fingernägeln fährt er über eine großflächige Brandnarbe auf dem Arm. Er wurde nur ein paar Tage gefoltert, dann konnte ein Verwandter mit guten Beziehungen überraschend seine Entlassung erreichen. "Ich schlafe seitdem schlecht, kann kaum arbeiten", sagt er und sinkt noch etwas tiefer in seinen Plastikstuhl. Er bereue es täglich, sich jemals mit den Israelis eingelassen zu haben.

"Wie eine Zitrone ausgequetscht"

Wegen des Diebstahls hätte er damals vielleicht seinen Job verloren, doch nun sei sein Leben verpfuscht. Nicht einmal eine Krankenversicherung habe er heute. "Die Israelis haben mich ausgequetscht wie eine Zitrone und dann weggeworfen", sagt Mahdschub resigniert.

Seine Kontaktperson habe ihm versichert, Allah werde ihm seine guten Taten nicht vergessen. "Dann hat er mir 1000 Dollar in die Hand gedrückt." Das Geld ist längst weg.

Er vermisse seine Familie, seine Frau musste er bei der Flucht zurücklassen. Ein paar Mal habe er mit seiner Mutter gesprochen. Dann sei sein Bruder ans Telefon gekommen: "Du bist für uns gestorben", habe er nur gesagt und aufgelegt.

Die Hoffnung auf Frieden

Manchmal träumt Mahdschub davon, heimlich sein Dorf zu besuchen. Es ist ein schöner Traum: Alle freuen sich über das Wiedersehen, es gibt ein Festmahl im Kreis der Familie, und nichts hat sich seit Kindheitstagen verändert.

Bis er sich plötzlich in einer düsteren Gefängniszelle seinen Peinigern gegenübersieht und schweißgebadet aufwacht. Schlaff sitzt Mahdschub auf seinem Plastikstuhl, eine Narbe auf dem Arm und viele in der Seele. Hat er noch einen Traum, erhofft er sich etwas vom Leben?

"Frieden wäre schön", sagt er, und es klingt, als spreche er zuallererst von seinem eigenen Frieden.

*Namen von der Redaktion geändert

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