23.11.12

Irak

Sushi-Ehen liegen in Bagdad wieder im Trend

Jahrelang haben sich im Irak Sunniten und Schiiten blutig bekämpft. Der Bruch ging sogar durchs Ehebett. Mittlerweile nehmen die Sushi-Ehen wieder zu. Denn nach dem Terror kam das Entsetzen.

Foto: Niqash

Dina (l.) und Hamzuz haben sich auf Facebook kennengelernt und auf einem Boot auf dem Tigris Hochzeit gefeiert. Sie sind ein Sushi-Paar - halb sunnitischen, halb schiitischen Glaubens
Dina (l.) und Hamzuz haben sich auf Facebook kennengelernt und auf einem Boot auf dem Tigris Hochzeit gefeiert. Sie sind ein Sushi-Paar - halb sunnitischen, halb schiitischen Glaubens

Razul und Issra sind glücklich. Sie haben ihre Eltern überredet, dass sie heiraten dürfen. "Das hat viel Kraft gekostet", sagt Razul, und Issra nickt zustimmend. "Viel Kraft", wiederholt sie. In einem Land, in dem die meisten Ehen arrangiert sind, ist die freie Wahl des Partners noch ungewöhnlich. Denn Razul und Issra leben nicht etwa in Prag oder Bukarest, sondern in Bagdad, das gerade aus den Wirren des Bürgerkriegs erwacht. Jahrelang waren die Iraker durch Kriege und Embargos isoliert vom Rest der Welt. Dann kamen die Amerikaner, und mit ihrer Ankunft setzte der irakische Terror ein.

"Wir waren noch mehr eingeschlossen, haben uns verschlossen aus Angst." Issra wird blass, als sie das sagt, und ihr üppig geschminktes, 23 Jahre junges Gesicht bekommt maskenhafte Züge. In einer geschlossenen Gesellschaft dreht sich alles um die eigene Achse. Eine Weiter- oder Fortentwicklung ist kaum möglich. Doch Issras Traum war immer, sich den Mann fürs Leben selbst aussuchen zu können.

Auch Razul, der drei Jahre älter ist, wollte nur eine Frau heiraten, die er auch liebt. In der Familie und im Freundeskreis gäbe es zu viele gescheiterte Ehen, in denen die beiden Partner eben nicht miteinander auskämen. Oft hätten sie sich vor der Hochzeit nicht einmal gesehen und wenn, dann nur in Begleitung eines männlichen Verwandten der Frau. "Wie soll man da wissen, ob man zusammenpasst?", fragt Razul.

Zu Saddams Zeiten waren Sushi-Ehen normal

Das Restaurant "Nana" (Pfefferminze) im Bagdader Stadtteil Dschadrija füllt sich heute schnell. Es ist 14 Uhr und Mittagessenszeit. Vor allem junge Leute kommen hierher und bestellen sich eine Pizza oder ein Manakisch, eine libanesische Spezialität. In der Nähe liegen die Hauptgebäude der Universität von Bagdad, und die Vorlesungen sind gerade zu Ende.

"An den Hochschulen werden die meisten nicht arrangierten Ehen begründet", grinst Razul und zeigt um sich. "Allein hier drin sind jetzt sieben Paare, die ich aus der Uni kenne." Auch Razul und Issra haben sich so kennengelernt. Die anderen Paare seien aber noch nicht so weit, dass sie ihre Eltern von ihrem Glück überzeugen konnten.

Was daran so schwierig ist? Issra zuckt mit den Schultern. "Auch meine Mutter hatte Vorbehalte. Sie meinte, dass Razul noch nicht fertig sei mit der Universität und außerdem Schiit."

Issra selbst ist Sunnitin. Tatsächlich sei es zu Saddams Zeiten ganz normal gewesen, eine Sushi-Ehe zu führen. Doch die blutigen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Konfessionen in den Jahren 2006/07 und 2008 ließen aus Freunden allmählich Feinde werden. "Der Bruch ging sogar durchs Ehebett. Das wollen wir jetzt reparieren!", sagt Razul.

Nach dem Terror kam die Scham

Als der Terror nachließ, kam die Scham. Das Entsetzen darüber, was Iraker Irakern angetan hatten. "Es war wie ein brutaler Killerfilm, der Wirklichkeit wurde", erinnert Karim sich. Heute teilt er sich mit Niran eine Pizza. Die beiden studieren Informatik, sind 25 Jahre alt und "bewusst gemischt", wie sie stolz verkünden.

Karim ist Kurde und Sunnit, Niran Araberin und Schiitin. Obwohl die meisten Kommilitonen die Zeit der Konfrontation noch ganz bewusst verdrängten, häuft sich ein Phänomen: Es gibt heute im Irak wieder mehr Sushi-Ehen. Die Formalitäten der Eheschließung kann man im Irak entweder bei einem Standesbeamten am Gericht erledigen oder beim Imam in der Moschee.

Zwar lässt sich der Trend statistisch nicht belegen, denn der Ehevertrag weist im Irak nicht die Konfession aus. Doch von zehn Hochzeitsfeiern, bei denen die beiden Studenten in jüngerer Zeit eingeladen waren, seien sieben Sushi-Ehen. Auch Imam Abdelkadr Ibrahim von der Abu-Hanifa-Moschee im mehrheitlich von Sunniten bewohnten Bezirk Adamija beobachtet den Trend, von dem ihm auch Kollegen berichteten.

Wohltuende Entspanntheit in Bagdad

Bagdad hat sich verändert in den letzten zwei Jahren – offenbar zum Positiven. Es herrscht eine wohltuende Entspanntheit, die die Stadt schon lange nicht mehr erlebt hat. Zwar gibt es zeitweise noch immer Anschlagsserien mit vielen Toten, doch der Terror beherrscht nicht länger den Alltag der Menschen. Auch die Dauerregierungskrise seit dem Abzug der US-Truppen vor knapp einem Jahr ist nicht mehr das bestimmende Thema.

Immer mehr Barrikaden und Checkpoints werden in der Sechs-Millionen-Stadt abgebaut, Parks begrünt und das Tigrisufer bepflanzt. Im Zawra'a-Park, in dem der zoologische Garten untergebracht ist, werden Blumenornamente angelegt, und die italienische Botschaft finanziert Wasserspiele. Eine lebendige Kulturszene ist entstanden, und der Bildungshunger der Hauptstädter lässt Theatersäle und andere Veranstaltungsorte aus allen Nähten platzen.

Nächstes Jahr ist Bagdad Kulturhauptstadt der arabischen Welt, und man rüstet sich. Schritt für Schritt öffnen Nachtklubs und Bars, schöne Restaurants und Cafés. Die Hochzeitssäle sind ständig ausgebucht. Täglich hört man Hupkonzerte in der ganzen Stadt. Hochzeitsgesellschaften begleiten das Brautpaar nach der Feier zur Hochzeitsnacht in eines der Bagdader Hotels.

Heiratsverbot während des Aschura-Festes

Doch ab dem heutigen Samstag steht alles still: Von Bagdad bis Basra herrscht 40 Tage lang Trauer. Die Alkoholläden bleiben geschlossen, die Nachtklubs ebenso. Es gibt keine Theateraufführungen, keine Konzerte mehr. Und geheiratet wird in dieser Zeit auch nicht. Auf den Straßen und an den Häusern sind schwarze Fahnen gehisst.

"Aschura" wird der zehnte Tag des islamischen Monats Muharram genannt. An diesem Tag gedenken die Schiiten des Todes von Imam Hussein in Kerbela. Auch für die Alawiten ist Aschura ein bedeutender Tag. Überall in den von Schiiten geprägten Regionen gibt es Passionsfeiern mit Erzählungen, Trauerprozessionen und Selbstgeißelungen.

Es geht um die kultische Inszenierung des Martyriums, die es den Gläubigen ermöglicht, am Leiden Husseins teilzuhaben. Die im Islam 40 Tage dauernde Trauerphase ist seit dem Sturz Saddam Husseins für die Schiiten zum Pilgermarsch nach Kerbela geworden. Was früher verboten war, wird nun umso intensiver nachgeholt.

Millionen Schiiten aus dem ganzen Land und zunehmend auch aus dem Ausland pilgern oft kilometerweit in die für sie heilige Stadt, umrunden den Schrein ihres Religionsbegründers und marschieren wieder nach Hause. Letztes Jahr sollen bis zu 15 Millionen Menschen unterwegs gewesen sein. In den letzten Tagen des Marsches werden sogar Autobahnhälften gesperrt.

Sunniten fühlen sich in der Defensive

Für Razul und Issra ist diese Zeit eine besondere Herausforderung, denn der Tod des Imam zementierte vor 1332 Jahren die Trennung der Muslime in Sunniten und Schiiten. Die Kämpfe um die Nachfolge des Propheten Mohammed nach seinem Tod entzweiten die Glaubensgemeinschaft. Je offensiver der mehrheitlich schiitische Irak auftritt, desto mehr fühlen sich die Sunniten in der Defensive.

"Vielleicht wird es einmal normal, dass wir auch zu den Trauerritualen eingeladen werden", wünscht sich Issra. Im Moment noch bleiben die Sunniten zu Hause, wenn die Schiiten auf den Straßen pilgern. Razul meint, dass dies wohl erst bei der nächsten Generation überwunden werde.

Die beiden haben es leider nicht geschafft, alle für die Hochzeit erforderlichen Formalitäten vor Aschura zu erledigen. Sie müssen also bis nach den Trauertagen warten, um endlich Mann und Frau zu werden. Ihre Freunde Hamzuz und Dina waren da schneller: Vor drei Jahren hat sich das Paar bei Facebook kennengelernt und nun Hochzeit gefeiert.

Was für westliche Länder durchaus normal klingt, ist für den religiös konservativen Irak bisher einmalig: Das Brautpaar hat nicht zwei Tage lang große Familienfeste zu Hause veranstaltet, sondern sich Boote auf dem Tigris gemietet und nur engste Familienmitglieder und Freunde mitgenommen. Die ungewöhnliche Hochzeit zog indes jede Menge lokaler Medien an. Die Facebook-Heirat hat Hamzuz und Dina berühmt gemacht. Auch diese Ehe ist Sushi.

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