23.11.12

Finanzkrise

Größenwahn ist Frankreichs Weg in den Ruin

Ob Absolutismus oder bürgerliche Revolution: Die glanzvollen Zeiten Frankreichs hatten stets eine Schattenseite, den Bankrott. Denn für die hochgesteckten Ziele reichte die Wirtschaftskraft nie aus.

Von Michael Stürmer
Foto: dpa

Um die Grandeur Frankreichs zu repräsentieren, ist nichts zu teuer. In dieser Tradition steht auch Staatspräsident François Hollande. Nicht wenige Staatschefs vor ihm führten das Land in diesem Sinn in den Ruin
Um die Grandeur Frankreichs zu repräsentieren, ist nichts zu teuer. In dieser Tradition steht auch Staatspräsident François Hollande. Nicht wenige Staatschefs vor ihm führten das Land in diesem Sinn in den Ruin

Ob Könige von Gottes Gnaden, ob blutverschmierte Revolutionäre, ob hoheitsvolle Präsidenten im Elysée – Frankreich hat die Neigung, mehr noch als andere, über die Verhältnisse zu leben. Die gemeinsame europäische Währung, angesichts der deutschen Einheit ein Ausgleich für Frankreich, hat mittlerweile, verstärkt noch durch die globale Finanzkrise, die Schwächen mehr noch als die Stärken der französischen Wirtschaft herausgearbeitet.

Frankreich hat sich übernommen. Ex-Präsident Nicolas Sarkozy war deshalb nach einigem Zögern auf den Rettungskurs der deutschen Kanzlerin eingeschwenkt, aber der Nachfolger François Hollande ging erst einmal auf Gegenkurs, der mittlerweile – "par la force des choses" – zum Schlingerkurs geworden ist.

Das Londoner Wirtschaftsmagazin "The Economist" brachte unlängst auf dem Titel ein Bündel Baguettes, das geschnürt war wie eine Sprengladung, mit einer glimmenden Zündschnur daran. Text: "Die Zeitbombe im Herzen Europas". Manches an dieser Alarmnachricht ist der britischen Skepsis angesichts des Euro und der ganzen EU geschuldet. Aber die Fakten sprechen ihre eigene Sprache, und jeder weiß: Wenn Frankreich weitermacht wie bisher, läutet dem Euro in ein oder zwei Jahren das Totenglöcklein.

Der Pöbel bespuckte den König

Ludwig XIV. nannte sich den Sonnenkönig – was Reichtum und Größe und Segen versprach. Aber am Ende seines Lebens bespuckte der Pariser Pöbel seinen Sarg – und hatte guten Grund dafür. Der König hatte durch seinen Minister Colbert eine merkantilistische Politik durchgesetzt: Importe niedrig, Exporte hoch, dazu durchgreifende Staatsreglementierung aller Gewerbe.

Das hätte lange so weitergehen können, wenn er nicht ganz Europa, von London über Wien bis Madrid, in endlose Kriege gezogen und Frankreich wirtschaftlich und finanziell ruiniert hätte. Zweimal ließ der König alles Silber konfiszieren, einschmelzen und in Münzen verwandeln, um seine Armeen zu bezahlen. Vom kostbaren alten Silber der Kirche, der Adligen und der Bürger ist so gut wie nichts geblieben: Selbst Deutschlands Dreißigjähriger Krieg hat mehr übrig gelassen.

Als der "Roi Soleil" starb, war die französische Währung ruiniert, das Land verarmt. Dass der allerchristlichste König, wie er sich nannte, die protestantischen Hugenotten unterdrückte, quälte und vertrieb, nahm dem Land auch noch seine wirtschaftliche Elite, die in Holland, England und im protestantischen Deutschland mit offenen Armen aufgenommen wurde.

Gold gehört unter die Matratze

Papiergeld, vom Staat gedruckt, sollte die ruinierten Finanzen retten – vertiefte aber nur das Elend und brachte den Franzosen bei, sich immer nur auf "espèces sonnantes", klingende Münzen, zu verlassen, und ihr Gold unter der Matratze zu halten.

Aber Frankreich erholte sich, namentlich durch Manufakturen und Außenhandel. Zugleich aber führte das Land einen zweiten Hundertjährigen Krieg gegen die Briten. Was in Deutschland unter dem Namen der Schlesischen Kriege und des Siebenjährigen Krieges erinnert wird, waren in Wahrheit Weltkriege, die Frankreichs Wohlstand erst gefährdeten und dann noch einmal ruinierten.

Indem das Land Ludwigs XVI. die amerikanische Rebellion gegen London unterstützte, gewann Frankreich den Krieg, verlor aber den Frieden. Es kam hinzu, dass der französische Staatsapparat sklerotisiert war: Ämter wurden verkauft, und dann fehlte dem Staat das Geld, sie zurückzukaufen. Adel und Klerus zahlten keine Steuern, nur die Armen und der Dritte Stand konnten dem nicht entgehen.

Der Brotpreis und die Revolution

Der Anfang vom Ende des Ancien Regime kam mit Dauerregen und Missernten – heute vermutet man, dass ein Vulkanausbruch auf Island den Himmel jahrelang verdüsterte. Massenarmut und Hungerkrisen waren die Folge, dazu eine Teuerung, wie sie seit Menschengedenken nicht da gewesen war. Am Tag, als die brotlosen Handwerksgesellen aus der Vorstadt St. Antoine die Trutzburg der Bastille stürmten – und ein paar Pensionisten massakrierten – hatte der Brotpreis seit dem Mittelalter den höchsten Stand erreicht.

Die Revolution nahm ihren Lauf, eine große Umverteilung kam in Gang. Der Adel wurde weitgehend enteignet, ebenso das Großbürgertum. Der Staat zahlte mit "Assignaten" (Schatzanweisungen), die alsbald nichts anderes waren als wertloses bedrucktes Papier. Alles Silber, das man nicht verstecken konnte, wurde beschlagnahmt.

Ideologieexport als Raubzug

Die Kriege, die der Wohlfahrtsausschuss der Revolution beschloss, waren ebenso Ideologieexport wie Raubzug – niemals ergiebiger als in den Feldzügen des Generals Bonaparte gen Italien. Wobei der General nicht nur den Glanz des Siegers erwarb, sondern auch ungeheuren Reichtum. Als alles vorbei war, der General Kaiser, erließ er den Code Napoléon und ließ den Franc Germinal zu hundert Centimes ausmünzen. Der hielt, allen Kriegen und Revolutionen zum Trotz, bis 1914 seinen Silberwert: 11,4 Gramm.

Man sagt, dass die Wahrheit zu den ersten Verlusten im Krieg gehört. Nicht anders steht es um die Währung in Edelmetall. Zwar blieb der Franc Français im Nominalwert, aber der Realwert sank und sank – nicht so katastrophal wie die Reichsmark, die 1923 kollabierte, aber genug, dass General de Gaulle, als er die Vierte Republik liquidierte, mehrere Nullen einkassierte. Ältere Franzosen rechneten noch Jahrzehnte lang, bis der Euro kam, in Ancien Francs.

Quelle: Reuters
02.07.12 1:26 min.
Der französische Rechnungshof schlägt Alarm: Wegen wegbrechender Steuereinnahmen droht Frankreich seine Ziele im Kampf gegen die Staatsverschuldung zu verfehlen. Es fehlen sechs bis zehn Mrd. Euro.
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