22.11.12

Gaza-Krise

Mursi verdrängt den "neuen Kalifen" Erdogan

Ägyptens Präsident positioniert sich als geschickter Vermittler im Gaza-Konflikt. Dem türkischen Premier bleibt nur die Rolle als Zuschauer.

Foto: Reuters

In Augenhöhe: US-Außenministerin Clinton (l.) und der ägyptische Präsident Mursi
In Augenhöhe: US-Außenministerin Clinton (l.) und der ägyptische Präsident Mursi

Kurz vor Beginn der Gaza-Krise war von einem sehr baldigen Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan im Gazastreifen die Rede gewesen. Er ist es gewohnt, als Bannerträger der muslimischen Welt gefeiert zu werden. Besonders in Gaza. Schon seit Jahren versucht er, dies mit einem Besuch in dem schmalen Mittelmeerstreifen in politisches Kapital umzumünzen.

Doch davon ist nun nichts mehr zu hören. Erdogan ist in Gaza nicht mehr der eine und einzige Retter der Entrechteten, als der er vor der Krise gesehen wurde. Im Gegenteil: Die Türkei war im Konflikt auf die passive Rolle eines Zuschauers reduziert. Lediglich Außenminister Ahmet Davutoglu reiste nach Gaza, aber nicht als wichtiger diplomatischer Akteur wie etwa der ägyptische Ministerpräsident Hescham Kandil, sondern als einer unter vielen in einer Delegation der Arabischen Liga. Zwar hatte er dort nichts von Belang zu sagen, aber er schaffte es trotzdem in die Schlagzeilen, mit professionell medialisierten Tränen neben der Leiche eines Palästinensers. Sogar die türkische Presse reagierte befremdet. Man könne nur hoffen, dass Davutoglu am Grab eines gefallenen Israelis genauso geweint hätte, schrieb der angesehene Kommentator Murat Yetkin.

Kein Einfluss auf Hamas

Davutoglus Tränen hätten auch dem Tod seiner Außenpolitik gelten können. Sie wurde neo-osmanisch genannt, wogegen er sich immer verwahrte. Was er selbst seinen eigenen Botschaftern eintrichterte, war eine Politik der "Maximierung des globalen Einflusses der Türkei". Im Gaza-Konflikt aber wurde der Einfluss der Türkei reduziert, nicht maximiert. Erdogan und Davutoglu gebärdeten sich vor den Kulissen verbal ganz so, als hätten sie Bedeutung, aber sie hatten hinter den Kulissen keine. Erdogan und Davutoglu sagten: Wir können Hamas jederzeit stoppen, wenn Garantien gegeben werden. Hamas aber erwähnte die Türkei nie. Hamas sagte: Nur Ägypten hat das Recht, einen Waffenstillstand zu verkünden.

Erdogan wurde in den vergangenen Jahren oft als "neuer Kalif" gefeiert, aber des Kalifen neue Kleider erwiesen sich in diesem Konflikt als unsichtbar, zumindest für jene, die sehen können. Zwar erschien er in Kairo, aber der Besuch war schon lange vorher geplant gewesen zur Unterzeichnung einer Reihe von Wirtschaftsabkommen. Die Strippen zogen andere. Die Türkei war eigentlich überflüssig.

Ankara besitzt kein Drohpotenzial mehr

Ein Grund für die neue Bedeutungslosigkeit war der wohl schwerste außenpolitische Fehler des Gespanns Erdogan/Davutoglu: Der Abbruch aller Beziehungen mit Israel im Jahr 2010. Die Türkei beraubte sich damit jeglicher Kanäle, um im Fall einer internationalen Krise – wie jetzt – irgendeinen diplomatischen Einfluss nehmen zu können. Ankara war reduziert auf Drohgebärden – aber es besitzt kein Drohpotenzial mehr, weil es mit dem Abbruch der Beziehungen bereits ausgeschöpft hat.

Diese diplomatische Selbstkastrierung rächt sich nun. Aber noch etwas Anderes wird offenbar. Ein Grund dafür, dass die Türkei noch vor zwei Jahren wirklich zum Wortführer der islamischen Welt aufzusteigen schien, war, dass es keine anderen glaubwürdigen Stimmen gab. Vor dem "Arabischen Frühling" gab es nur den Iran mit seiner Weltuntergangssehnsucht sowie diverse undemokratische, prowestliche aber bei der Bevölkerung verhasste arabische Diktaturen. Und dazwischen nur die neue, islamisch-konservative, erfolgreiche, moderne und einigermaßen demokratische Türkei.

Erdogan stieß mit Wucht und Selbstbewusstsein in dieses Legitimitätsvakuum der muslimischen Welt vor – nur deswegen erschien er plötzlich so groß. Groß im Vergleich zu Nichts. Und nun stellt sich heraus: Es waren vor allem große Worte. Was aber zählt, ist reale Macht. Hamas bezieht seine Waffen und viel Geld aus dem Iran. Gaza ist für seine Versorgung auf Ägypten angewiesen. Von der Türkei kommt indirekt ein wenig Geld aus Spenden der radikal muslimischen "Hilfsorganisation" IHH, die vor zwei Jahren auch den blutigen Zwischenfall mit der "Hilfsflotte" für Gaza inszenierte, wobei neun militante Türken nach gewalttätiger Gegenwehr von israelischen Kommandos erschossen wurden.

Goldener Mittelweg

Ägyptens Präsident Mohammed Mursi beschritt den goldenen Mittelweg zwischen verbaler und auch sichtbarer Unterstützung der Hamas, unter Wahrung seiner internationalen Glaubwürdigkeit. Dabei stellte er nie die vertraglichen Verpflichtungen seines Landes gegenüber Israel infrage, sondern beschränkte seinen Protest darauf, seinen Botschafter aus Israel zurück zu beordern.

Das war ernsthafte, ernst zu nehmende Politik. Im Gegensatz dazu Erdogan: Wie um seine plötzliche Belanglosigkeit zu kompensieren, drängte er daheim in Istanbul mit fast hysterisch schrillen Formulierungen in die Medien, um überhaupt noch sichtbar zu bleiben. Damit reduzierte er den Einfluss seines Landes weiter, statt ihn zu maximieren. Israel sei ein terroristischer Staat, und seine Handlungen seien terroristische Akte, sagte er. Das brachte ihm einen öffentlichen Rüffel aus Washington ein: Seine Rhetorik sei "nicht hilfreich", ließ die amerikanische Regierung offiziell wissen. Globaler Einfluss sieht anders aus.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Barack und Michelle Obama in Berlin
Aktualisiert vor 5 MinutenLiveblog
Obama in Berlin – der Tag des US-Präsidenten in Berlin

US-Präsident Barack Obama, Ehefrau Michelle und die Töchter Sasha und Malia sind in Berlin. Ihre Nacht im Hotel Ritz-Carlton dürfte bald vorbei sein. Dann beginnt ein Tag voller Termine. Der Liveblog. mehr...


Nicht nur für die Einheimischen ist der Besuch von Barack Obama etwas Besonderes. Auch die Touristen empfinden ihn als eine Extra-Attraktion
05:18US-Präsident
Gelassene Touristen treffen auf aufgeregte Demonstranten

Eine Stadt in Erwartung: Wo können Berliner den Präsidenten sehen? Wird er im Fitnessstudio des Hotels eine Trainingseinheit einlegen? Und bekommen die Polizisten auch keinen Hitzschlag? mehr...


Sekunden vor der Landung: Auf diesen Moment haben die Fans der „Air Force One“ gewartet
18.06.13Obama in Berlin
Blick auf die "Air Force One" macht Planespotter glücklich

Sie warten und warten – auf den einen Moment. Planespotter haben sich am Flughafen Tegel versammelt, um Barack Obama landen zu sehen. Die "Air Force One" ist für viele das schönste Flugzeug der Welt. mehr...

BMO_ObamaLimo.jpg
18.06.13Interaktive Grafik
Die Staatskarosse des US-Präsidenten ist ein rollendes "Biest"

Bei der Sicherheit des US-Präsidenten wird nichts dem Zufall unterlassen. Seine Dienstlimousine ist wie ein fahrender Hochsicherheitstrakt. Daher hat es auch den Spitznamen "The Beast" - das Biest. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
Top-Thema

Aus dem Bett ihrer Suite im „Ritz-Carlton“ kann das Präsidentenpaar auf den Potsdamer Platz schauen
Obamas Hotel in Berlin

Hier übernachtet die First Familiy

Video Nachrichten mehr
US-Präsident So bereitet sich Berlin auf den Obama-Besuch vor
Berlin-Besuch Obamas Rede an der Siegessäule
Staatsbesuch In Berlin gilt höchste Sicherheitsstufe für Obama
USA Obama verteidigt Abhöraktionen der Geheimdienste
 
Top Bildershows mehr
Staatsbesuch

Von Kennedy bis Bush – US-Präsidenten in Berlin

Absperrungen

US-Präsident Barack Obama in Berlin

US-Präsident

Straßensperrungen zum Besuch von Obama in Berlin

"Ritz-Carlton"

Hier übernachtet Barack Obama in Berlin

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote