23.11.12

Trotz Waffenruhe

Enttäuschte Israelis fordern doch noch Bodenoffensive

Besonders in Südisrael, das ständig von Raketen der Hamas getroffen wird, sind viele Menschen enttäuscht darüber, dass die Armee nicht in den Gazastreifen einmarschiert ist. Sie wünschen sich Ruhe.

Foto: dapd
Mideast Israel Palestinians
Israelische Soldaten mit Panzern an der Grenze zum Gazastreifen. Sie können jetzt abziehen

Die Waffenruhe war nur ein paar Minuten alt, als am Mittwochabend erneut die Sirenen in Beerscheba heulten. Sekunden später schlug eine von mindestens fünf Hamas-Raketen in ein Haus ein. Fenster splitterten, Ziegel flogen vom Dach. Gerade noch rechtzeitig hatten sich die Bewohner in ihren Schutzraum retten können.

Dabei blieb es nicht: In der Nacht zu Donnerstag nahmen palästinensische Terroristen trotz des Abkommens mehrere Ziele im Süden Israels unter Beschuss. "Was ist jetzt mit der Waffenruhe?", zitiert die Zeitung "Ha'aretz" einen wütenden Bewohner Beerschebas nach dem Beschuss.

Für viele Menschen in Südisrael ist der ausgehandelte Kompromiss zwischen der Hamas und der israelischen Regierung nicht das Papier wert, auf dem er steht. "Das hält einen begrenzten Zeitraum. Wir müssen hier mit der ewigen Gefahr leben. Unsere Kinder werden sich weiterhin fürchten", sagen die Bewohner.

"Du hast uns schwach und klein aussehen lassen"

In Sderot, das stellenweise weniger als einen Kilometer vom Gazastreifen entfernt liegt, kam es noch in der Nacht zu einer Demonstration gegen den fragilen Waffenstillstand. Dutzende Bewohner blockierten eine Straße und riefen Hassparolen gegen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu.

Die Forderung der Menschen vor Ort ist konkret: eine Bodenoffensive, die ihnen ein für allemal Ruhe bringt. Würde Israel seine ganze militärische Stärke ausspielen, so der Tenor, hätte man die nächsten 40 Jahre Ruhe.

Diese Grundstimmung belegt auch eine Umfrage des Fernsehsenders Channel 2: Demnach sind 70 Prozent der Israelis enttäuscht, dass die Operation "Pillar of Defense" ohne Bodeneinsatz in Gaza zu Ende ging.

Viele brachten in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter ihre Wut zum Ausdruck. Die Kommentare gehen in eine ähnliche Richtung: Warum überhaupt 75.000 Reservisten an die Grenze schicken, wenn die Regierung von vornherein keinen Einmarsch plant? Warum zeigt die Regierung so viel Schwäche gegenüber den Terroristen?

Tausende Israelis fürchten: Der nächste Krieg ist nur eine Frage der Zeit. Auf der Facebook-Seite von Benjamin Netanjahu schreibt ein User namens Dan Abraham: "Bibi, du hast uns schwach und klein aussehen lassen."

Immerhin muss der Sohn nicht in den Krieg

Sogar im sonst so liberalen Tel Aviv wird das Abkommen skeptisch betrachtet. Manche Israelis empfinden es als eine Niederlage. "Es ist einfach frustrierend zu sehen, dass die Hamas auch nach dem Waffenstillstand weiterbombt", sagt der 52-jährige Gabriel Leopold mit Blick auf die Ereignisse in Beerscheba. "Wir hätten einmarschieren sollen", sagt seine Frau Viviane.

Das Ehepaar traut sich zum ersten Mal seit Tagen wieder zum Einkaufen auf die Straße. Immerhin muss der Sohn jetzt nicht in den Krieg. Wie Tausende anderer Reservisten kehrte er überraschend früh von der Grenze zurück.

Auf den Straßen von Israels größter Stadt sind jetzt viele dieser Reservisten zu sehen. Sie schleppen schwere Rucksäcke oder entspannen in der Sonne. Nicht alle sind glücklich über die Entwicklung im Süden des Landes: "Wir hätten Gaza säubern sollen", sagt einer, der seinen Namen nirgendwo lesen will. Warum ist er so enttäuscht? "Ich bin Soldat, deshalb. Wenn wir wollten, könnten wir Gaza in fünf Minuten zerstören, aber das tun wir nicht. Warum hasst uns die Welt, wenn wir uns gegen die Raketenangriffe wehren?"

Ein anderer widerspricht: "Der Waffenstillstand ist das Beste, was uns passieren konnte. Das hat Netanjahu ganz clever gemacht. Alle Israelis wollen Frieden. Nicht mehr und nicht weniger."

Dennoch überwiegt die Frustration über einen als sinnlos wahrgenommenen Einsatz. Einige Soldaten waren nach den Angaben des Webportals Walla so wütend, das sie ihre Abzeichen von den Uniformen schnitten und schworen, künftig nicht mehr für die israelische Armee zur Verfügung zu stehen.

Schulen bleiben vorsichtshalber geschlossen

Ebenso kritisch wie die Bevölkerung bewerten die Kommentatoren vieler israelischer Zeitungen den Einsatz: Mit dem Angriff auf Jerusalem und Tel Aviv sei eine rote Linie überschritten worden, schreibt etwa die regierungskritische "Ha'aretz".

Dabei sei immer suggeriert worden: Finden solche Angriffe statt, marschiert Israel in den Gazastreifen ein. Netanjahu hätte, so "Ha'aretz", lieber mit Obama verhandeln sollen, bevor er in einer derartigen Drucksituation einen Waffenstillstand akzeptiert.

Wenig überraschend verkaufen Israels Regierung und das Militär den Feldzug als Erfolg. 1500 Ziele sind laut israelischem Militär in den letzten acht Tagen angegriffen worden, zahlreiche wichtige Hamas-Funktionäre wurden ausgeschaltet. Nach Aussage von Israels Premier Benjamin Netanjahu hat die Terrororganisation eine schwere Niederlage erlitten.

Verteidigungsminister Ehud Barak sagte während eines Besuchs im Norden des Landes, dass Israel nicht für jede ins Land gefeuerte Rakete Vergeltung üben könne. Damit ist klar: Die Menschen in Sderot und Beerscheba werden auch in Zukunft gelegentlichen Raketenbeschuss ertragen müssen.

Am Donnerstag blieben die Schulen in der Region sicherheitshalber geschlossen. Um 10.30 Uhr heulten in Sderot erneut die Sirenen – 14 Stunden nach dem Waffenstillstand.

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