22.11.12

Facebook-Kampagne

Arabische Frauen proben den Aufstand

Enttäuscht vom Arabischen Frühling gehen Frauen in die Offensive. Auf Facebook organisieren sie ihren Widerstand gegen Grapscher, Zwangsverheiratung, Bevormundung und Diskriminierung.

Von Boris Kálnoky
Foto: facebook

Myriam aus Algerien hat sich dem Aufstand angeschlossen, weil sie sich gleichberechtigt wie ein Mann fühlen will.

8 Bilder

"Ich unterstütze den Aufstand der Frauen in der arabischen Welt, weil ich 16 bin und sexuell belästigt wurde, seit ich zwölf war. Ich fühle mich, als hätte ich einen Teil meiner Unschuld verloren, nur weil ich ein Mädchen in der arabischen Welt bin." Das steht auf einem Blatt Papier, das ein Mädchen vor sich hält – ihr Gesicht lässt sie unverdeckt, und auch ihren Namen gibt sie preis: Yara Essam.

Yara ist eine von rund 1000 Frauen, die ihr Porträtbild mit einer Botschaft der Befreiung im Internet veröffentlicht haben, auf einer eigens dafür geschaffenen Facebook-Seite. "Aufstand der Frauen in der arabischen Welt", heißt die Aktion (www.facebook.com/intifadat.almar2a). Seit dem Beginn im Oktober hat die Seite mehr als 67.000 "Freunde" in der ganzen Welt gewonnen, "aber die meisten Unterstützer sind aus arabischen Ländern", sagt Mit-Initiatorin Diala Haidar aus dem Libanon.

Eigentlich gibt es den "Aufstand" schon seit einem Jahr, aber erst jetzt hebt die Sache richtig ab, seit die fünf Streiterinnen für die Freiheit, die sich die Sache ausdachten, eine Kampagne auf Facebook und Twitter starteten.

"Unterdrückung der Frauen ist eine kulturelle Sache"

Die Selbstporträts auf der Seite reichen von ergreifend bis klug. "Ich bin für den Aufstand der Frauen in der arabischen Welt, weil weibliche Sexualität als tabu gilt, aber Sexismus, Vergewaltigung und Pädophilie als ganz normal", steht auf dem Zettel von Marwa aus Tunesien. Neama aus Ägypten schreibt: "Ich bin für den Aufstand der Frauen, damit junge Mädchen nicht von ihren Familien verheiratet und um ihre Kindheit gebracht werden."

Für die Frauen der Region war der Arabische Frühling zunächst eine große Hoffnung – inzwischen sei daraus aber eine noch größere Enttäuschung geworden, sagt Haidar. Sie will nicht so weit gehen, zu sagen, dass Frauen die großen Verlierer der Ereignisse sind, aber: "Von den drei großen Forderungen der Bewegung – Würde, Freiheit und Gerechtigkeit – ist für uns Frauen keine einzige verwirklicht worden."

Aus der einst eher säkularen, liberalen Demokratiebewegung ist eine deutlich konservativere, islamischere Angelegenheit geworden. Nicht, dass Religion entscheidend sei: "Die Unterdrückung der Frauen ist eine allgemeinere, kulturelle Sache", sagt Haidar, und es sei letztlich kein großer Unterschied, ob dies in einem muslimischen, christlichen oder säkularen Umfeld geschehe.

Die Frau, das Wesen ohne Namen

Wie entrechtet viele Frauen in der arabischen Welt sind, kommt in einer Karikatur zum Ausdruck, die auf der Facebook-Seite verlinkt wurde. Eine (verschleierte) Ärztin fragt da ihre noch viel stärker verschleierte Patientin nach ihrem Namen. "Mutter von Ali", lautet die Antwort. Darauf die Ärztin: "Nein nein, ich meine Ihren Namen." Die Patientin: "Tochter von Mosleh".

Die Ärztin: "Hören Sie, ich brauche Ihren Namen!" Worauf die Patientin sagt: "Frau von Dschabber". Die Frau, das Wesen ohne Namen, ohne Daseinsberechtigung außer über den Mann, die Kinder und die Familie.

Das ist es, was die fünf Aktivistinnen überwinden wollen. Auf ihrer Seite feiern sie kleine Erfolge für "die Sache", etwa ein ägyptisches Gerichtsurteil gegen einen Grabscher (sexuelle Belästigung von Frauen in der Öffentlichkeit ist besonders in Kairo eine wahre Plage).

Keineswegs nur säkulär oder prowestlich

Die Kommentare der Teilnehmer und ihre Ansichten sind so vielfältig und widersprüchlich wie die arabische Welt. Aktuell, aus Anlass der israelischen Luftangriffe, gibt es da patriotische, proägyptische Töne und für Gaza, gemischt mit Bemerkungen anderer Kommentatoren, was das denn nun mit Frauenrechten zu tun habe.

Die Organisatorinnen posteten am Freitag diese Zeilen: "Die Verteidigung des eigenen Landes ist das höchste Streben nach Freiheit, Freiheiten für Frauen und Gesellschaften, die größtenteils wegen der Besatzung unterdrückt wurden." Das klingt ein wenig so, als würden Frauen in Gaza vor allem wegen Israel entrechtet. In einer Stellungnahme gegenüber der "Welt" erklärten die Organisatorinnen: "Was wir damit sagen wollen, ist, dass die Emanzipation der Frauen genauso wenig unter einer Besatzung stattfinden kann wie unter einer Diktatur."

Überhaupt die Bruchlinien, an denen der arabische Frühling laboriert, sind ansatzweise auch in der Facebook-Revolte der arabischen Frauen erkennbar. Es geht keineswegs nur säkular oder prowestlich zu: Man dürfe bei allem Veränderungswillen nicht auf den westlichen Weg abgleiten, "das wäre gar nicht gut", sagt eine Teilnehmerin.

"Wenn ich Freiheit verlange, ist es, als wollte ich Nutte werden"

Wie mag sie wohl die Ratschläge einer westlichen "Freundin" der Initiative namens Johanna Schacht empfinden, die die arabischen Frauen auf der Facebook-Seite ermuntert, "sexuelle Abenteuer" zu suchen, um es den Männern gleichzutun? Es ist nicht einfach. "Wir sind für den Aufstand der Frauen in der arabischen Welt, damit in uns eine neue Zenobia entsteht", heißt es in einem Porträt von gleich fünf Frauen gemeinsam. Zenobia war eine arabische "Kriegerkönigin" aus dem dritten Jahrhundert, die erfolgreich gegen Rom zu Felde zog.

Das Streben der arabischen Frauen nach mehr Freiheit transzendiert jedoch Reizthemen wie Religion, Nation, sexuelles Abenteurertum oder das böse Israel. Es geht vor allem um menschliche Würde und private Freiheit.

Das klingt in Botschaften wie dieser, von Farah Sedky aus Libyen, an: "İch bin für den Aufstand der Frauen in der arabischen Welt, weil meine Eltern und Brüder sagen, dass sie mir vertrauen – aber sie wollen mich nicht im Ausland studieren oder dorthin fahren lassen; oder mit meinen Freunden ausgehen lassen oder zulassen, dass ich männliche Freunde habe. Wenn ich nach Freiheit verlange, ist es, als ob ich sie bitte, eine Nutte werden zu dürfen."

Plötzlich gibt es feministische Graffiti

Von den fünf Organisatorinnen der Aktion ist Rana Jarbou aus Saudi-Arabien als Letzte im Oktober dazugekommen. Sie ist, wie viele der Pioniere des ursprünglichen Arabischen Frühlings, ein Produkt der globalisierten Welt – lernte in Amerika, lebt heute im Libanon, in Saudi-Arabien und Bahrain. Sie lebt das freie Leben, das sie für alle fordert.

Die ehemalige Bankerin will den sozialen Wandel in ihrer von heftigen Umbrüchen erschütterten Welt dokumentieren und sammelt deshalb seit Jahren Graffiti, persönlich, aber auch mithilfe von Freunden und Bekannten in anderen Ländern. Eigentlich wollte sie diese Menetekel kommenden Wandels schon veröffentlichen, alles war vorbereitet, da brach der Arabische Frühling aus.

Und plötzlich war so vieles anders und neu, die Entwicklung so rasant, dass sie das Projekt stoppte und lieber erst einmal weitersammelte. "Davor hatte ich so gut wie nie feministische Graffiti gefunden, aber plötzlich tauchten sie überall auf", erzählt Jarbou. Da ist der Frauenkopf in Form einer Landkarte der arabischen Welt, inzwischen das Symbol der Aufstandsaktion, oder eine bereits ikonische Wiedergabe einer Szene in Kairo, als Polizisten einer Frau die Kleider vom Leib reißen und sie fast totschlagen.

Jarbou experimentiert auch an sich selbst und dokumentiert es – etwa, wie es sich anfühlt unter dem Vollschleier. Man kann nicht mehr mit anderen kommunizieren, konstatiert sie – das ist wohl auch der Sinn des Schleiers.

Das gesamte Wertesystem stellt sich gegen die Frauen

Die Facebook-Seite, so sagt sie, sei nur ein Anfang. "Wir denken gerade über andere Formen und Aktionen nach", sagt Jarbou. Auf einen Tahrir-Platz voll demonstrierender Frauenrechtlerinnen wird man aber noch warten müssen, noch ist die Initiative wohl zu klein dafür.

Und die Widerstände, denen sich die Frauen gegenübersehen, sind vermutlich größer als jene der Militärdiktatur gegenüber der Demokratiebewegung. Es ist das gesamte gesellschaftliche Wertesystem. Werte, die töten. "Wenn ihr meine Schwestern wäret, würde ich euch erschießen", kommentierte ein Besucher der Seite aus dem Jemen.

Facebook legt Frauen Steine in den Weg

Andere Hürden kommen eher unerwartet. Facebook selbst, die Plattform der Aktion, löschte das Selbstporträt einer Syrerin namens Dana Bakdounis ohne Angabe von Gründen und sperrte vorübergehend für alle fünf Administratorinnen den Zugang zur Seite. Auf dem Foto ist die junge Frau unverschleiert, mit radikal kurz geschnittenen Haaren und herausforderndem Blick zu sehen und hält dabei ihren geöffneten Pass vor sich hin, auf dessen Foto sie verschleiert ist.

Provokativ ist das vielleicht in der muslimischen Welt – aber für Facebook-Zensoren? Die fünf Aktivistinnen verstehen bis heute nicht, warum das Bild – es steht inzwischen wieder online – überhaupt gelöscht wurde und noch viel weniger, warum ihre Facebook-Konten zeitweise blockiert wurden. "Ich bekam die Erklärung, ich hätte mit einem Status-Update gegen die Regeln verstoßen", sagt Haidar.

Dabei hatte sie nur dazu aufgerufen, den "Aufstand" auch auf Twitter zu unterstützen. Vielleicht empfindet Facebook Twitter ja als Konkurrenz. Was das gelöschte Foto betrifft, so habe Facebook erklärt, man habe erst prüfen müssen, ob es auch wirklich Dana Bakdounis zeige und von ihr selbst hochgeladen worden sei. Millionen von Facebook-Nutzern, die sich selbst und ihre Freunde auf Facebook darstellen, haben seltsamerweise keine vergleichbaren Probleme.

Unterstützung auch von Männern

Da drängt sich zumindest der Eindruck auf, dass die Macher bei Facebook keine Ahnung davon haben, welche Bedeutung das Medium heute besitzt. Nicht umsonst wurde der Arabische Frühling auch Facebook-Revolution genannt.

Vielleicht steht mit dem Aufstand der Frauen die nächste Revolution an. Und bei Facebook verlieren sich irgendwelche ahnungslosen Manager in kleinkarierter Auslegung von Regeln.

Aber eine Idee, deren Zeit gekommen ist, kann niemand aufhalten, weder arabische Grabscher und Bevormunder noch Facebook. Massenhaft Unterstützung kommt mittlerweile auch von Männern, und von Menschen aus westlichen Ländern. Die Frauen der arabischen Welt sind nicht allein.

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