19.11.12

Silvana Koch-Mehrin

"Den Doktortitel werde ich nicht wieder führen"

Die FDP-Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin kämpft um ihren "Doktor" – aus Prinzip, wie sie sagt. Für die Frauenquote auch, und zwar gegen den Männerklub, als den sie ihre Partei betrachtet.

Foto: dpa

Silvana Koch-Mehrin im Europäischen Parlament in Straßburg
Silvana Koch-Mehrin im Europäischen Parlament in Straßburg

In der Handelspolitik hat Silvana Koch-Mehrin im Europaparlament Betätigung gefunden und im Kampf für die Frauenquote. Ihr persönlicher Kampf ist die Rückeroberung ihres Doktortitels. Den ficht ein Anwalt gerade für sie vor dem Verwaltungsgericht Karlsruhe und gegen die Universität Heidelberg aus, das Urteil soll in Kürze fallen.

Beides scheint Koch-Mehrins Partei unrecht oder einerlei: Die FDP lehnt die Quote ab. Und als Koch-Mehrin zum Interview in die Abgeordnetenbar des Europaparlaments in Brüssel kommt, sitzt da noch ein Kollege aus der nur zwölfköpfigen FDP-Delegation. Ein Gruß zwischen den beiden, ein Kopfnicken? Fällt aus. Ein Gespräch mit der einstigen Spitzenkandidatin der FDP zur Europawahl.

Berliner Morgenpost: Frau Koch-Mehrin, den Frauenquoten-Vorschlag von Kommissarin Reding haben Sie begrüßt, Ihre Partei lehnt ihn ab. Müssen Sie keine Rücksichten mehr nehmen?

Silvana Koch-Mehrin: Die Parteiführung lehnt ihn ab. Würde man unter den liberalen Frauen eine Umfrage machen, wären sicher zwei Drittel für eine Quote.

Berliner Morgenpost: Könnte die FDP überzeugend für die Quote einstehen?

Koch-Mehrin: Die FDP kann nicht überzeugend dagegen sein. Sie ist die einzige Partei ohne eigene Quote, und die Folge davon ist: Der Frauenanteil sowohl unter Mitgliedern als auch in den Gremien sinkt auf jetzt noch etwa 20 Prozent. Manche Landtagsfraktion hat gar keine Abgeordnete. Mit weichen Anreizsystemen funktioniert es offensichtlich nicht, das zeigt die FDP beispielhaft. Deswegen müssen Quoten mit Sanktionen her.

Berliner Morgenpost: Bekommen Sie für diese Position eine kritische Masse zusammen?

Koch-Mehrin: Die FDP ist für die Frage, ob die EU-Quotengesetzgebung steht oder fällt, nun, recht unwesentlich. Andere liberale Parteien Europas sind klar für die Quote.

Berliner Morgenpost: Die Quote ist eigentlich gar keine, sondern lediglich eine Zielmarke. Hilft sie Frauen trotzdem?

Koch-Mehrin: Es ist ein Meilenstein, was Frau Reding geschafft hat. Jetzt ist die Grundlage für den Gesetzgebungsprozess da, und ich kann mir gut vorstellen, dass wir im Europaparlament an der ein oder anderen Stelle den Vorschlag verschärfen. Ich werde im Frauen- und Gleichstellungsausschuss daran arbeiten.

Berliner Morgenpost: Im Rat regt sich Widerstand. Kommt die Quote am Ende?

Koch-Mehrin: Ja.

Berliner Morgenpost: Noch eine Prognose: Ihren Titel, bekommen Sie den wieder?

Koch-Mehrin: Da möchte ich keine Erfolgsabschätzung machen, es ist ein laufendes Verfahren. Es hat sich gezeigt, dass es offene Fragen gibt, die die Universität beantworten muss. Aber egal, wie der Prozess ausgeht: Den Titel werde ich nicht wieder führen. Mit dem Thema habe ich abgeschlossen.

Berliner Morgenpost: Was haben Sie für ein Gefühl nach der Verhandlung?

Koch-Mehrin: Mein Anwalt sagt, er war zufrieden. Jetzt warten wir, dass die Universität ihre erforderlichen Stellungnahmen liefern wird.

Berliner Morgenpost: Ist das ein Sieg, wenn Sie den Titel wieder zugesprochen bekommen? Ihr Name steht in einer Reihe mit Guttenberg.

Koch-Mehrin: Wenn man den Weg in die Politik und damit in die Öffentlichkeit wählt, darf man nicht zart besaitet sein.

Berliner Morgenpost: Aber wissen wollen Sie es trotzdem.

Koch-Mehrin: In einem Rechtsstaat gibt es die Möglichkeit, sich vor Gericht zu wehren. Dieses wichtige Grundrecht gilt auch für Politiker.

Berliner Morgenpost: Weil Sie gar nicht in den Fokus geraten wären, wenn Sie nicht Politikerin wären, meinen Sie?

Koch-Mehrin: Den Aktivisten auf Websites wie VroniPlag geht es nicht um die Reinheit der Wissenschaft, sondern darum, einen Skandal zu inszenieren. Das funktioniert natürlich besser mit Personen, die in der Öffentlichkeit stehen. Aber den Rechtsstreit führe ich mit der Universität.

Berliner Morgenpost: So oder so wäre wieder Zeit für Ihre Arbeit im Europaparlament. Was haben Sie noch vor bis 2014?

Koch-Mehrin: Im Handelsausschuss des Europäischen Parlaments bin ich mit zentralen Fragen befasst: unter anderem Investitionsschutzabkommen, das Freihandelsabkommen mit Kanada, welches kurz vor dem Abschluss steht, mit Vietnam werden bald Verhandlungen aufgenommen. Für die Handelspolitik ist inzwischen die EU zuständig, und es geht um quantifizierbare Interessen. Das ist angewandte europäische Außenpolitik.

Berliner Morgenpost: Und danach? Kandidieren wollen Sie ja nicht mehr.

Koch-Mehrin: Politik ist für mich ein Mandat auf Zeit, kein Beruf. Für ab Juli 2014 kann ich mir vieles vorstellen.

Berliner Morgenpost: Ist die Sache bis dahin für Sie vergessen?

Koch-Mehrin: Ich muss nicht viel vergessen. Sie sehen mich nicht als unglücklichen Menschen. So eine Zeit, wie ich sie vergangenes Jahr erlebt habe, kann ich natürlich nicht auf die leichte Schulter nehmen. Aber es war auch lehrreich. Vieles hat sich geklärt, wirklich Wichtiges steht wieder mehr im Mittelpunkt. Wenn es immer aufwärts geht, lernt man sehr viel weniger als durch einen Karriereknick.

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