18.11.12

Raketenabwehr

Israel sucht Schutz unter der "Eisernen Kuppel"

"Iron Dome" heißt Israels neue Waffe im Kampf gegen Raketen aus Gaza. Sie holt Hamas-Flugkörper vom Himmel.

Von Philip Kuhn
Quelle: Reuters
18.11.2012 1:00 min.
Israel ist nach den Worten von Benjamin Netanjahu auf eine massive Ausweitung seiner Offensive gegen den Gazastreifen vorbereitet. Die Hamas solle einen hohen Preis zahlen, erklärt Netanjahu.

Neunzig Sekunden nach dem Luftalarm in Tel Aviv gibt es einen lauten Knall. Es ist der dritte Tag in Folge, dass in Israels größter Stadt die Sirenen heulen, doch nie zuvor war die Explosion danach so deutlich zu hören.

So paradox dies klingen mag: Die meisten der Bewohner, die an diesem Samstagvormittag in ihren Treppenhäusern Schutz vor den Raketen suchen, ahnen, dass das ein gutes Zeichen ist. Die Stimmung jedenfalls ist eine ganz andere als am ersten Tag des Alarms.

Nach kurzer Anspannung werden Witze gerissen und Neuigkeiten ausgetauscht, dann verschwinden die Menschen wieder in ihren Wohnungen. "Einen schönen Tag noch", wünschen sie sich gegenseitig. Der Grund für die gelöste Stimmung heißt "Iron Dome", Eiserne Kuppel – Israels neue Waffe im Kampf gegen Raketen aus Gaza.

Seit Samstagmorgen steht eine Batterie des Abwehrsystems im Süden der Großstadt, bei Holon. Nur wenige Stunden nachdem sie montiert wurde, zerstörte das System eine iranische Rakete vom Typ "Fadschr-5". Am Sonntag verhinderte "Iron Dome" erneut einen Raketeneinschlag in Tel Aviv. Der Angriff aus dem Gazastreifen wäre gänzlich spurlos an der Stadt vorbeigegangen, hätten nicht umherfliegende Raketensplitter ein Auto in Brand gesetzt.

Teurer Schutz

"Iron Dome" ist das derzeit wohl modernste Raketen-Abfangsystem der Welt. Es besteht aus Radar, Kontrollzentrum und insgesamt 20 Abfangraketen. Das Radar registriert den Start der Rakete, berechnet in Sekundenschnelle die Flugbahn und übermittelt diese Informationen an das Kontrollzentrum, das wiederum den Einschlagsort bestimmt. Liegt dieser außerhalb bewohnter Gebiete, etwa im Meer oder auf Feldern, schickt das System keine Rakete. Das ist sinnvoll, denn jede einzelne kostet rund 24.000 Euro. Zudem erkennt das System auf wenige Meter genau, von wo aus die Rakete abgefeuert wurde. Schießen Hamas-Terroristen aus einem Hinterhof in Gaza-Stadt, nehmen israelische Kampfjets den Ort sofort unter Beschuss.

Die extrem manövrierfähigen Raketen des "Iron Dome" sind mit elf Kilogramm Sprengstoff bestück und sollen Ziele in vier bis 70 Kilometern Entfernung treffen. Insgesamt decken sie ein 150 Quadratkilometer großes Gebiet ab. Im Jahr 2008 hat Israel "Iron Dome" erstmals getestet, im vergangenen Jahr bestand das System dann seine Feuertaufe: Am 7. April 2001 wurde es erstmals erfolgreich eingesetzt, als es eine im Gazastreifen abgefeuerte "Grad"-Rakete über Israel zerstörte. Fünf dieser mobilen Abschussrampen sind inzwischen in Israel im Einsatz, die meisten davon im Süden an der Grenze zum Gazastreifen. Feste Standorte gibt es nicht: Je nach Bedarf können sie innerhalb weniger Stunden ab- und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden.

Wie effektiv das System in der Bekämpfung feindlicher Raketen ist, darüber gibt es keine exakten Zahlen. Schätzungen variieren zwischen 70 und 90 Prozent Trefferquote. Seit Beginn der jüngsten Gaza-Krise hat "Iron Dome" laut israelischer Armee 168 feindliche Raketen zerstört, 494 sind auf israelischem Staatsgebiet eingeschlagen. Immerhin, die meisten davon auf unbewohntem Gebiet. Absoluten Schutz bietet das System nicht: Erst vor wenigen Tagen starben in Kirijat Malachi drei Israelis durch eine Rakete aus dem Gazastreifen, die nicht abgefangen werden konnte.

Trotz solcher Rückschläge ist die israelische Militärführung von Iron Dome überzeugt. "Die Hamas wird sich genau überlegen, wie sinnvoll es ist, Raketen auf Israel abzufeuern", sagte etwa Israels US-Botschafter Dore Gold im März. "'Iron Dome' hat sich als sehr effektiv herausgestellt", sagt Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu. "Wir werden das System in den kommenden Jahren noch erweitern." Bald sollen zwölf solcher Batterien Israel vor Raketen-Angriffen schützen. Das Militär spricht bereits von einer Zeitenwende im Kampf gegen äußere Feinde.

"Die Israelis sind sehr stolz auf 'Iron Dome'", sagt Arye Shalicar, Sprecher der israelischen Armee. "Erstens ist es ein vollständig in Israel entwickeltes System, zweitens gibt es ihnen ein Gefühl der Sicherheit. Die Situation ist nicht wie beim ersten Gaza-Krieg vor vier Jahren, damals gab es nicht einmal Sirenen." Trotzdem müsse man klar sagen, dass es keine hundertprozentigen Lösungen gebe: "Erst heute ist wieder eine Rakete neben einem Kindergarten gelandet."

Wie sehr sich die Israelis über die von vielen als "Wunderwaffe" gepriesene Raketenabwehr freuen, ließ sich am Samstag im Süden Tel Avivs beobachten. Als die Armee das System dort aufbaute, herrschte Volksfeststimmung. Dutzende Familien pilgerten auf das eher schmucklose Feld bei Holon und bewirteten die Soldaten mit Essen und Getränken. "Du glaubst ja nicht, was hier los ist", teilte ein Mädchen ihrer Freundin angesichts des Massenauflaufs per Handy mit.

Sicherheit der Zivilisten erhöht

"Die Tatsache, dass 'Iron Dome' hier ist, beruhigt mich", sagte Mor Habani. Der 29-Jährige war mit seiner ganzen Familie gekommen, um die Abschussrampe aus der Nähe zu bestaunen und die Soldaten zu begrüßen. Tel Aviv, sagte eine alte Frau, liege nun an der Front. Deshalb müsse ein solches System auch in der Stadt stehen. Dabei wollte das israelische Militär 'Iron Dome' eigentlich gar nicht haben: zu teuer, zu unsicher der Erfolg, unvereinbar mit der Militärstrategie, die eher auf Angriff ausgerichtet ist. Die Israelis haben es dem damaligen Verteidigungsminister Amir Peretz zu verdanken, dass sie nun besser geschützt sind.

Peretz, der während seiner Amtszeit von Mai 2006 bis Juni 2007 heftigen Attacken ausgesetzt war, auch weil er nie einen hohen Posten in der Armee innegehabt hatte, suchte nach dem desaströsen Libanon-Krieg im Jahr 2006 nicht nur nach neuen Strategien im Kampf gegen die äußeren Feinde, sondern wollte vor allem auch das eigene Volk vor ständigen Raketenangriffen schützen. Denn Peretz hatte am eigenen Leib erfahren, was es bedeutete, permanent beschossen zu werden. Der 60-Jährige stammt aus Sderot, jener Stadt, in der zwischen 2001 und 2009 fast zehntausend Raketen aus dem Gazastreifen einschlugen. Bis heute hat er dort ein Haus. Gegen viel Widerstand und mit finanzieller Hilfe der USA setzte er 'Iron Dome' schließlich durch.

Und auch die USA sind von der Effektivität des System überzeugt, wie jüngste Aussagen von Barack Obama belegen. "'Iron Dome' erhöht die Sicherheit der israelischen Familien", sagte der Präsident. Das System habe zahlreiche Raketenangriffe in Israel verhindert. Insgesamt beteiligen sich die USA mit über 70 Millionen US-Dollar an den Kosten. Eine Investition, die sich rechnen dürfte: Mehrere Staaten haben bereits Interesse an 'Iron Dome' bekundet. Darunter Südkorea und mehrere Nato-Länder, die es in Afghanistan einsetzen wollen.

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