18.11.12

Leben in Israel

Von der Pflicht, sein Kind zu belügen

Israel-Korrespondent Michael Borgstede will nicht, dass seine Kinder mit Krieg und Terror aufwachsen. Das ist schwierig, wenn die Sirene heult. Und in vielen Teilen des Landes ist es unmöglich.

Foto: dapd
Mideast Israel Palestinians
Zwei Raketen des israelischen "Iron Dome" über dem Himmel nahe Ashdod

Kaum etwas ist im Journalismus so verpönt, wie der Gebrauch der ersten Person Singular. Zu Recht: Wer sich selbst im Zentrum der Geschichte platziert, verliert leicht den Überblick, wer sich zum Handelnden macht, ist ein schlechter Beobachter. Schon deshalb tue ich mich schwer mit diesem Text. Doch was, wenn die Umstände dem journalistischen Beobachter keine Wahl lassen? Das ist soeben geschehen.

Wir hatten Besuch, als die Sirenen anhoben. Langsam und ohne vor den Kindern Panik verbreiten zu wollen, machten wir uns dann auf den Weg in den Schutzraum, vier Erwachsene und fünf Kinder. Viel Platz war nicht. Der Hund verstand nicht, was los war und wollte nicht mitkommen. Unsere Große machte sich Sorgen: "Wo ist Katja, warum kommt Katja nicht?", fragte sie nervös.

Schutzraum ist zur Rumpelkammer verkommen

Katja kam, sie wollte nur nicht ohne Knochen hinter der Stahltür verschwinden. Einer unserer Gäste, ein Bundeswehrsoldat, der schon ganz andere Dinge mitgemacht hat, redete als Ablenkungsmanöver pausenlos davon, wie praktisch dieser kleine Raum doch zur Aufbewahrung von Einmachgläsern sei und dass man hier dringend mal aufräumen müsste. Zumindest mit Letzterem hatte er recht: Wie alle israelischen Familien haben wir den Schutzraum zu einer Rumpelkammer verkommen lassen. Wer wollte schon glauben, man würde ihn mal brauchen. Jetzt ist es so weit.

Ich mache mir da nichts vor, wir haben wirklich keinen Grund zur Panik. Ein zweiminütiger Alarm am Tag ist ein Witz im Vergleich zu dem, was beispielsweise die Bewohner des Gazastreifens mit Hunderten Luftangriffen in diesen Tagen erdulden müssen. Erstaunlich aber ist, wie sehr schon ein Luftalarm den Alltag bestimmt.

Wir haben drei Kinder: Der Kleinste ist ein halbes Jahr alt und sorgt sich um nichts außer um seine nächste Milchmahlzeit, die Mittlere ist dreieinhalb, hat ein sonniges Gemüt und es bisher fertiggebracht, all das Gerede von Raketen und Sirenen erfolgreich zu ignorieren. Die Große aber ist eher der sensible Typ: Wenn in der beschaulichen Verfilmung von "Wir Kinder aus Bullerbü" der gar nicht nette und bollerige Schuster Herr Nett auftaucht, können schon mal Tränen fließen.

Nur keine TV-Nachrichten schauen

Unsere Kinder wachsen in einem – wie man so sagt – behüteten Elternhaus auf. Wir haben endlose Diskussionen geführt, damit bei der israelischen Großmutter keine Fernsehnachrichten laufen, wenn die Kinder zu Besuch sind. Vom Nahostkonflikt hat selbst die Große noch nichts gehört.

Unser Erziehungskonzept unterscheidet sich da deutlich vom israelischen Mainstream, der eher zu der Überzeugung neigt, man könne dem Nachwuchs gar nicht früh genug klarmachen, dass Antisemiten und Islamisten ihnen nach dem Leben trachten.

Am Holocaustgedenktag gehen unsere Kinder ebenso wenig in die Schule und in den Kindergarten wie am Gedenktag für die Gefallenen. Nach unserer Überzeugung hat der Massenmord an den europäischen Juden im Weltbild einer Dreijährigen nichts zu suchen, auch nicht in der abgeschwächten Version unserer Nachbarskindergärtnerin: " Der böse Hitler hat vielen, vielen jüdischen Kindern sehr weh getan."

Ich belüge mein Kind dieser Tage dauernd

Nun, da einmal täglich die Sirenen kreischen, lässt sich aber nicht mehr alles geheim halten. Und auch wenn bisher keine Rakete in Tel Aviv eingeschlagen ist – das Weltbild meiner sechsjährigen Tochter steht vor der Zerstörung. Ob ich von dem vierjährigen Jungen gehört habe, der verletzt ins Krankenhaus kam, fragte sie mich auf dem Nachhauseweg von der Schule. Ja, entgegnete ich. Der Junge sei ins Krankenhaus gekommen und es gehe ihm schon viel besser.

Ob ihr so etwas auch passieren könne? Nein, natürlich nicht, lüge ich. Das sei vollkommen unmöglich. Mit ihren fast sechs Jahren glaubt sie zwar nicht mehr, dass ihr Vater alles kann. Aber in ihrem Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit traut sie mir noch immer eine Menge Dinge zu, die meine beschränkten Fähigkeiten überschreiten. Woran soll sie denn glauben, wenn nicht daran, dass sie im Schoß der Familie vollkommen sicher ist?

Darum belüge ich mein Kind in diesen Tagen dauernd, es ist meine Pflicht. Immer wieder redet unsere Große von dem Schutzraum, den sie ja erst zwei Mal besuchen musste. Sie will bei uns im Bett schlafen, möchte wissen, was ihre Großmutter gemacht hat, als die Sirene kreischte, und warum es überhaupt Raketen gibt. Und wieder müssen wir uns davor drücken, Dinge zu erklären, die wir noch für uns behalten wollten.

Realität ist selbst für Erwachsene schwer zu ertragen

Bisher haben wir das Phänomen Tod behutsam eingeführt: Über Unfälle haben wir gesprochen, über schwere Krankheiten und darüber, dass alte Menschen sterben. Krieg, Mord und Terror blieben bisher ausgespart.

Natürlich sollen auch meine Kinder ihrer heilen Welt entwachsen, um sich langsam in der nicht ganz so idyllischen Welt der Erwachsenen zurechtzufinden. Gewiss aber muss man alles tun, um zu verhindern, dass diese selbst für Erwachsene schwer zu ertragende Realität sich nun mit jedem Luftalarm erbarmungslos in das Bewusstsein eines Kindes drängt. Hier, in Tel Aviv, haben wir Möglichkeiten, uns zu schützen.

Die Gefahr ist noch recht abstrakt, es gibt viel Ablenkung, das Leben geht – meist – seinen normalen Gang. Gleichzeitig weiß ich, dass es im Süden Israels und in Gaza viel zu viele Kinder gibt, die längst verstanden haben, dass sie im Erstfall niemand schützen kann. Dass selbst ihre Eltern vollkommen hilflos sind.

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