16.11.12

Nahost

In Israel und Gaza wenig Hoffnung auf Waffenruhe

Die Hamas feuerte Raketen auf Tel Aviv und Jerusalem, Israel mobilisiert weitere Reservisten. Eine neue Eskalation im tödlichen Konflikt.

Von Michael Borgstede aus Tel Aviv
Foto: AFP

Das Leid der Zivilbevölkerung: Der palästinensische Junge Fares Sadallah (11) steht weinend vor seinem zerstörten Wohnhaus in Beit Lahia, im Norden des Gazastreifens
Das Leid der Zivilbevölkerung: Der palästinensische Junge Fares Sadallah (11) steht weinend vor seinem zerstörten Wohnhaus in Beit Lahia, im Norden des Gazastreifens

Ein Solidaritätsbesuch sollte es sein, doch das war nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich hatte Ägyptens Präsident Mohammed Mursi seinen Ministerpräsidenten Hischam Kandil wohl auch in den Gazastreifen geschickt, um einen Waffenstillstand auszuhandeln. Zumindest für den drei Stunden währenden hohen Besuch sollten die Waffen schweigen.

Als Kandil am Freitagmorgen eintraf, lagen noch dichte Rauchwolken über Gaza-Stadt: Innerhalb von nur 45 Minuten hatte die israelische Luftwaffe 85 Raketen abgefeuert. Man habe vor allem unterirdische Abschussvorrichtungen unter Feuer genommen, hieß es aus Armeekreisen. Auch Teile des Hamas-Innenministeriums seien zerstört worden. Israels Premier Benjamin Netanjahu hatte dann aber zugesagt, die Angriffe auf den Gazastreifen zeitweilig einzustellen, wenn auch die Hamas für diesen Zeitraum keine Raketen auf israelische Städte abfeuern würde. Die Raketen gen Israel flogen trotzdem. Um die angespannten Beziehungen zu Ägypten nicht zu gefährden, sah Israel eigenen Angaben zufolge von einer Reaktion ab.

Schon am Freitagnachmittag aber war alles beim Alten: Ein Armeesprecher sagte, Israel habe seit Beginn der Offensive rund 500 Ziele getroffen. Die Hamas habe seitdem 550 Raketen nach Israel abgefeuert, von denen mehr als 100 vom mobilen Abwehrsystem "Eiserne Kuppel" zerstört worden seien. Nachdem am Donnerstag drei Israelis von einer Rakete getötet worden waren, berichtete die Armee am Freitag von drei verletzten Soldaten. Nach palästinensischen Angaben hat Israel einen weiteren Kommandeur der radikal-islamischen Hamas getötet. Der Militärchef für den mittleren Abschnitt des Gazastreifens, Ahmed Abu Dschalal, sei zusammen mit zwei seiner Brüder und einem Nachbarn in dem Flüchtlingslager Al-Mughazi von einer Rakete getötet worden. Die Zahl der Todesopfer im Gazastreifen stieg damit auf 29.

Angriff auf pluralistisches Leben

Nicht nur im Süden Israels, auch in Tel Aviv und Jerusalem schrillten am Freitag nur wenige Stunden vor Beginn des Sabbat die Sirenen. Menschen rannten aus ihren Wohnungen, suchten Schutz in Treppenhäusern und – wer es in der kurzen Zeit schaffte – in Schutzräumen. Zwei Fajr-5-Raketen iranischer Produktion hatten am Donnerstagabend in Tel Aviv erstmals seit dem Golfkrieg vor mehr als 20 Jahren einen Alarm ausgelöst. Auch wenn die Geschosse nicht im Stadtgebiet einschlugen und keinen Schaden anrichteten, war damit eine neue, dramatische Eskalationsstufe erreicht. Etwa drei Millionen Einwohner des Großraums Tel Aviv seien nun in Reichweite der Raketen militanter Palästinenser im Gazastreifen, sagte Eytan Schwartz, ein ranghoher Berater des Bürgermeisters. Er sehe darin auch einen Angriff auf den pluralistischen Lebensstil in Tel Aviv, wo Juden mit Muslimen und Christen zusammenleben, so Schwartz, fügte aber hinzu: "Wir werden es den Terroristen nicht erlauben, unsere Lebensart zu ändern."

Ein halbe Stunde nachdem die Hamas am späten Freitagnachmittag eine "Überraschung" angekündigt hatte, kreischten die Sirenen auch in der Heiligen Stadt. Man habe das israelische Parlament, die Knesset, mit M75-Raketen heimischer Produktion beschossen, hieß es in Gaza. Getroffen hatte man ein unbewohntes Gebiet nahe dem Siedlungsblock Gusch Etzion, etwa 14 Kilometer südlich von Jerusalem. Nun müssen also nicht mehr nur die Bewohner von Beerscheba, Aschdod, Aschkelon und Sderot in Angst leben, sondern auch die Einwohner der beiden größten Städte des Landes, Tel Aviv und Jerusalem.

Und so zeigt sich, dass die Offensive trotz der ägyptischen Bemühungen um einen Waffenstillstand längst noch nicht vorbei ist. Der israelische Kommandeur der Heimatfront, Generalmajor Ejal Eisenberg, forderte die Kommunen auf, sich auf eine Kampfdauer von sieben Wochen vorzubereiten. Auch die Vorbereitungen für eine Bodenoffensive laufen weiter: 16.000 Reservesoldaten haben ihren Einberufungsbescheid bekommen, Panzer und Militärfahrzeuge werden ins Grenzgebiet gebracht. Am Nachmittag ordnete Verteidigungsminister Ehud Barak an, weitere Reservisten zur Waffe zu rufen. Schon am Donnerstag hatte Israels Regierung den Weg für die Einberufung von bis zu 30.000 Reservisten frei gemacht.

Warnung vor der Bodenoffensive

Der Islamische Dschihad in Gaza wiederum drohte, im Falle einer Bodenoffensive werde man noch nördlich von Tel Aviv gelegene Ziele unter Beschuss nehmen. Auch in Israel gibt es Stimmen, die vor einer Bodenoffensive warnen. Die möglichen Verluste seien nicht vorherzusagen, das Risiko sei groß und der Nutzen unklar. In der Armeeführung ist man mit dem bisherigen Verlauf der Offensive zufrieden. Die Kritik der internationalen Gemeinschaft am israelischen Vorgehen fällt bisher gemäßigt aus, auf ein Ende der Offensive drängen momentan nur die arabischen Staaten und Russland.

Besonders Ägyptens Präsident Mohammed Mursi hat viel zu verlieren: Der ehemalige Muslimbruder weiß nur zu gut, dass nichts die Massen der arabischen Welt so entflammt wie der Nahost-Konflikt. Am Freitag demonstrierten schon Tausende auf dem Tahrir-Platz in Kairo gegen das israelischen Vorgehen. Mursi steht zwischen den Stühlen: Die Muslimbrüder, die Opposition und der Mann auf der Straße fordern harsche Maßnahmen gegen Israel, doch den diplomatisch unverfänglichen Handlungsspielraum hat Mursi ausgeschöpft. Ein Abbruch der Beziehungen oder eine Aufkündigung des Friedensabkommens würde Ägypten selbst zu sehr schaden.

Nur wenige Stunden nach den ersten Angriffen rief die Regierung in Kairo den ägyptischen Botschafter in Tel Aviv, Atef Salem, zu Beratungen zurück. Der Präsident verfasste ein Protestschreiben an den israelischen Botschafter in Kairo und forderte zügig diplomatische Sanktionen im UN-Sicherheitsrat und der Arabischen Liga. Bisher vergeblich – der Sicherheitsrat tagte ohne Ergebnis, und die Arabische Liga hat eine Dringlichkeitssitzung erst für den heutigen Sonnabend angesetzt. So mobilisiert Ägypten nun die Verbündeten: Man sei bereit, mit der Hamas nach dem Ende der Feindseligkeiten langfristige Absprachen zu treffen, sollen die von Mursi vorgeschickten Jordanier der israelischen Regierung versichert haben.

In Jerusalem hat man interessiert und unverbindlich genickt. Saudi-Arabien soll sich im Auftrag der Ägypter in Washington dafür eingesetzt haben, eine israelische Bodenoffensive zu verhindern. Doch die USA scheinen den Israelis momentan freie Hand lassen zu wollen. In den ägyptischen Medien wird berichtet, die militanten Gruppen in Gaza seien zur Einstellung des Feuers bereit, wenn Israel ebenfalls die Angriffe und gezielte Tötungen beende. Hamas-Sprecher Mohammed Abu-Schaar sieht das allerdings genau andersherum: Israel habe nach den Angriffen auf Tel Aviv erstmals bei den Ägyptern um die Vermittlung eines Waffenstillstandes gebeten, sagte er. Die Hamas habe jedoch abgelehnt.

Noch radikalere Fraktionen

Während Israel nun die Gelegenheit beim Schopf ergreifen und so viele Waffenlager und Abschussvorrichtungen wie möglich zerstören möchte, hat die Hamas ein anderes Problem: Viele der Raketen werden von anderen, noch radikaleren Fraktionen abgefeuert. Ehe die Hamas-Islamisten im Rahmen eines Waffenstillstands die Konfrontation mit ihren Konkurrenten eingehen können, müssen sie sich vorher als die härtesten Kämpfer gerieren.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat ihre Kritik an der Gewalt seitens der Hamas gegen Israel bekräftigt. Für die Angriffe aus dem Gazastreifen gebe es "keine Rechtfertigung", zumal sie die Zivilbevölkerung träfen, sagte Merkel am Freitag bei einem Besuch in Moskau. Die Gewalt erfülle sie "mit großer Sorge". Die Kanzlerin appellierte an Ägypten, seinen "Einfluss auf die Hamas geltend zu machen", damit diese sich mäßige.

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