16.11.12

"Nemesis"

"Der Film ist vom Leben eingeholt worden"

"Nemesis" stand unter einem schlechten Stern: Die Endbearbeitung des Films wurde von Ulrich Mühes Tod überschattet. Nun startete das Kammerspiel wenige Monate, nachdem Susanne Lothar gestorben war.

Quelle: Limagofilm
09.11.12 1:58 min.
Fast wäre der im Jahr 2010 produzierte Film "Nemesis" nie veröffentlicht worden. Der Verleih entschied sich anders und veröffentlicht den letzten Film des verstorbenen Schauspielers Ulrich Mühe.

Gleich am Anfang gibt es eine gespenstische Szene. Da steht Susanne Lothar im Bad, im Abendkleid, aber leer und abgekämpft. Aus ihrem Mieder nestelt sie Pillen. Und dann greift sie zwischen den Handtüchern nach einem Flachmann. Von außen hört man die besorgte Frage, ob es ihr gut gehe. Ja, ruft sie.

Und dann quält sie sich ein erschütterndes Lächeln auf. Im Nachhinein sieht man solch eine Szene völlig anders. Hat sie so, nach dem Tod ihres Lebensgefährten Ulrich Mühe, auch still in sich hineingelitten? Und niemanden etwas anmerken lassen?

Es ist immer ein wenig makaber, wenn nach dem Tod eines Schauspielers noch ein neuer Film ins Kino kommt. Bei Romy Schneider war das so, die 1982 einfach erloschen ist und dann noch einmal in "Die Spaziergängerin von Sans-Souci" wiederkehrte. Ein Film als Vermächtnis. Oder Monica Bleibtreu, die todkrank noch vier Filme gedreht hat, die dann nach und nach zu sehen waren.

Aber noch nie war ein Kinostart so makaber wie Nicole Moslehs "Nemesis". Denn hier ist nicht nur Susanne Lothar zu erleben, die am 21. Juli dieses Jahres verstarb, sondern auch ihr Mann Ulrich Mühe, der fast auf den Tag genau fünf Jahre zuvor, am 22. Juli 2007, verschied. So lange hat es gedauert, bis das Debütwerk doch noch auf die Leinwand kam.

Kammerspiel auf engstem Raum

"Nemesis" ist ein Kammerspiel, das fast ausschließlich auf engstem Raum spielt. Und fast ausschließlich ein reines Schauspielerduell ist. Ein Ehekrieg. Ein Nervenscharmützel. Lothar und Mühe, das war irgendwie immer auch ein öffentliches Paar. Weil sie so symbiotisch waren. Und immer auch zusammen gearbeitet haben, in zahllosen Filmen und noch zahlloseren Bühnenstücken.

Unvergessen Hanekes "Funny Games" (1997), wo sie von zwei Jugendlichen grausam gequält und schließlich umgebracht werden. Oder in Zadeks Inszenierung von Sarah Kanes "Gesäubert", in der sie selbst Gewaltexzesse gegeneinander betrieben, bis das Publikum aus den Hamburger Kammerspielen floh.

Sie waren grandiose Schauspieler, die weit über ihre Grenzen gingen. Aber immer guckte man auch etwas durchs Schlüsselloch, spekulierte ins Blaue hinein, ob die privat auch so miteinander umgingen.

Nach Parallelen kann man auch in "Nemesis" suchen. Auch wenn sie nicht angebracht sind. Es geht hier um eine alte Wunde, die nie verheilt ist. Mühe und Lothar spielen ein Ehepaar, das vor dem Ende steht. Denn in ihrem Haus ist die Schwester der Frau ermordet worden, und der Mann hatte eine Affäre mit ihr. Und doch: Die vorsichtigen Annäherungen und brüsken Abstoßungen haben Mühe und Lothar zur Kunst perfektioniert. Und obschon dies natürlich nie gewollt war, ist das ihr letzter, gemeinsamer Vorhang, der nun endgültig fällt.

Nach Mühes Tod waren Verleiher interessiert

"Nemesis" stand unter einem schlechten Stern. Gedreht wurde er bereits 2006. Schon die Endbearbeitung zog sich lange hin und wurde schließlich von Mühes Tod überschattet. So zynisch das klingen mag: Danach waren gleich mehrere Verleiher interessiert.

Aber Susanne Lothar versuchte dies zu verhindern, vermutlich wollte sie, dass man ihn eben nicht als "Vermächtnis" ansehen solle. Wer den Schluss des Films kennt, kann das verstehen. Am Ende haben sich Schauspielerin und Regisseurin gütlich geeinigt. Es war sogar eine gemeinsame Kinotour geplant – aber dann starb auch Susanne Lothar. Nicole Mosleh bringt "Nemesis" nun im Eigenverleih heraus.

"Der Film ist vom Leben eingeholt worden", gibt sie heute zu. Damit habe sie kein Problem. Aber: Ihn nun zu starten mit zwei Toten, das sei schon sehr sehr bizarr. Eigentlich sollte der Film im Oktober starten, dann gab es aber noch mal eine Verzögerung. Stattdessen wurde er auf den 15. November verlegt. Was keiner bedachte: Es wäre exakt der 52. Geburtstag von Susanne Lothar.

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