16.11.12

Nahost-Konflikt

Kämpfe in Gaza gehen trotz vereinbarter Waffenruhe weiter

Die gegenseitigen Angriffe zwischen der israelischen Armee und militanten Palästinensern gehen auch während Kandils Besuch weiter.

Foto: dpa

Israelische Kampfjets haben am Freitagmorgen erneut schwere Luftangriffen auf Gaza geflogen.
Israelische Kampfjets haben am Freitagmorgen erneut schwere Luftangriffen auf Gaza geflogen.

Das israelische Militär wollte während des Aufenthalts von Ägyptens Ministerpräsident Hischam Kandil im Gazastreifen am Freitag keine Angriffe auf das Palästinensergebiet fliegen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte eingewilligt, einer entsprechenden Bitte der Regierung in Kairo nachzukommen, sagte ein ranghoher israelischer Regierungsvertreter. Einzige Bedingung sei, dass während des für drei Stunden angesetzten Besuchs von Kandil keine Raketen vom Gazastreifen aus auf Israel abgefeuert würden.

Die für den Besuch der ägyptischen Delegation nur vorübergehend vereinbarte Feuerpause hielt allerdings nicht an. Radikale Palästinenser feuerten nach israelischen Militärangaben trotz der Vereinbarung zahlreiche Raketen auf den Süden Israels ab. Die israelische Luftwaffe antwortete nach palästinensischen Angaben mit einem Angriff auf das Haus eines Hamas-Kommandeurs. Dabei wurden zwei Menschen getötet, wie Ärzte vor Ort berichteten. Die israelische Luftwaffe soll auch den Norden der Region angegriffen haben.

Jeep eines Journalisten beschossen

Nach palästinensischen Angaben starb ein 19-Jähriger bei einem israelischen Luftangriff. Israel betonte jedoch, seit 08.00 Uhr MEZ nicht mehr anzugreifen. Seit dem Beginn des Besuchs von Kandil seien aber mindestens 50 Raketen in Richtung Israel abgefeuert worden.

An der Grenze zu Ägypten wurde ein Jeep der Nachrichtenagentur Reuters von einem Geschoss aus dem Gazastreifen getroffen. Alle Insassen seien unverletzt geblieben, aber das Fahrzeug sei erheblich beschädigt worden, sagte ein Sprecher von Reuters in Jerusalem auf Anfrage.

Kandil verurteil Angriffe auf den Gazastreifen

Der ägyptische Ministerpräsident Hischam Kandil hat unterdessen die israelischen Angriffe auf den Gazastreifen verurteilt. Die internationale Staatengemeinschaft dürfe "diese Tragödie" nicht stillschweigend an sich vorbeiziehen lassen, sagte Kandil am Freitag bei seinem Besuch im Gazastreifen. "Die Welt sollte Verantwortung übernehmen und diese Aggression stoppen." Die Regierung in Kairo werde alles in ihrer Macht stehende unternehmen, um einen dauerhaften Waffenstillstand zwischen Israel und den Palästinensern zu erreichen.

Die seit Jahren schwersten Kämpfe zwischen Israelis und Palästinensern hatten zuvor die Angst vor einem neuen Nahost-Krieg geschürt. In israelischen Regierungskreisen wurde eine Bodenoffensive im Gazastreifen nicht ausgeschlossen. Inmitten der eskalierenden Gewalt will der ägyptische Ministerpräsident am Freitag in den Gazastreifen reisen. Der Besuch soll ein Zeichen der Unterstützung für das von der radikal-islamischen Hamas regierte Palästinensergebiet sein, wie aus Regierungskreisen in Kairo verlautete. Die ägyptische Delegation will die Möglichkeiten für die Vermittlung einer Feuerpause ausloten.

Israel fliegt 130 Angriffe auf den Gazastreifen

Auch in der Nacht zu Freitag hatte unterdessen die Gewalt zwischen Israel und den Palästinensern weiter angehalten. Das israelische Militär habe in der Nacht rund 130 Angriffe auf den Gazastreifen geflogen, darunter dutzende Angriffe auf Gaza-Stadt, teilte das Innenministerium der radikalislamischen Hamas am frühen Freitagmorgen mit.

Bei den Angriffen sei ein Gebäude des Innenministeriums der Hamas zerstört worden, sagte ein Sprecher. Augenzeugen berichteten von mehreren zerstörten Trainingsposten, die von militanten Palästinensern genutzt würden. Israels Armee teilte auf Anfrage mit, die Angriffe würden andauern. Aus dem Gazastreifen seien zudem in der Nacht mindestens elf Raketen auf israelisches Gebiet abgefeuert worden.

Am Donnerstagabend wurden bei den Angriffen im Gazastreifen mindestens drei junge Palästinenser getötet, wie die Hamas mitteilte. Seit dem Aufflammen der Gewalt am Mittwoch, als Israel den Militärchef der Hamas getötet hatte, wurden neuen Angaben palästinensischer Rettungskräfte zufolge mindestens 19 Palästinenser getötet, darunter viele Kinder. Auf israelischer Seite starben drei Menschen. Am frühen Donnerstagabend hatten Hamas und Islamischer Dschihad aus dem Gazastreifen zwei Raketen auf den Großraum Tel Aviv abgeschossen. Bei dem ersten derartigen Einschlag seit über 20 Jahren wurde aber niemand verletzt.

Westen besorgt über Hamas

Der Westen und die arabische Welt reagierten zutiefst besorgt auf die Gewalt. Washington erklärte, es gebe "keinerlei Rechtfertigung für die Gewalt" der Hamas. Der britische Premierminister David Cameron drückte seinem israelischen Kollegen Benjamin Netanjahu seine "tiefe Beunruhigung" aus. Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) betonte in einem Telefonat mit Israels Außenminister Avigdor Lieberman das Recht des Landes auf Selbstverteidigung. Frankreichs Präsident François Hollande äußerte sich ähnlich.

Indes verurteilten arabische Staaten vornehmlich das Verhalten Israels. Die Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) sprach von einem "Angriff gegen die Gesamtheit der islamischen Nation" und rief den UN-Sicherheitsrat an. Ägyptens Präsident Mohammed Mursi sagte in einer im Fernsehen übertragenen Ansprache, Israel müsse verstehen, "dass wir diese Aggression, die nur zu Instabilität in der Region führen kann, nicht akzeptieren". Am Freitag wollte Ägyptens Ministerpräsident Hischam Kandil den Gazastreifen besuchen.

Israelische Armee rüstet sich für Bodenoffensive

Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu sprach bei den israelischen Angriffen gar von einem "Verbrechen gegen die Menschlichkeit", wie die Nachrichtenagentur Anadolu berichtete. Russlands Präsident Wladimir Putin forderte zwar beide Seiten zur Deeskalation auf; Israels Reaktion auf den Raketenbeschuss auf den Gazastreifen sei aber "unverhältnismäßig". Tschechiens Präsident Vaclav Klaus sagte wegen der anhaltenden Gewalt eine für das Wochenende geplante Reise nach Israel ab.

Israels Verteidigungsminister Ehud Barak billigte unterdessen die Einberufung von bis zu 30.000 Reservisten. Laut Armee kann die Einberufung jederzeit erfolgen. Die Armee sei dabei, "die Kampagne auszuweiten". Zuvor hatte Netanjahu erklärt, Israel werde "weiterhin alles Nötige tun, um seine Bevölkerung zu schützen". Eine Bodenoffensive behielt sich die Regierung ausdrücklich vor.

Quelle: dap/Reuters/AFP/nbo
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