15.11.12

Israel und Gaza

Die Angst vor einem neuen Krieg in Nahost wächst

Der blutige Konflikt zwischen Israel und militanten Palästinensern im Gazastreifen eskaliert. Auch Tel Aviv ist nun nicht mehr sicher.

Von Michael Borgstede aus Tel Aviv
Foto: Reuters

Aschdod: Israelis suchen in einem ausgemusterten Abwasserrohr Schutz vor den einschlagenden Raketen
Aschdod: Israelis suchen in einem ausgemusterten Abwasserrohr Schutz vor den einschlagenden Raketen

Der Trauerzug mit Ahmed Dschabaris Leiche hatte seinen Marsch von der Omari-Moschee in Gaza-Stadt zur letzten Ruhestätte des am Mittwoch getöteten Hamas-Führers noch nicht begonnen, da gab es schon einen Nachfolger: Marwan Issa wird den militärischen Flügel der Hamas fortan führen, hieß es. Bei der Beerdigung seines bei einem Luftangriff ums Leben gekommenen Ex- Chefs soll der neue starke Mann der Issedin-al-Kassem-Brigaden allerdings gefehlt haben. Wahrscheinlich fürchtete er einen weiteren Angriff der Israelis. Auch andere hochrangige Führer der Islamistenorganisation waren wie vom Erdboden verschluckt, Anrufe wurden nicht beantwortet. Die israelische Armee hat Flugblätter über dem Gazastreifen abgeworfen. Auf Arabisch steht darauf: "Zu ihrer eigenen Sicherheit seien Sie verantwortungsvoll, und vermeiden Sie es, sich in der Gegenwart von Aktivisten und Einrichtungen der Hamas und anderer Terrororganisationen aufzuhalten, die ein Risiko für Ihre Sicherheit darstellen könnten!"

Hamad G. hatte die Warnung der Israelis nicht nötig. "Niemand, der recht bei Verstand ist, geht heute überhaupt vor die Tür", sagt Hamad telefonisch. Er habe mit der Hamas eh nichts zu schaffen, er sei Ingenieur. "Ich stehe hier vor meinem Fenster und bewundere die Rauch- und Staubwolken." Hamad wohnt mitten in Gaza-Stadt. Als am Mittwochnachmittag gegen 16 Uhr der graue Kia-Kleinwagen Dschabaris von einer Rakete getroffen wurde, hörte er den ohrenbetäubenden Knall in der Nähe und wusste: "Das kann nichts Gutes bedeuten. Es geht wieder los!" Seitdem hat er Angst. "Alle haben Angst", sagt er. Vor allem fürchte man, dass es noch schlimmer werde, dass wieder alles in Schutt und Asche gelegt werde wie beim letzten Krieg, und dass viel zu viele Menschen sterben müssen. Innerhalb von nur 24 Stunden hat die israelische Luftwaffe bereits mehr als 200 Ziele in Gaza angegriffen. Dabei wurden bisher 15 Palästinenser getötet, eine schwangere Frau, ein alter Mann und zwei kleine Kinder waren darunter. "Haben die Israelis denn die Bilder von dem toten Säugling nicht gesehen?", fragt Hamad verzweifelt.

Alarmsirenen im Minutentakt

Nein, die Bilder von Omar Dschihad al-Mascharawi haben die Israelis nicht gesehen. Nur elf Monate alt wurde der Sohn eines für die arabische BBC in Gaza arbeitenden Journalisten. Dafür laufen in Israel seit Stunden Bilder eines verletzten israelischen Säuglings auf dem Arm eines Helfers über die Fernseher. Rund 250 Raketen haben militante palästinensische Fraktionen nach dem Anschlag auf Dschabari auf Israel abgefeuert. Fast im Minutentakt schrillen dort die Alarmsirenen, den Bewohnern bleiben meist nur wenige Sekunden, sich irgendwo in Sicherheit zu bringen. Ein normales Leben ist längst unmöglich. Schulen und Kindergärten sind eh geschlossen, auch Theater und Konzertsäle öffnen ihre Tore in diesen Tagen nicht. Laut Militärverordnung dürfen keine Veranstaltungen mit mehr als 100 Teilnehmern mehr stattfinden. Der Oberrabbiner des Landes hat vorgeschlagen, schon geplante Hochzeiten mit mehr als 100 Gästen lieber im intimen Rahmen zu begehen oder in den Norden des Landes zu verlegen. Das Auswärtige Amt in Berlin rät ausdrücklich von Besuchen des Tempelbergs am Freitag ab. Touristen sollten auch größere Menschenansammlungen in unübersichtlichen Situationen meiden. Vor Reisen in den Gazastreifen warnt das Amt dringend.

Die meisten der Geschosse richteten in Israel allerdings keinen großen Schaden an, heißt es noch am frühen Donnerstagnachmittag in Militärkreisen. Das Raketenabwehrsystem "Eiserne Kuppel" funktioniere recht gut und hole mit angeblich 85-prozentiger Genauigkeit nur jene Geschosse vom Himmel, deren vorausberechnete Flugbahn in besiedelten Gebieten enden würde. Bis zum Donnerstagabend sind das immerhin 90 Raketen. Dennoch schlägt in den Morgenstunden eine Grad-Rakete auf dem Dach eines Wohnhauses in der Stadt Kiriat Malachi ein. Drei Menschen kommen ums Leben, zwei Säuglinge und ein vierjähriger Junge werden verletzt. Wenig später wird ein Haus in Sderot direkt getroffen, dort kommt niemand zu Schaden. Drei Soldaten werden von einer Rakete in der Nähe der Stadt Aschkelon verletzt.

Luftalarm in Tel Aviv

Und dann passiert etwas, womit bislang kaum einer gerechnet hatte. Am späten Donnerstagnachmittag wird in Tel Aviv Luftalarm ausgelöst. Das hatte es zuletzt während des Golfkriegs 1991 gegeben. Einwohner berichten, dass sie eine Explosion gehört haben. Aus israelischen Sicherheitskreisen verlautete, eine aus dem Gazastreifen abgefeuerte Rakete sei vor Tel Aviv ins Meer gestürzt. Einige Stunden zuvor hatte ein Geschoss bereits ein offenes Feld neben der Stadt Rischon Lezion, nur zwölf Kilometer südlich von Tel Aviv, getroffen. Opfer habe es keine gegeben, doch noch nie war eine Rakete so weit in den dicht besiedelten Norden geflogen.

Die Raketen auf Tel Aviv verschärfen die Lage erneut. Über den Einsatz von Bodentruppen sei zwar noch nicht entschieden, heißt es in israelischen Armeekreisen. Möglich sei ein Einmarsch aber durchaus. Nicht umsonst trägt die Offensive den Namen "Säule der Verteidigung".

"Wir befinden uns mitten in einem Kampf, der nicht leicht ist und vielleicht nicht kurz sein wird", sagt Verteidigungsminister Ehud Barak bei einem Besuch im Süden des Landes. Es werde Erfolge geben, und man werde Rückschläge einstecken müssen. Israel werde aber alles tun, um seine Abschreckungsfähigkeit wiederherzustellen und den Bewohnern der beschossenen Orte Ruhe zu verschaffen.

Kritik aus der arabischen Welt

Die Israelis fürchten, dass die Zeit für die Militäroffensive bald knapp werden wird. Noch sind die Reaktionen der internationalen Gemeinschaft sehr zurückhaltend, US-Präsident Barack Obama hat sich recht eindeutig auf Israels Seite geschlagen, und eine Sitzung des UN-Sicherheitsrates endet ohne einen Beschluss. Auch Außenminister Guido Westerwelle stellt fest, Israel habe "selbstverständlich das Recht, sich selbst zu verteidigen und seine eigene Bevölkerung vor Raketenangriffen aus dem Gazastreifen zu schützen". Harsche Kritik kommt aus der arabischen Welt: Ägypten zog seinen Botschafter aus Tel Aviv ab, in einem Telefongespräch mit Präsident Obama soll Regierungschef Mohammed Mursi einen sofortigen Waffenstillstand gefordert haben. In Kairo demonstrieren Hunderte gegen die israelische Militäraktion. Sie fordern von ihrer Regierung, das Friedensabkommen von Camp David aufzukündigen, und skandieren "Das Volk will Tel Aviv bombardieren". Auch Jordanien und Katar kritisieren das israelische Vorgehen, Russlands Außenminister spricht von einer "unverhältnismäßigen" Reaktion.

In Israel herrscht weitgehend Einigkeit über die Notwendigkeit der Offensive. Die Vorsitzende der Arbeitspartei, Shelly Jechimowitsch, hat sogar den Wahlkampf für die Parlamentswahlen am 22. Januar ausgesetzt. Ein einsamer Zwischenruf kam vom Friedensaktivisten Gerschon Baskin, der über gute Beziehungen zu ägyptischen Unterhändlern und der Hamas verfügt und bei den Verhandlungen über die Freilassung des 2006 entführten Soldaten Gilad Schalit eine entscheidende Rolle spielte. Er wusste, dass Dschabari zu einem langfristigen Waffenstillstand mit Israel bereit gewesen sein soll. Die Unterhandlungen sollen seit Monaten laufen, Verteidigungsminister Ehud Barak habe sogar einen Ministerausschuss zu dem Thema einberufen. Auch Baskin gibt aber zu, dass Dschabari kein Mann des Friedens war und den Tod seiner Ansicht nach verdient hatte.

In Jerusalem geht man davon aus, dass international schon bald Rufe nach einem sofortigen Waffenstillstand laut werden könnten. Bis dahin will die Armee die Hamas so empfindlich geschwächt haben, dass zumindest für eine Zeit lang im Süden Israels Ruhe einkehrt. Dabei scheinen die israelischen Angriffe deutlich präziser durchgeführt zu werden als bei der letzten Militäraktion vor vier Jahren. Damals kamen bei Luftangriffen und einer sich anschließenden Bodenoffensive 1300 Palästinenser und 13 israelische Soldaten ums Leben. Ein israelischer Militärsprecher sagte Morgenpost Online, man habe bisher davon abgesehen, Ziele in unmittelbarer Nähe von Wohnhäusern oder Krankenhäusern zu beschießen. Noch.

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