16.11.12

Sderot

15 Sekunden, um aus der Dusche zu hetzen

Sderot wird seit elf Jahren von radikalen Palästinensern aus dem Gazastreifen beschossen. Im Schnitt schlagen hier bis zu vier Raketen pro Tag ein. Wie leben die Bewohner mit dieser Angst?

Von Philip Kuhn
Foto: picture alliance / landov

Zerstörung gehört in Sderot zum Alltag der Menschen: Zwischen 2001 und 2009 sind 8700 Raketen aus Gaza in der Stadt eingeschlagen
Zerstörung gehört in Sderot zum Alltag der Menschen: Zwischen 2001 und 2009 sind 8700 Raketen aus Gaza in der Stadt eingeschlagen

Yami Shadadi sitzt im Garten vor ihrem Haus und schlenkert nervös mit den Beinen. Die 53-Jährige spricht, aber man hört sie dabei kaum. Ihre Körperhaltung ist kraftlos, sie macht einen erschöpften Eindruck. Auf den ersten Blick passt diese unglücklich wirkende Frau nicht zum gepflegten Garten, über den die Sonne und der makellos blaue November-Himmel scheinen.

Laut Wetterbericht wird es trocken bleiben in Sderot, der südisraelischen Stadt, die dem Gaza-Streifen am nächsten liegt. Für Yami Shadadi ist das eine gute Nachricht. Denn das Dach des Hauses, vor dem sie sitzt, ist völlig zerstört. Ein Loch, so groß wie ein Esstisch, klafft darin.

Zwei Nächte zuvor hat eine Rakete aus dem Gazastreifen das Dach getroffen, bevor sie auf einem Feld explodiert ist. Das Zimmer unter dem Dach ist eine Trümmerwüste: Dachbalken hängen herunter, auf dem Boden liegen Holz- und Glassplitter. Mühsam sortiert Yamis Sohn Daniel Fotos in zwei Kisten. Auf die Bildschirme seiner Computer hat sich eine Schicht aus Schutt gelegt.

Seit dem Einschlag nicht viel geschlafen

"Ich habe jahrelang darauf gewartet, dass die Raketen kommen", sagt Yami. "Jeder im Ort wartet darauf, dass sie kommen." Seit dem Einschlag hat Yami nicht viel geschlafen. Doch die Lehrerin denkt nicht an Wegzug.

"Vielleicht wenn die Kinder noch kleiner wären." Die Kinder sind alle volljährig. Eigentlich haben sie eigene Zimmer, aber seit dem Einschlag liegen ihre Matratzen nebeneinander im Erdgeschoss. Die Chance bei einem Raketenangriff zu überleben, ist im Erdgeschoss größer.

Sderot ist eine belagerte Stadt. Seit elf Jahren wird sie von radikalen Palästinensern aus dem Gazastreifen beschossen. Nicht jeden Tag, aber doch häufig genug, dass sich ihre etwa 20.000 Bewohner niemals sicher fühlen dürfen. Wie oft haben die Sirenen seitdem geheult? Niemand weiß es. Vielleicht 10.000 Mal, vielleicht doppelt so oft.

Wenn die Raketen aus Gaza kommen, bleiben den Menschen maximal 15 Sekunden. 15 Sekunden, in denen sie aus Toiletten, Duschen oder Autos hetzen müssen, um sich irgendwo möglichst klein zu machen oder in einen der Schutzräume zu rennen, die alle paar Meter in Sderot wie steinerne Bushäuschen an den Straßen stehen.

Im Schnitt bis zu vier Raketen pro Tag

"Können Sie sich vorstellen wie beschissen das ist, wenn die eigene Tochter nackt aus der Dusche rennt, weil die Sirenen heulen?, fragt Aron Schuster. Er ist Bürgermeister der umliegenden Gemeinden. "Landkreis, verstehen Sie", sagt er auf deutsch. Was motiviert ihn auszuharren, an einem Ort, in den es Raketen regnet? "Meine Familie ist vor den Nazis aus Deutschland geflüchtet, über Argentinien, es war eine Odyssee. Für uns war Israel das gelobte Land, ein sicherer Hafen. Wir werden nicht aufgeben."

Seit Beginn der zweiten Intifada im Jahr 2000 ist das Leben in der Stadt nicht mehr das selbe. Zwischen 2001 und 2009 sind 8700 Raketen aus Gaza in Sderot eingeschlagen, im Schnitt bis zu vier pro Tag. 13 Israelis starben in dieser Zeit, viele Häuser und Existenzen wurden zerstört. Etwa 3000 Menschen sind wegen des andauernden Terrors aus der Stadt geflüchtet. Nach einer Untersuchung aus dem Jahr 2007 sind drei Viertel der Bewohner dauerhaft traumatisiert.

Fühlt Schuster Hass gegen die Palästinenser? "Wut, klar, wäre ja gelogen wenn nicht. Ich wünsche mir Frieden. Aber man kann ihnen nicht vertrauen."

Das denken viele in Sderot. Es gibt eine alarmierende Tendenz im gesamten Land, das belegen Umfragen: Die Israelis rücken nach rechts, radikalisieren sich, verlieren Verständnis und Mitgefühl für die Lage der Palästinenser. Der jahrelange Beschuss zermürbt die Menschen und macht sie aggressiv.

Wenig Jobs und viel Armut

Heute ist ein wichtiger Termin für Schuster: Israels Präsident Schimon Peres hat sich angekündigt, um in Sderot eine Schule zu besuchen. Ein symbolischer Termin, sicher, aber auch ein Zeichen, dass die Regierung den Beschuss nicht länger dulden will. Nicht jedem Bewohner ist der hohe Gast willkommen: Sderot ist eine der wirtschaftlich schwächeren Städte des Landes, es gibt wenig Jobs und viel Armut.

Viele sind davon überzeugt, dass die israelische Regierung einen Beschuss Tel Avivs nie dulden würde. Aber mit Sderot, einer gepeinigten Stadt ohne politischen Einfluss, könne man es ja machen.

Als Peres dann kommt, dreht sich alles um die Raketen. Der Bürgermeister von Sderot, David Bouskila, ist da – und sogar Shlomo Moshe Amar, Israels Chefrabbiner, hält Hof in der Stadt. Schulkinder haben sich im Kreis aufgestellt und singen ein Lied. Es handelt davon, dass sie keine Raketen mehr haben und endlich in Frieden leben wollen.

Peres ist sichtlich bewegt. "Für mich sind diese Kinder wie meine eigenen, und ich fühle wie ein Vater", sagt er der "Welt". Der 90-Jährige, der 2003 die Raketen noch als fliegende Pfeifen verharmloste und nicht gerade als Hardliner gilt, schickt an diesem Tag eine klare Warnung nach Gaza: "Wollt ihr Frieden, könnt ihr ihn haben. Wollt ihr töten, finden wir die richtige Antwort."

"Peres lebt nicht hier, oder?"

Die meisten Menschen in der Stadt können darüber nur lachen. "Peres lebt nicht hier, oder?", fragt Lee Ben Waiss, die an der Hochschule studiert. Die 26-Jährige, die in ihrer Mittagspause einen Falafel in Sderots zentraler Einkaufsstraße isst, wirkt fröhlich, aber wenn man sie nach den Raketen fragt, verdüstert sich ihre Miene.

"Man kann sich daran niemals gewöhnen, niemals. Wir haben immer Angst. Wer hier nicht lebt, wird nicht verstehen, wie sich der Alarm anfühlt." Warum ist sie überhaupt noch hier? "Ich will hier fertig studieren, dann weggehen. Es gibt keine Zukunft."

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