15.11.12

Dienstwagen

Chinas blank polierte Korruption auf Rädern

Vier Millionen Dienstwagen düsen durch China – vor allem Audis. Das ist ein lukratives Geschäft für den Autohersteller. Gegen die ausufernde Dienstwagen-Begeisterung halfen auch Gesetze nicht.

Von Johnny Erling
Foto: dpa

Auf den Hinterhöfen des Volkskongresses steht ein Audi neben dem anderen – die Automarke ist als Dienstwagen in China sehr beliebt
Auf den Hinterhöfen des Volkskongresses steht ein Audi neben dem anderen – die Automarke ist als Dienstwagen in China sehr beliebt

Wenn Journalisten in der Großen Halle des Volkes nicht sehen sollen, wie Chinas Parteidelegierte abstimmen, dann werden sie durch den Südeingang über verwinkelte Gänge durch das Volkskongress-Gebäude hindurch in Warteräume geschleust. Das haben bei den Wahlen zum Parteitag die Protokollbeamten der Partei mit Hunderten Pekinger Korrespondenten so gemacht.

Doch die Journalisten, die über die Flure an versteckten Innenhöfen vorbeigeführt wurden, konnten dafür etwas anderes entdecken. Die Innenhöfe des Volkskongresses sind vollgeparkt mit Kolonnen von nagelneuen, blank polierten Audi-Limousinen. Und das, obwohl die Regierung die Nutzung von Dienstwagen einschränken will.

Das Wort für Audi und Dienstwagen hat in China inzwischen einen Gleichklang bekommen. Beamte scheinen die Autos mit den vier Ringen gleich in Massen zu ordern. Die absolute Mehrheit aller Luxus-Dienstwagen in Peking seien Audis, schätzte der Pekinger Autofachmann Lang Xueyi. Vergeblich versuchten seit 2009 auch Marken wie BMW oder Mercedes, Audi den lukrativen Markt abzujagen.

Sparmaßnahmen bei Dienstwagen missglückt

Ebenso vergeblich, wie Pekings Behörden mit ihren Verboten den Anschaffungsboom zu stoppen versuchen. Schon 2004 scheiterte der damalige "ehrliche" Premier Zhu Rongji, als er seinen Beamten die Dienstwagen madig machen wollte, die das Volk "lunzi shang de fubai" (Korruption auf Rädern) nannte. Mit seiner "Dienstwagenrevolution" fuhr Zhu gegen die Wand.

Auch staatlich angeordnete Preisobergrenzen für den Dienstwagen-Einkauf von knapp 20.000 Euro oder das Hubraumverbot über 1,8 Liter nützen wenig. Schon 2011 hatte die "China Business News" geschätzt, dass in Peking, wo fünf Millionen Wagen unterwegs sind, eine Millionen Dienstwagen aller Art herumbrausen und vier Millionen im ganzen Land.

Für Audis Erfolg in China gibt es aber auch eine einfache Erklärung. Die Ingolstädter hatten schon 1988 eine Nase für den gehobenen Automarkt, als sie alle anderen sie für verrückt erklärten. Doch sie ließen in ihrem Joint Ventures in Changchun im Anfangsjahr 499 Audi 100 nach Baukastenprinzip zusammensetzten.

Audi-Limousine ist Inbegriff des Luxus

Die einfache Limousine wurde für Funktionäre der Inbegriff des Luxus. Als dann der A 6 und A 6 L auch in China gebaut wurden, war kein Halten mehr. Bis 2010 setzte die Audi-Gruppe jährlich weit mehr als 20 Prozent als Dienstwagen unter ihren Hunderttausenden in China verkauften Autos ab. Seit die Behörden die Zügel anziehen, wer sich einen Dienstwagen zulegen darf, sind es nur noch 15 Prozent geworden.

Doch die rechnen sich bei weiter steigenden Gesamtumsätzen hoch. Von Januar bis Oktober 2012 hatte Audi mit 330.583 Wagen in China soviel wie im ganzen Jahr 2011 abgesetzt, darunter 65.138 importierte Wagen. Wieviele davon in den Hinterhöfen des Volkskongresses landen, wird statistisch nicht ausgewiesen.

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