15.11.12

Nahost-Konflikt

Die seltsame Stille der Türkei in der Gaza-Krise

Es ist wieder laut geworden um Gaza, Bomben fallen, Regierungen suchen und finden schlagzeilenträchtige Formulierungen. Bei all dem Lärm fällt kaum auf, wie leise die Reaktionen aus der Türkei sind.

Foto: AFP

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan spielt sich gern als Beschützer der Palästinenser auf. Doch im aktuellen Gaza-Konflikt bleibt er auffällig still
Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan spielt sich gern als Beschützer der Palästinenser auf. Doch im aktuellen Gaza-Konflikt bleibt er auffällig still

Gaza! Das war seit der letzten israelischen Offensive vor vier Jahren der Schlachtruf schlechthin für den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Es war der Vorwand für die Provokation der "Hilfsflotte" für Gaza, in deren Folge israelische Kommandos neun gewalttätige türkische Aktivisten auf dem Schiff "Mavi Marmara" erschossen.

Mittelbar ist Gaza der Grund oder Vorwand für den seither andauernden Bruch zwischen Ankara und Jerusalem, und ist als Leitmotiv seiner Rhetorik der wesentliche Grund für die Popularität Erdogans in der arabischen Welt. Er hatte erst vor kurzem – wie mehrfach zuvor – eine "baldige" Reise nach Gaza anvisiert.

Aber jetzt, da wieder, wie Erdogan so oft und gerne beweint, "Kinder in Gaza sterben" unter israelischen Bomben, da ist der türkische Premier seltsam still. Lediglich eine im Internet veröffentlichte Erklärung des Außenministeriums gab es bislang zum Konflikt, der natürlich "scharf verurteilt" wurde.

Erdogan überlässt die Bühne Mohammed Mursi

Erdogan selbst blieb zunächst stumm. Und überließ die Bühne voll und ganz dem neuen ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi. Den Raum, den Erdogans Schweigen ließ, füllten gleich zwei Auftritte Mursis – erst ließ er Israel wissen, dass es mit den "neuen Realitäten" in der Region zu tun habe, also wohl mit neuen Kräfteverhältnissen seit dem arabischen Frühling.

Die neue ägyptische Führung – also er selbst – werde es nicht länger hinnehmen, dass Israel in Gaza eingreife. Wenig später nannte er die Offensive in einer TV-Rede an die Nation "inakzeptabel". Er sei "in Kontakt mit dem Volk von Gaza und werde bis zum Ende neben ihm ausharren". Ägypten verlangte eine Sitzung des UN-Sicherheitsrates.

All das sind Dinge, die man angesichts der antiisraelischen Rhetorik aus Ankara seit 2008 in mindestens gleicher Lautstärke aus Ankara erwartet hätte, und zwar persönlich von Erdogan oder seinem Außenminister Ahmet Davutoglu, nicht in Form von Internet-Verlautbarungen. Warum die plötzliche Stille?

Gibt es eine Absprache mit den USA?

Ein Grund mag sein, dass Ankara die Vorgänge gründlicher durchdenken will, als das in früheren Konflikten der Fall war. Sowohl der "Arabische Frühling" als auch der Syrienkonflikt erwischten die Türkei zunächst auf dem falschen Fuß – die Unrechtsregimes, die gestürzt wurden, hatten davor wärmste Beziehungen zur Türkei genossen – und es dauerte eine Weile, bis man den Ernst der Lage erkannt hatte und sich entschlossen auf die Seite der Gewinner schlug.

Der neue Gaza-Konflikt, insofern er nicht sehr schnell wieder endet, mag zudem hinter den Kulissen sehr viel verwickelter sein, als von außen erkennbar. Beispielsweise könnte sich eine amerikanische Entscheidung über ein härteres Durchgreifen in Syrien abzeichnen, was die Türkei seit langem zu erreichen versucht. Im Gegenzug mag man ihr Zurückhaltung zu Gaza empfohlen haben.

Türkei will Ägypter an sich binden

Eine plausiblere Variante ist freilich, dass Erdogan Mursi den Vorrang lässt, um ihn stärker an sich zu binden. Ägypten ist traditionell der Rivale der Türkei um Einfluss in der Region. Aber das "neue Ägypten" steht der Türkei ideologisch sehr nahe, im Sinne eines "modernisierenden" Islam, und Mursis Führung ist noch jung und zerbrechlich.

Er lässt sich derzeit von Erdogan umarmen, dieser will Milliardenkredite und ein strategisches Bündnis anbieten. Es ist eine Allianz, in der er als gönnerhafter "großer" Bruder auftreten kann, als Erschaffer des "türkischen Modells", von dem sich Mursis Ägypten lernen will. Da kann er es sich leisten, Mursi souverän den Vortritt zu lassen im Protestieren gegen Israel. Auch das hat der Ägypter ja von ihm, Erdogan gelernt.

Um das Bündnis zu besiegeln, reist Erdogan am Wochenende nach Kairo. Da geht es zwar um Wirtschaft und Kredite, aber wer weiß, vielleicht wird die Welt dann staunen, wenn eine neue türkisch-ägyptische Achse auch außenpolitisch Macht demonstriert, durch ein gemeinsames Auftreten der beiden Führer gegen Israel.

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